Zahnarzt-Paar Ressl geht in den Ruhestand

Frieden, Freiheit, Frankenberg

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Die Zahnärzte Paul und Zdenka Ressl haben bewegte Zeiten zwischen Tschechien und Deutschland hinter sich – und in Frankenberg eine neue Heimat gefunden.Foto: Malte Glotz

Frankenberg - Sie flohen vor der Perspektivlosigkeit des tschechischen Kommunismus, bauten sich in Deutschland eine neue Existenz auf und fanden in Frankenberg eine Heimat: Die Zahnärzte Paul und Zdenka Ressl haben in die Münder vieler Frankenberger geschaut. Jetzt gehen sie - ohne Nachfolger - in den Ruhestand.

Tschechien und Deutschland - diese beiden Länder teilen vieles: Positive wie bedrückende Geschichte, bedeutende Künstler und Schriftsteller, die Liebe zum Bier. „Auch die Mentalität von Tschechen und Deutschen ist sehr ähnlich“, weiß die Frankenberger Zahnärztin Zdenka Ressl. Ihre Lebensgeschichte, wie jene ihres Ehemannes Paul Ressl, ist das Produkt dieser deutsch-tschechischen Gemeinsamkeiten und Gegensätze. Sie erzählt vom Streben nach Freiheit, vom Bruch mit der Heimat und vom Finden einer neuen Bleibe. Von einer besseren Zukunft für die Kinder und von der Freude über eine große Wende in der Weltpolitik.

Paul Ressl schildert eine Begebenheit: Die junge Familie lebte nach dem Studium der beiden Zahnärzte in Vimperk - zu deutsch: Winterberg. Die schwer gesicherte Grenze nach Bayern war nur wenige Kilometer entfernt. Der junge Arzt erkundete mit dem Rad regelmäßig den Böhmerwald. „Eines Tages sprangen plötzlich zwei Grenzposten mit Kalasch­nikows aus dem Gebüsch“, erinnert er sich. Er dürfe sich nicht im Grenzgebiet aufhalten, wiesen sie ihn an - „dabei war ich doch in meinem eigenen Land“, empört Ressl sich noch heute.

Sowjet-Denkmal als Zeichen der Perspektivlosigkeit

Er setzte sich wieder auf sein Rennrad, fuhr fort und rief wutentbrannt: „Wartet nur ab. Eines Tages schaue ich euch von der anderen Seite an.“ - Heute ergänzt er: „Zum Glück hatten die keinen Jeep, denn sonst hätten sie mich eingelocht.“

Die Stimmung damals in der Tschechoslowakei sei schwierig gewesen, sagt Paul Ressl: „Wir wurden nicht verfolgt, aber es herrschte absolute Perspektivlosigkeit“, die wie eine Finsternis über dem Leben gelegen habe. Sinnbild all dessen für das Paar: Vimperk wurde zwar durch die US-Armee von den Nazis befreit, doch ein Denkmal im Zentrum dankte der Roten Armee.

Ressls Frau Zdenka ergänzt daher: „Wenn man jung ist, hat man viel Kraft und Optimismus und denkt nicht an das Schlimme, das passieren könnte.“ Das im Hinterkopf machte sich das junge Paar mit zwei Kindern innerlich, kurz darauf auch tatsächlich auf in ein neues Leben.

Von der Tschechoslowakei aus war das einfacher als aus der DDR - ein ungefährliches Kinderspiel war es aber keinesfalls. „Zwischen uns und der Freiheit lagen nur 40 Kilometer - aber unsere Flucht war 4500 Kilometer lang“, sagt Paul Ressl. Diese Reise quer durch Europa begann wie ein Urlaub. Nur dass vor diesem Urlaub der halbe Hausrat verschenkt worden war, der Rest in den eigenen vier Wänden zurückgelassen werden musste.

Mit frischen Pässen - darin der Stempel „Dieser Pass ist nur in Jugoslawien gültig“ - ging es 1982 zuerst nach Jugoslawien. Gute Freunde in Frankreich sollten die Anlaufstelle im Westen sein. Doch einreisen durfte die Familie nur mit einer Einladung. „Wir mussten 14 Tage am Strand zelten“, erinnert sich Paul Ressl - klingt romantisch, war aber eine Nervenprobe. Dann kamen schließlich die Visa. Über Italien und Frankreich reiste die Familie zu Paul Ressls Vater nach Nürnberg.

Wie heute auch wurden die Flüchtlinge vorerst in einem Heim untergebracht: „Aber das ging damals alles viel schneller als heute“, weiß Paul Ressl: „Schon nach zwei Wochen bekamen wir Asyl - das ist heute unvorstellbar.“

Ebenfalls rasch organisiert wurde der Sprachunterricht: Zusammen mit weiteren Akademikern aus dem gesamten Ostblock, aber auch mit Afrikanern wurde wochenlang geübt. Zugleich erlebte die Familie eine Welle der Hilfsbereitschaft: Rasch war eine erste eigene Wohnung gefunden.

„Wir hatten nach einer Woche einen Fernseher, bald eine doppelte Küchen-Ausstattung, zwei Schlafzimmer“, erinnert sich Paul Ressl und lacht: Sein Vater, der schon länger in Deutschland lebte, war Dolmetscher für die Familie und nahm jedes Hilfsangebot gerne an. „Wir waren unglaublich dankbar“, sagt Ressl - der bald schon etwas von dieser Dankbarkeit zurückgab: So viele Spenden hatten sich angesammelt, dass die Familie eine kirchliche Hilfsorganisation bat, die Hälfte des Hausrats für wohltätige Zwecke einzusetzen.

Auch beruflich ging es rasch voran: Nach nur sechs Monaten bekam Paul Ressl eine Stelle als Zahnarzt in Württemberg. Wenig später wurde diese Stelle aber Opfer einer Gesundheitsreform. Die Familie zog dem mittlerweile in Bad Wildungen tätigen Vater hinterher nach Frankenberg. Es folgte eine „Zeit des Nomaden-Lebens“, erinnert sich Paul Ressl: Die Kinder in der Schule in Frankenberg, er innerhalb weniger Jahre bei sieben Zahnärzten als Assistent - zwischen Darmstadt und dem Sauerland.

Zeitnah zur Einbürgerung Anfang der 1990er-Jahre folgte der Schritt in die Selbstständigkeit: „Aber Allendorf war nicht die beste Wahl“, sagt Paul Ressl: Nur Patienten von seiner vorigen Station aus Hatzfeld wollten sich von ihm behandeln lassen. „Da kamen wir durch Zufall an die Räume in der Uferstraße“, sagt der Zahnarzt. 1995 folgte der Umzug - „und die treuen Hatzfelder kamen bis nach Frankenberg“, freut sich Zdenka Ressl, die stets bei ihrem Mann arbeitete.

Ganze 20 Jahre lang sorgte das Paar - mit Angestellten - für hygienische Zähne. „Viele Familien sind uns da ans Herz gewachsen“, sagt Zdenka Ressl wehmütig. Gerade diesen treuen Patienten hätten die beiden Ärzte gern einen Nachfolger präsentiert. Doch: „Die jungen Ärzte wollen lieber in die Großstadt“, bedauert Paul Ressl.

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