Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison – sechster Teil: Der Verband für Elektronische Kampfführung im Auslandseinsatz

Den Frieden sichern in Ländern mit Bürgerkrieg

Frankenberg - Die Frankenberger Aufklärungsfachleute machen sich mit ihrer Arbeit international einen Namen.

Der „Eiserne Vorhang“ ist gefallen, Grenzbäume verschwinden, Europa wächst zusammen - doch auf dem Balkan giften sich Nachbarn an, die lange friedlich zusammengelebt haben: Es brodelt im Vielvölkerstaat Jugoslawien, seit der Kommunistenführer Josip Broz Tito 1982 gestorben ist. Während die Welt 1989/90 auf den dramatischen Wandel im Osten blickt und die deutsche Einheit erlebt, hetzen und zündeln serbische Nationalisten, die von einem „großserbischen Reich“ träumen. Sie entfachen heftigen Widerstand bei den drangsalierten Völkern: Slowenen, Kroaten und Bosnier erklären sich für unabhängig von Jugoslawien - was in einen blutigen Bürgerkrieg mit Vertreibungen, Plünderungen und Massenvergewaltigungen mündet.

Es dauert, bis sich die Staatengemeinschaft zum Eingreifen entscheidet und die Nato im Auftrag der Uno Truppen schickt, die den vereinbarten Frieden mit einem „robusten Mandat“ sichern sollen. Für die Frankenberger Garnison beginnt damit ein neues Kapitel: Seit 1996 ist das Fernmelderegiment 320 - oder seit 2003 das Bataillon für Elektronische Kampfführung 932 - permanent im Auslandseinsatz. Es ist ein grundlegender Wandel, den sich auch viele erfahrene Berufssoldaten nicht hätten vorstellen können. 40 Jahre lang hatte sich die Bundeswehr an Einsätzen außerhalb der Nato nicht beteiligt - abgesehen von der Katastrophenhilfe oder von der Entsendung des Hospitalschiffs „Helgoland“, das 1966 bis 1972 vor der Küste Vietnams dümpelte. Die Bundesrepublik sei nicht voll souverän und dürfe keine Kampftruppen entsenden, betonten Politiker quer durch alle Parteien.

Aber mit der deutschen Einheit 1990 erhielt das Land alle Souveränitätsrechte, und US-Präsident George Bush erwartete, dass die Deutschen ihre Rolle als „Partner in Leadership“ annahmen: Sie sollten bei internationalen Krisen an der Seite der USA Verantwortung übernehmen. Auch militärisch. Doch innenpolitisch gab es heftigen Streit - nicht vergessen war, dass deutsche Truppen 1939 bis 1945 weite Teile Europas verwüstet hatten. Krieg als Mittel deutscher Außenpolitik? Für viele undenkbar. Es wäre ein Bruch mit den Grundsätzen der friedfertigen „Bonner Republik“.

Doch die „geordnete“ Welt des Kalten Krieges gab es nach dem Wegfall des Warschauer Paktes nicht mehr. Und wirtschaftlich nahm die 500 Jahre zuvor begonnene Globalisierung enorm an Fahrt auf, von der die deutsche Exportwirtschaft bis heute profitiert. Angesichts der neuen Lage definierte die schwarz-gelbeBundesregierung von Kanzler Helmut Kohl neue Sicherheitsinteressen, die auch Auslandseinsätze unter einem UNO-Mandat vorsahen - siehe das Zitat aus dem „Weißbuch der Bundeswehr“ unten.

Verteidigungsminister Volker Rühe achtete beim ohnehin anstehenden Umbau zu einer kleineren Bundeswehr auf die Fähigkeit der Verbände, Einsätze im Ausland zu bewältigen - was neue Strukturen, eine neue Ausrüstung und eine andere Ausbildung erforderte. Und er führte Politik und Gesellschaft schrittweise an sein Ziel heran:

War es nicht Bündnispflicht, deutsche Kampfjets im Osten des NATO-Partners Türkei zu stationieren, als eine Militärallianz 1990/91 das von Saddam Husseins Irak völkerrechtswidrig besetzte Kuweit befreite?

Wer konnte 1991 schon etwas gegen deutsche Sanitäter im Bürgerkriegsland Kambodscha haben? Damals kam der erste Bundeswehr-Soldat im Auslandseinsatz ums Leben - bei einem Verkehrsunfall.

Und was sprach gegen das „Brunnenbohren“ und die Truppenversorgung im regierungslosen Somalia, wo UNO-Blauhelm-Soldaten ab 1993 Milizen bekämpfen und das Bürgerkriegs-Chaos beseitigen sollten? Auch zwei Frankenberger Unteroffiziere meldeten sich im Mai 1993 als Freiwillige für diesen Einsatz - der 1995 kläglich gescheitert ist.

Urteil aus Karlsruhe

Aber wo liegen die Grenzen? Das Bundesverfassungsgericht erklärt am 12. Juli 1994 Auslandseinsätze mit UNO- oder NATO-Mandat für zulässig - formuliert aber einen Parlamentsvorbehalt: Der Bundestag muss zustimmen. Das regelt seit 2005 ein Gesetz, das auch den Grundsatz aus der Gründungszeit der Bundeswehr widerspiegelt: Sie unterliegt der parlamentarischen Kontrolle.

So ist auch der Weg frei für den ersten Auslandseinsatz des Regiments - am 15. Dezember 1996 starten zwei Offiziere als Vorauskommando in die südbosnische Stadt Mostar. Sie sollen die Stationierung eines Kontingents in Kompaniestärke vorbereiten, das Teil der „Stabilisation Force in Bosnia and Herzegovina“ werden soll, kurz SFOR. Zwischen 1992 bis 1995 haben sich orthodoxe Serben, katholische Kroaten und überwiegend gemäßigt-muslimische Bosniaken einen blutigen Krieg geliefert. Auf internationalen Druck kommt der Vertrag von Dayton zustande, der einen neuen Staat vorsieht, in dem die Serben eine Autonomie erhalten. Die internationale Friedenstruppe soll die Einhaltung der Regeln überwachen, die Sicherheit stärken und bei Konflikten wenn nötig energisch eingreifen.

Vor Weihnachten werden 17 Fahrzeuge aus der Burgwald-Kaserne verlegt, am 12. Januar 1997 startet das erste Kontingent mit Hauptmann Thomas Hirschhäuser - zuvor haben die Soldaten eine besondere Ausbildung an der Infanterieschule in Hammelburg durchlaufen, die sie auf die Bedingungen im Einsatzland vorbereiten soll. Dies ist bis heute gängige Praxis.

Schutz der Truppe

Die Kompanie soll mit ihrer Aufklärungsarbeit zum Schutz der multinationalen Division Süd-Ost „Salamandre“ in Mostar beitragen und eventuell geplante Störungen des brüchigen Friedens ausmachen. Der Stab ist in einem Feldlager am Flughafen Ortijes untergebracht, auf dem Berg Udric oberhalb der Stadt beziehen die Fachleute für Elektronische Kampfführung mit ihrer Technik Stellung. Außerdem sind mobile Trupps mit Fuchs-Panzern unterwegs.

Die Soldaten müssen vieles erproben und Erfahrungen sammeln. Und sie improvisieren. Dauert es ihnen zu lange, bis Ersatzteile für Fahrzeuge aus dem deutschen Feldlager Rajlovac bei Sarajevo eintreffen, greifen sie auf die Hilfe anderer Kontingente zurück. Dabei erweist sich mitunter bayerisches Dosenbier als internationale „Währung“. Die neuen Wohncontainer sind teilweise undicht, Material und Uniformen müssen erst dem Klima vor Ort angepasst werden. So ist die aufs mitteleuropäische Wetter ausgelegte Klimaanlage in den Metallaufbauten der Lastwagen mit der glühenden bosnischen Sonne überfordert - die Soldaten im Fachdienst schwitzen vor ihren Geräten. Es dauert, bis Sommeruniformen eintreffen. Und im Winter herrscht gerade auf Udric klirrender Frost.

Respekt in der Division

Doch die „Kinderkrankheiten“ werden in den ersten Monaten auskuriert. Fachlich stehen die Frankenberger gleich ihren Mann, auch wenn die Aufklärer jetzt Serbokroatisch statt Russisch beherrschen müssen. Die Fernmelder erarbeiten sich schnell Respekt in der Division.

Die bislang nur bei Manövern geübte Zusammenarbeit mit den ausländischen Kameraden bekommt eine neue Tiefe. Die Division steht unter französischer Führung - wie gut, dass die Frankenberger seit 1989 mit dem 54. Régiment de Transmission im elsässischen Haguenau zusammenarbeiten, 1999 besiegeln sie eine Patenschaft.

Die Versorgung der Kompanie übernehmen Franzosen. Im Feldlager gehen die deutschen Soldaten in deren Kantine, sie beliefert auch Udric. Die Bewachung der Stellung auf dem Berg obliegt 25 Marokkanern.

Nach dem zwölf- bis 14-stündigen Fachdienst gibt es zahlreiche weitere Aufgaben zu erledigen, die Lager wollen auch eingerichtet und saubergehalten werden. Wichtig ist den Soldaten die Verbindung nach Hause, ob per Feldpost oder über Telefon - Handys kommen gerade erst auf.

Am 27. November 2002 stellt das Regiment eine weitere EloKa-Kompanie für das Außenlager Filipovici auf.

Am 16. Dezember 2004 treten die Fernmelder in der Kaserne zum Abschlussappell an: Rund 1300 Soldaten sind bis dahin im Süden Bosniens gewesen, die 28 Kontingente kommen auf insgesamt 3102 Einsatztage.

Doch der serbische Präsident Slobodan Miloševic zündelte weiter. 1989/90 ließ er die Autonomierechte für das mehrheitlich albanisch besiedelte Kosovo aufheben, die heftigen Proteste führten 1998/1999 zu Gefechten zwischen albanischen Kämpfern der UCK und der jugoslawischen Armee, Hunderttausende Zivilisten flohen - im März 1999 griff die NATO auch ohne Zustimmung der Uno mit Luftschlägen ein. Auch die deutsche Luftwaffe beteiligte sich.

Einsatz im Kosovo

Im Sommer 1999 rückt die Nato-geführte Friedenstruppe KFOR ins Kosovo ein - diesmal mit einem UNO-Mandat. Erstmals ist die Bundeswehr im Süden für einen eigenen Sektor verantwortlich. Und wieder sollen Frankenberger Fernmelder aufklären: Am 29. Juni werden die ersten 64 Soldaten aus der Burgwald-Kaserne in die Stadt Prisren verlegt, dem Sitz des deutschen Kontingents. Sie bleiben, bis ein wichtigerer Auftrag ihren Abzug erfordert:

Im September 2001 richtet sich der Blick auf ein anderes Land im Chaos - Afghanistan, das seit 30 Jahren nicht mehr zur Ruhe kommt. Es wird ein schwerer Auftrag.

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