Initiative klärt Fliegerschicksale aus dem Zweiten Weltkrieg – Abschuss bei Bottendorf

Tod im Flugzeugwrack

Initiative Fliegerschicksale Hessen: Mirko Mank und Andreas konnten mehr als 250 Absturzstellen alliierter und deutscher Flugzeuge in ihrer zum Teil 25-jährigen Forschungsarbeit aufklären. Vermisstenschicksale und geborgene Flugzeugtrümmer werden in dem Museum der Öffentlichkeit gezeigt. Foto: Wegst

Bottendorf. Eine völlig demolierte Trillerpfeife, ein kaum wieder zu erkennendes Taschenmesser, eine Zielvorrichtung zum Bombenabwerfen, Fallschirmfetzen und ein Talisman, der einen kleinen roten Widder zeigt: Mit den Überresten aus dem Flugzeugwrack setzt das Museum Geschichte zusammen: Am Nikolaustag 1944 legten mehr als 200 britische Bomber den Stadtkern von Gießen in Schutt und Asche. Das Flugzeug vom Typ Lancaster hatte seine tödliche Fracht bereits abgeworfen, als es von deutschen Nachtjägern getroffen wurde und über dem Schiffenberger Wald abstürzte.

60 Jahre später wurde das Wrack der wohl größte „Fall“ der mittelhessischen Initiative Fliegerschicksale, die das Gelände in monatelanger Arbeit systematisch durchkämmte. Sie entdeckten sogar die „Nikolausration“ der Piloten: Walnuss- und Haselnussschalen unter den Instrumenten des Cockpits. Heute sind ihre Funde im vor wenigen Monaten eröffneten bundesweit ersten Flugzeugwrackmuseum in Ebsdorf bei Marburg zu sehen.

Propeller, Sauerstofftanks, Munitionskästen, zerbeulte Zylinderköpfe und die Motorhaube einer Messerschmitt 109, die jahrelang als Hühnerstall diente, sind ausgestellt.

Den privaten Initiatoren geht es vor allem um die menschlichen Schicksale, die hinter den Funden stehen: Ein Taschentuch mit eingesticktem Namen, Hosenträger und Spindschlüssel erinnern an Unteroffizier Hans Lämmel, der im März 1944 bei Grünberg abstürzte. Von der Wand lächeln Victor Rundle Oats, seine Frau Elisabeth und ein Baby. Der britische Pilot war auf dem Rückweg von Berlin, als er bei Bottendorf abgeschossen wurde. Seinen Sohn lernte er nie kennen. „Der Krieg reißt Leben auseinander“, sagt der Vorsitzende der Gruppe, Mirko Mank: „Er ist nie heroisch.“

Die Initiative Fliegerschicksale fahndet nach abgestürzten Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie will vor allem Vermisstenfälle klären: „Sie sollen ihr Gesicht wieder bekommen“, sagt Vorstandsmitglied Frank Häuser. Seit 1995 haben sie die Überreste von zwölf Flugzeugen und acht Piloten geborgen.

Im Schiffenberger Wald entdeckten sie 320 Knochenfragmente, die Überreste von vier australischen Piloten. Identifizieren konnten sie die Männer mit Hilfe der völlig verdreckten Erkennungsmarke von Joslyn Henderson, damals gerade 20 Jahre alt. 2005 wurden sie auf dem britischen Militärfriedhof in Hannover beerdigt. Zehn Verwandte der Piloten flogen um die halbe Welt, um ihnen die letzte Ehre zu geben.

Anrührend ist auch die Geschichte um den Piloten Werner Radant, der am 24. April 1944 mit einem deutschen Jagdflugzeug bei Staufenberg-Treis abstürzte. Motorblock mit Zylinder und Propellergetriebe stehen heute im Museum. Knochen und Stiefel des damals 28-Jährigen fanden die Experten in vier Metern Tiefe. Vier Wochen später wollte der junge Mann heiraten. Das Brautkleid war schon gekauft.

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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