Projekttag an der Edertalschule

Auf der Flucht in den Westen

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Andreas Schiller (rechts) und Bettina Altendorf von der Behörde für Stasi-Akten, Schulleiter Stefan Hermes, Zeitzeuge Hartmut Richter und Geschichtslehrer Burkhard Wick haben einen Projekttag zum Thema Stasi für die 13. Klassen organisiert.Foto: Kutsch

Frankenberg - Beobachtung, Infiltration und Mord - bei einem Projekttag haben die Schüler der Edertalschule die Arbeitsweise der Stasi kennen gelernt. Hartmut Richter erzählte den Schülern von seiner Flucht aus der DDR.

„Die machen die Grenze zu“, Hartmut Richter war zu Besuch bei seiner Cousine in Westberlin, als sein Onkel verwirrt bemerkte, dass die DDR die Grenze absperrt. Dann schickte er die beiden Jugendlichen schwimmen: „Bis heute Abend ist das bestimmt wieder weg“. War es aber nicht, wie Richter den rund 100 Schülern der Jahrgangsstufe 13 erklärt. Seine Eltern konnten ihn nicht mehr holen. Mit zwei anderen Kindern wurde er schließlich zurück in den Osten zu seiner Familie gebracht. „Keiner dachte, dass die Mauer 28 Jahre stehen bleibt.“

Richter selbst habe sich nie völlig in die DDR integriert: Der erste Widerstand sei gewesen, dass er sich weigerte der „freien deutschen Jugend“ beizutreten. Außerdem habe er Jeans und lange Haare getragen - schließlich mochte er die Beatles. Eines Tages habe die Stasi ihn vor der Schule abgefangen, lange mit ihm diskutiert und ihm schließlich mit Gewalt die Haare abgeschnitten. „Sie können sich nicht vorstellen, wie verletzt man dann ist“, sagte Richter den gebannt lauschenden Schülern der Edertalschule gestern. Der Entschluss sei gereift, den Staat verlassen zu wollen.

Er sei ein guter Schwimmer gewesen und habe durch den Teltowkanal nach Westberlin entwischen können. „Bei der Grenzbeleuchtung gab es am Ufer schwach beleuchtete Stellen“, erzählte er von seiner abenteuerlichen Flucht. Er sei von Schatten zu Schatten getaucht, mehr als drei Stunden unterwegs gewesen, habe schließlich sogar im Schilf bei einer Brücke gesessen, über die zwei Grenzsoldaten mit einem Hund liefen. „Der Hund hat angeschlagen, aber die Soldaten haben ihn beruhigt und sind weiter gegangen. Meine Kiefer haben so geklappert, dass ich meine Hand dazwischen schieben musste.“

Schließlich sei er unter der Brücke durchgetaucht, habe sich in Freiheit gewähnt - und sich plötzlich vor einem „taghell beleuchteten Eisengitter“ befunden. Im hellen Scheinwerferlicht sei er darüber geklettert. „Ich kann nur spekulieren, wieso mich keiner bemerkte“, sprach er aus heutiger Sicht über sein Glück.

Den Projekttag gestalteten neben dem Zeitzeugen Mitarbeiter der Behörde für Stasi-Unterlagen und der Hessischens Landeszentrale für politische Bildung. Vor den Erfahrungen von Richter hatten die Schüler einen Vortrag über die Stasi gehört und selbst mit Fallakten der Stasi gearbeitet.

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