Lehrjahre auf dem Lande

Frankfurt - Frankenberg - Glasgow

+

Frankenberg - Was lernt ein junger Mann aus der Großstadt über das Land, das Leben, über sich selbst in zwei Jahren Frankenberg? Marcel Ruland kann diese Frage genau beantworten.

Zwischen zwei Kisten setzt sich Marcel Ruland auf den Boden seiner leeren Wohnung. Sein Blick geht kurz zum Fenster. Draußen ist es still - ruhig liegt die nahe Burgbergschule. Möglich, dass diese Stille eine der Sachen ist, die der junge Mann am Landleben schätzen gelernt hat. Möglich auch, dass sie zu den Dingen gehört, die ihn stören.

Zwei Jahre lebte Ruland in Frankenberg - er schnitt Haare. Es waren zwei Jahre, die er selbst als wichtig empfand. Wichtig auch für den Schritt, den er jetzt geht: den Schritt in ein neues Leben in Glasgow. „Ich wollte die ländliche Gegend kennenlernen, weil ich das nie hatte“, erinnert sich der Frisör, der seine Jugend im Rhein-Main-Gebiet verbrachte. Auf einem Seminar hatte er die Frankenberger Meisterin Freya Ziegler kennengelernt, rief sie kurzerhand an und hatte bald die Zusage. Wenig später schnitt er nicht mehr zwischen Main Tower und Messeturm, sondern zwischen dem Burgwald und dem Kellerwald.

Es war eine Entscheidung aus dem Bauch für den damals 20-Jährigen, aber eine Entscheidung, die er nicht bereut hat - „es hat mich unendlich weitergebracht“, sagt er. Ruland kennt jetzt beide Lebensweisen - jene auf dem Land und jene in der Großstadt. „Ich kann spontan nicht sagen, was besser ist“, sagt er. Beides habe Vor- und Nachteile. Und über beides gäbe es gewisse Klischees - und nicht immer seien sie nur dies. Konkret: „Der Rückhalt und das Miteinander sind hier besser. Wenn ich hier auf der Straße Hilfe brauche, dann kriege ich sie auch“, sagt er. Die Natur, die Landschaft - das Essen: „Die Auswahl ist kleiner, aber die Qualität besser“, weiß er. Im Gegenzug: „Die Infrastruktur ist katastrophal“, sagt Ruland, der in Frankfurt bewusst auf einen Führerschein verzichtet hat. Einkaufen nach 22 Uhr? Abends von Marburg wieder nach Frankenberg fahren - ohne Auto? Geht nicht.

„Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich jetzt nach Glasgow gehe“, überlegt der junge Mann. Vielmehr aber ist es wohl der Gedanke an etwas Neues - so wie vor zwei Jahren Frankenberg das Neue war. „Ich lasse das Leben mal auf mich zukommen“, sagt der 22-Jährige sorglos. Auch deshalb wohl fiel sein Entschluss, in Glasgow nicht als Frisör zu arbeiten. „Ich werde erst mal als Kellner oder Kassierer schauen, wie ich mein Geld verdiene - und mir dann langfristig was anderes suchen“, hat er beschlossen. Sollte ihm das Haareschneiden fehlen, hätte er wohl kaum Probleme, auch in Schottland eine Anstellung in seinem alten Beruf zu finden: „Die haben da genauso Fachkräftemangel wie wir“, sagt er.

Doch eigentlich möchte er das nicht: „Ich weiß jetzt noch nicht, ob das der Beruf ist, den ich bis zur Rente machen will“, sagt er offen. Es war dieser Beruf, der ihn an die Eder geholt hat, auf das Land. Dem möchte er jedoch vorerst entfliehen - zumindest ein wenig. „Es zieht mich wieder in die Großstadt“, aber eben nicht so ganz. Daher Glasgow. „Die Schotten wissen ihre Natur, ihre Landschaft zu schätzen. Das ist anders, als in England“, sagt er - mehr wie in Nordhessen.

Dass es nicht Frankreich oder Italien geworden ist, irgend ein sonniges Land, in dem sich auch Neues erleben lässt, kann er leicht begründen. „Seit ich 13 Jahre bin, fasziniert mich Großbritannien“ - damals war er auf Schüleraustausch. Es sollten viele Reisen auf die Insel folgen. „Ich finde schnell einen Zugang zu den Menschen dort“, sagt er trotz einiger Vorbehalte, die auch er gegenüber Deutschen ab und an merke.

Eintauchen möchte Marcel Ruland in das Gefühl, das Ausländer in Deutschland haben: „Ich habe 22 Jahre in ‚meinem‘ Land gelebt und hier Ausländer getroffen. Jetzt will ich mal die andere Seite sehen“, sagt er. Was bedeutet es, nur selten in der eigenen Muttersprache zu reden? Wie schnell kann sich ein Auswärtiger in eine fremde Gesellschaft einfinden? Derlei Fragen treiben den lebenslustigen Mann um.

Daher belässt er es nicht mit einem simplen Umzug. Während sein Karton - mehr nimmt er nicht mit auf die Insel - voraus reist, macht sich Ruland auf nach Kanada, in die Staaten und nach Island. „Ich treffe da Menschen, die ich seit sieben Jahren kenne, aber noch nie gesehen habe“, freut er sich. Und glaubt, dass er nur wenig vermissen wird. „Die Bäckereien“, sagt er spontan -, die er in Frankenberg erst schätzen lernte.

Marcel Ruland berichtet über seine Erfahrungen unter http://prestoaghitato.wordpress.com

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare