Frankenberg/Frankenau

Früher Tod als Begleiter einer Familie

Frankenberg - Der frühe Tod ist das Schicksal einer Familie. Über Generationen begleitet Dr. Carsten Weber-Isele in seinem Roman "Blauschneetage" die Mitglieder. Es ist ein Erstlingswerk, das zum Nachdenken anregt.

Sich hinsetzen und schreiben - für die einen ist das Beruf, für die Nächsten ein Grauen und für Carsten Weber-Isele ist es pure Erholung. Jahrelang hat er sich eine Geschichte aus dem Kopf geschrieben und hielt am Ende genug Seiten in den Händen, um schließlich ein eigenes Buch zu veröffentlichen: „Blauschneetage“, erhältlich seit dem 9. Januar.

Ein eigenes Werk zu schaffen, das sei für ihn gar nicht vorrangiges Ziel gewesen, erzählt er. „Für mich ist das Schreiben Gegenpol zum Alltag“, sagt Weber-Isele - er ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankenberg. Diesen Gegenpol hat er offenbar so dringend gebraucht, dass es ihm jahrelang nicht möglich war, überhaupt daheim zu schreiben, in der Nähe des Arbeitsplatzes. „Das ging nur in Tisens“, erinnert er sich. Der Arzt ist ein großer Wintersport-Freund und regelmäßig in Südtirol. Nach dem Austoben auf der schneebedeckten Piste kam für ihn das Entspannen - wobei sich zeitgleich eine fesselnde Geschichte entspann.

Die macht es dem Leser anfangs jedoch nicht gerade einfach: „Weil ich keinen Verlag habe, musste sich darauf auch nicht achten“, sagt Weber-Isele, der sein Werk selbst veröffentlichte. Drei Handlungsfäden stellt er auf den ersten Seiten scheinbar losgelöst neben-einander. Es sind drei Geschichten, die ihren ganz eigenen Verlauf nehmen und erst auf den letzten Seiten mit einem geschickten Knoten verbunden werden. Der rote Faden ist ein dunkler Begleiter in diesem Buch, denn er ist der Tod. Ein früher Tod.

Weber-Isele ist zwar Arzt und die eigentliche Hauptperson eine Erkrankung, die Huntington’sche Krankheit. Doch in den Vordergrund stellt der Autor beides nicht. Weder wirft er mit Fachbegriffen um sich noch schafft er Kitsch wie die Schwarzwaldklinik. Vielmehr entwirft Carsten Weber-Isele­ ein raffiniertes Familienporträt, das die Leidtragenden über Generationen begleitet - trotz nicht einmal 200 Seiten schafft er das beeindruckend vielschichtig.

Drei Handlungsstränge

Sprachlich grenzt der Autor seine Handlungsstränge klar gegeneinander ab: klassisch der umfassendste Erzählstrang, der im späten 19. Jahrhundert beginnt und sich in gewohnter Erzählmanier stetig fortbewegt, durch die Jahrzehnte zieht und sich auf die beiden anderen Ebenen zubewegt. Hermann ist der Charakter, auf den Weber-Isele das Auge des Lesers lenkt. Ein Junge, später Vater und Großvater, der zerrissen wirkt zwischen Angst, Hass und Liebe zum Knecht der Bauersfamilie, der seine Frau liebt und dennoch ein Kind mit der Magd zeugt, der seine Kinder begeistert in den Krieg schickt und sie verwundet, gebrochen zurückerhält. Und ein Mann, den die mysteriöse Krankheit seiner Frau nicht trifft.

Sie ist es, die „Chorea Huntington“ in die Familie bringt. Das Leiden ist nicht ansteckend, aber erblich. Bis ins Erwachsenenalter ist den Erkrankten nichts anzumerken, bis Muskulatur und Mimik zu entgleisen beginnen. Nach spätestens 15 Jahren ist der „Veitstanz“, wie diese Degeneration des Gehirns früher hieß, vorbei - ein frühes Ende für jeden, der das entsprechende Gen trägt.

Scheinbar losgelöst von alledem zieht Weber-Isele eine Erzählebene in Ich-Perspektive ein. „Das bin allerdings nicht ich“, betont er - auch wenn die Geschichte des Buches vage jener seiner Familie entspricht. „Die Charaktere habe ich vor dem Schreiben entworfen, darum hat sich der Rest entwickelt“, erklärt der Arzt, der in Frankenau lebt.

So entstand auch Herbert. Sein Part in dem Erstlingswerk ist sicher am komplexesten - denn Weber-Isele lässt den Ich-Erzähler über das Leben von Herbert sprechen, also im Konjunktiv, seitenweise. Herbert ist ein durchaus moderner Mensch, der von seinem Schicksal auf mindestens ebenso moderne Weise erfährt. Er wählt den Weg der griechischen Tragödie - und lässt den Ich-Erzähler wie den Leser mit einer verblüffenden Erkenntnis zurück.

Jahre hat die Arbeit an dem Buch gedauert - ein Verlag fand sich nicht. „Aber das hatte ich erwartet“, sagt Weber-Isele fast schon befreit. Ihm komme es darauf an, etwas in der Hand zu halten: „Das ist ein Teil von mir, etwas ganz Persönliches.“ Ein Problem, so etwas in die Öffentlichkeit zu geben, hat er nicht. Er geht sogar noch weiter: Derzeit arbeitet Carsten Weber-Isele an einigen Kurzgeschichten. Die will er dann frei ins Internet stellen.

Carsten Weber-Isele, „Blauschneetage“, ISBN: 978-3-7322-6473-5, 12,90 Euro. Das Buch ist erhältlich im Internet und auf Bestellung im Buchhandel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare