Christian Engelhardt berät sich mit Spitzenpolitikern und genießt das Familienleben

„Frankenberg ist noch Heimat“

In der Villa „Rettberg“, der früheren Staatskanzlei, in der Frankfurter Straße 2 in Wiesbaden hat der Hessische Landkreistag seine Geschäftsstelle. In seiner neuen Funktion als HLT-Direktor fühlt sich Ex-Bürgermeister Christian Engelhardt wohl. Foto: Raatz

Wiesbaden - Vom zehntürmigen Rathaus in die traditionsreiche Villa „Rettberg“, der ehemaligen Hessischen Staatskanzlei: Vor fünf Monaten wechselte Christian Engelhardt seinen Arbeitsplatz. Seitdem ist in seinem Leben nichts mehr so, wie es einmal war: weder beruflich noch privat.

Lässig lässt er sich in die schwarze Couch in seinem repräsentativen Büro fallen und atmet durch. „Das waren die intensivsten Tage, seitdem ich hier bin“, sagt Christian Engelhardt. Er lehnt sich zurück und berichtet von einer Reise nach Brüssel, diversen Fahrten durch Hessen und noch mehr Telefonaten mit Staatssekretären und Landräten - alles in dieser Woche. „Aber es macht Spaß.“

Am 1. Dezember hat der Ex-Bürgermeister seine neue Stelle als einer von zwei Direktoren des Hessischen Landkreistages (HLT) angetreten. „Die neue Aufgabe ist gewöhnungsbedürftig“, gibt er zu, erklärt aber im nächsten Atemzug: „Im Prinzip haben sich meine Erwartungen aber erfüllt.“ Zuständig ist Engelhardt für die drei Referate Finanzen, für Wirtschaft, Umwelt und Verkehr sowie für Schule und Kultur - allesamt Themen, mit denen er sich in seiner Zeit als Frankenberger Bürgermeister und Mitglied der CDU-Kreistagsfraktion gerne beschäftigte.

Kniffelige Aufgaben

Und doch befände er sich auch noch nach fünf Monaten in der „Einarbeitungsphase“. Die Themen seien einfach „unheimlich komplex“, seine Gesprächspartner Experten in ihrem Fach: statt Halbwissen ist Detailkenntnis gefragt. Zuletzt wirkte er unter anderem bei der Musterklage von drei Landkreisen, darunter Waldeck-Frankenberg, gegen das Land Hessen wegen Verletzung der kommunalen Selbstverwaltungsgarantie durch unzureichende Finanzausstattung mit, außerdem bei den Themen „kommunaler Schutzschirm“ sowie Reform des kommunalen Finanzausgleichssystems. Fingerspitzengefühl sei ebenfalls gefragt, erläutert Engelhardt.

Der HLT ist der kommunale Spitzenverband der 21 hessischen Landkreise. Verkürzt gesagt vertritt der Landkreistag die Interessen der Kreise gegenüber dem Land und dem Bund. „Das bedeutet, dass bei der Arbeit nicht nur parteipolitische, sondern auch regionale Unterschiede zu beachten sind.“ Deshalb seien die Aufgaben meist äußerst kniffelig.

Nicht mehr im Mittelpunkt

Um zu einer Entscheidung zu kommen, seien gefühlt unendlich viele Gespräche erforderlich. Immer wieder würde an Positionen gefeilt, um zu „wohlaustarierten Ergebnissen“ zu kommen. Die Folge ist ein „viel strukturierter Arbeitstag als zu Zeiten als Bürgermeister“. In Frankenberg habe er an einem Tag viele, aber eher kleinere Termine gehabt. „Die Taktung hier ist langsamer, Sitzungen dauern meistens mehrere Stunden.“

„Eigentlich entspricht das gar nicht meinem Naturell“, sagt Engelhardt. Als Bürgermeister sei er es gewohnt gewesen, ohne zeitraubende Absprachen, Entscheidungen zu treffen. „Ich will Themen zügig vom Schreibtisch bekommen, jetzt muss ich immer wieder Schleifen drehen.“

Keinen Hehl macht Engelhardt daraus, dass ihm auch das Scheinwerferlicht fehlt, in dem er als Bürgermeister von Frankenberg im übertragenen Sinn gestanden hat. „Es ist gewöhnungsbedürftig, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Ich war es gewohnt, das erste Wort zu haben“, sagt er. In seiner neuen Position sei er noch nicht einmal Nebendarsteller. Die HLT-Geschäftsstelle mit den diversen Referenten als Unterbau der beiden Direktoren bereite Positionspapiere vor, der ehrenamtliche Präsident, Marburg-Biedenkopfs Landrat Robert Fischbach, vertrete sie öffentlich.

Hinter den Kulissen ist Engelhardt dafür ganz nah dran an den Männern und Frauen, die Hessens Zukunft gestalten. Einer seiner ersten Antrittsbesuche war bei Regierungschef Volker Bouffier, regelmäßig trifft er sich mit den Fraktionsspitzen zu Hintergrundgesprächen: zur CDU hat er enge Kontakte, auch mit Thorsten Schäfer-Gümbel von der SPD berät er sich.

Mitten im Gespräch steht Engelhardt auf - wie als Beleg seiner Rastlosigkeit. Er schreitet zum Fenster und zeigt auf einen Anbau. „Dort hat früher der Ministerpräsident gearbeitet“, erklärt er und erläutert die Geschichte der Villa „Rettberg“ und welche Organisationen im Haus der kommunalen Selbstverwaltung ansässig sind.

Einen neuen Arbeitsplatz hat auch seine Frau gefunden. Die Rechtsanwältin war zuletzt persönliche Referentin des Landesdirektors des Landeswohlfahrtsverbandes, Uwe Brückmann. Seit dem Umzug ist Daniela Engelhardt Leiterin des Präsidialbüros des Landtagspräsidenten Norbert Kartmann. „Im Tagesgeschäft haben wir aber nichts miteinander zu tun“, sagt Christian Engelhardt.

Drei Kilometer, 30 Minuten

Zwischen der HLT-Geschäftsstelle nahe des Staatstheaters und dem Eigenheim, das Daniela, Sophie-Charlotte, Hannah-Marie und Christian Engelhardt bezogen haben, liegen drei Kilometer - Stadtverkehr, also genau das Gegenteil von dem, was der Ex-Bürgermeister in Frankenberg hatte. „Ich brauche jetzt 30 und nicht mehr fünf Minuten von zu Hause in den Kindergarten und weiter ins Büro.“

Beim Stichwort Kindergarten fallen ihm weitere gravierende Unterschiede zwischen der Landeshauptstadt und der „Familienstadt mit Zukunft“ ein. „Hier bezahlen wir für unsere Töchter das Fünffache dessen, was uns die Kinderbetreuung in Frankenberg gekostet hätte.“ Und in den Schulferien sei die Einrichtung sogar noch geschlossen.

Zudem sei die Suche eines Betreuungsplatzes eine Fleißaufgabe. „In Frankenberg rufe ich bei Frau Schultz in der Stadtverwaltung an und erhalte alle Informationen.“ In Wiesbaden würden die Plätze nicht zentral vergeben, sondern direkt durch die Einrichtungen. „Das heißt, in allen infrage kommenden Kindergärten vorbeischauen.“

Fernab der kleinen Ärgernisse merke er aber allmählich, dass er doch eher der „Stadtmensch“ sei - wobei weniger der Umzug von der Kleinstadt in die Großstadt, sondern mehr der Umzug aus dem Stadthaus in die Villa „Rettberg“ sein Leben verändert habe. Denn Wochenendtermine, die für ihn als Bürgermeister Usus waren, sind für den HLT-Direktor Ausnahme.

Mehr Lebensqualität

„Wir haben uns gut eingelebt und genießen es, mehr Familienleben zu haben“, erzählt der Vater, dessen Töchter viereinhalb und ein Jahr alt sind. Unter mehr Familienleben versteht seine Frau allerdings etwas anderes als er. „Daniela freut sich, dass wir hier einkaufen gehen könne, ohne dass sie auf mich warten muss, weil ich an jeder Ecke angesprochen werde“, sagt Engelhardt, grinst und legt nach: „Ganz ehrlich, ich finde es eigentlich schade, dass mich hier noch niemand anspricht.“

Mehr Zeit für die Familie zu haben, vor allem an den Wochenenden, darin sieht er den größten Gewinn. „Wir waren schon mehrfach in Frankfurt, mit meiner Tochter war ich im Kindertheater, wir sind am Rhein gemeinsam Fahrrad gefahren. Ich fange an, diese enorme Lebensqualität zu genießen.“ Die Aufgaben eines Bürgermeisters habe er in den vergangenen Jahren gerne erfüllt. „Das war zum richtigen Zeitpunkt die richtige Aufgabe für mich“, sagt Engelhardt. „Und trotz aller Belastung habe ich auch nichts vermisst, noch nicht einmal freie Zeit.“

Aha-Effekt beim Autofahren

Nun habe ein neuer Lebensabschnitt begonnen, mit einer neuen beruflichen Aufgabe und einem neuen Schwerpunkt auf das Familienleben - ohne beruflich zurückzustehen. „Darüber bin ich sehr glücklich. Ich werde mir nicht vorwerfen müssen, dass ich meinen Kindern etwas schuldig geblieben wäre.“

Zur neuen Heimat, zumindest gefühlt, ist Wiesbaden dennoch noch nicht für Christian Engelhardt geworden. Erst diese Woche sei er in Bad Wildungen gewesen. „Kennen Sie den aha-Effekt, wenn Sie ein KB-Kennzeichen sehen“, fragt er. „Ich hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen.“

Christian Engelhardt im Interview mit FZ-Redaktionsleiter Rouven Raatz über persönliche Betroffenheiten, die Bürgermeisterwahl und den Marsch in den Listenbach:

Als Bürgermeister waren Sie „Nachrichten-Junkie“, haben sich fast rund um die Uhr in sozialen Netzwerken und auf Internetseiten informiert. Verfolgen Sie nach wie vor die Frankenberger Nachrichten?Aber sicher. Ich gucke meist noch vor dem Einschlafen auf der Internetseite der FZ, was am nächsten Morgen in der Zeitung steht. Ich versuche noch immer auf dem Laufenden zu bleiben.

Wie viel persönliche Betroffenheit schwingt dann bei Ihnen mit, wenn es neue Entwicklungen gibt, etwa bei den Themen Biogasanlage, Eder-Galerie oder Stadtsanierung? Sehr viel, weil ich die Dinge, die ich in Frankenberg entschieden und vorangetrieben habe, aus Überzeugung getan habe. Emotional stehe ich hinter den Projekten. Aber ich weiß auch, und deshalb werde ich mich inhaltlich zu den Themen dauerhaft nicht äußern, dass ich die Verantwortung abgegeben habe. Es gehört zur Verantwortung meines Nachfolgers und der städtischen Gremien, die Entwicklung neu zu beurteilen.

Wie intensiv sind noch die Kontakte nach Frankenberg?Das letzte Mal, dass ich mit einem Frankenberger telefoniert habe, war am Mittwoch. Ich habe fast noch jeden Tag Kontakt zu Frankenbergern, sowohl zu aktiven Kommunalpolitikern aus der CDU, als auch zu Freunden. Und wenn ich, rein privat, mal etwas von meinen ehemaligen Mitarbeitern aus der Verwaltung höre, freue ich mich auch. Aber dabei geht es dann nur um private Themen.

Mit ihrem vorzeitigen Abgang haben Sie, zumindest indirekt, für große Probleme innerhalb der CDU gesorgt. Einige Frankenberger werfen Ihnen Verantwortungslosigkeit vor: Sie hätten ihre Partei besser auf die Zeit nach Ihrem Bürgermeisterdasein vorbereiten müssen. Haben Sie Verständnis dafür?Der Vorwurf ist ja, dass ich früher gewusst hätte, dass ich weggehe. Das ist allerdings nicht der Fall. Das mag man mir jetzt glauben oder nicht: Das Ganze hat sich recht kurzfristig ergeben, insbesondere weil die Öffentlichkeit aufgrund Ihrer Berichterstattung meinen möglichen Wechsel zum Hessischen Landkreistag schneller erfahren hat als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Ich wollte erst einmal nur die CDU und mein politisches Umfeld darauf vorbereiten. Ich habe schon versucht, eine möglichst gute Lösung zu finden. Aber sicher ist natürlich auch: Wäre ich nicht gegangen, hätte es die jetzigen Probleme innerhalb der CDU nicht gegeben. Und insoweit ist das natürlich mit ursächlich.

Konkret wird Ihnen aus Ihrer Partei vorgeworfen, dass Sie es nie hätten so weit kommen lassen dürfen, dass ein Grüner und nicht ein Christdemokrat nach der Kommunalwahl im März 2011 Erster Stadtrat geworden ist. Unterstellt wird dabei, dass sich ein Erster Stadtrat Bernd Bluttner im Bürgermeisterwahlkampf viel einfacher hätte profilieren können als so, wo Willi Naumann während der Vakanz im Mittelpunkt stand.Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir die Koalition geschlossen haben, war nicht absehbar, dass ich während der Legislaturperiode gehen werde. Die Entscheidung wurde deshalb gefällt, weil wir auf diese Weise in eine Koalition mit den Grünen gekommen sind. Die Grünen hatten ein sehr gutes Ergebnis bei der Kommunalwahl erreicht und waren in den Verhandlungen sehr selbstbewusst. Uns war es wichtig, einen Partner zu finden, mit dem wir viele unserer Vorstellungen durchsetzen können. Wir haben dafür ja drei Magistratsmitglieder bekommen, haben also eine stabile Mehrheit im Magistrat sichergestellt.

Es hieß vor allem von den Kritikern des bisherigen Stadtverbandsvorsitzenden Rainer Hesse, dass durch die Wahl von Thomas Müller zum neuen Parteichef endgültig die Engelhardt-Ära beendet worden sei. Haben Sie eine Erklärung für diese Aussagen?Die Leute, die jetzt in der CDU Verantwortung tragen, waren Leute, mit denen ich auch in den vergangenen Jahren gut zusammengearbeitet habe. Der Neueste ist Pierre Brandenstein, der war in der vergangenen Legislaturperiode noch kein Fraktionsmitglied. Aber auch mit Pierre Brandenstein hatte ich persönlich ein sehr gutes Verhältnis. Insofern glaube ich nicht, dass man vom Ende einer Ära sprechen kann. Ich kann nicht sagen, wie sich der Politikstil innerhalb der CDU entwickeln wird. Fakt ist aber auch: Der Stil der vergangenen Jahre war von Rainer Hesse geprägt. Jetzt hat die CDU mit Thomas Müller einen neuen Vorsitzenden.

Sie waren ein Verfechter eines Einkaufszentrums auf dem Balzer-Areal. Sind Sie überzeugt, dass Sie eines Tages mit Ihrer Frau und Ihren Töchtern durch die Galerie bummeln werden?Wir werden so oder so immer mal wieder zum Einkaufen nach Frankenberg kommen. Ich hoffe aber schon, dass wir unseren Stadtbummel im Frankenberger Tor beginnen können.

In der vergangenen Woche ist die Leitbild-Diskussion begonnen worden – eine Idee von Ihnen. Wie sieht denn Ihr Leitbild für Frankenberg aus?Die Frage ist, was ein Leitbild sein soll. Meiner Überzeugung nach soll ein Leitbild eine möglichst gemeinsame Vorstellung der Frankenberger Bürger sein, was die Wesenszüge der Stadt sind, in der sie in 20 Jahren leben wollen. Dazu muss man wissen, was einem an der Stadt heute gefällt, was einem nicht gefällt. Die Politik muss eine Orientierung haben.

In weniger als vier Wochen ist Pfingstmarkt. Machen Sie Ihre Ankündigung wahr und marschieren in den Listenbach?Ich habe in meinem Wiesbadener Kalender groß stehen: privater Termin. Ich freue mich auch darauf. Ich bin gespannt, wie es ist, nicht als Bürgermeister im Listenbach zu sein. Ich will richtig feiern und das genießen, denn ich war noch nie im Listenbach, ohne danach noch Verpflichtungen zu haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare