Bildung der Großgemeinde

Gebietsreform: Warum Bottendorf nicht nach Burgwald wollte

Zeitzeugen: Ihre Erinnerungen an die Gebietsreform und das anschließende Zusammenwachsen der Großgemeinde Burgwald schildern die langjährigen Kommunalpolitiker aus Bottendorf Gerhard Wünsch (links) und Heinz Klem (rechts) sowie Adam Daume, von 1991 bis 2009 Bürgermeister der Gemeinde Burgwald, im Garten hinter der HNA-Redaktion in Frankenberg.
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Zeitzeugen: Ihre Erinnerungen an die Gebietsreform und das anschließende Zusammenwachsen der Großgemeinde Burgwald schildern die langjährigen Kommunalpolitiker aus Bottendorf Gerhard Wünsch (links) und Heinz Klem (rechts) sowie Adam Daume, von 1991 bis 2009 Bürgermeister der Gemeinde Burgwald, im Garten hinter der HNA-Redaktion in Frankenberg.

Bei der Gebietsreform vor 50 Jahren wollte ein Teil der Bottendorfer selbstständig bleiben, ein anderer sich Frankenberg anschließen. Beides misslang. Wir erinnern an die turbulente Zeit und wie es zum Zusammenschluss mit Burgwald kam.

Bottendorf – Für viele Bottendorfer war es damals ein schwarzer Tag in der Geschichte ihres Heimatdorfes: Am 20. September 1973 bestimmte der Landtag in Wiesbaden endgültig, dass die Gemeinde Bottendorf der schon 1971 gegründeten Großgemeinde Burgwald mit Wiesenfeld, Industriehof, Birkenbringhausen und Ernsthausen (siehe unten) angegliedert wird. Das enttäuschte sowohl die Sozialdemokraten, die für einen Anschluss an Frankenberg gekämpft hatten, als auch die, die sich für den Erhalt der Selbstständigkeit eingesetzt hatten.

„In Bottendorf waren viele der Meinung, selbstständig bleiben zu können, vor allem die Wählergemeinschaft“, erinnert sich Gerhard Wünsch (70), der von 1972 bis 1974 der Bottendorfer Gemeindevertretung angehörte – damals als Mitglied der Fraktion Jungwähler. Später, 1981 bis 2021, vertrat er die Wählergemeinschaft Bottendorf im Parlament Burgwald.

Den Anspruch auf Selbstständigkeit begründeten die Bottendorfer mit der vorhandenen Infrastruktur in der „Wachstumsgemeinde“, wie aus Zeitungsberichten hervorgeht. Als gravierender Punkt kam laut Wünsch hinzu: „Bottendorf war eine der größten Gemeinden im Altkreis Frankenberg und eine der wenigen, die einen hauptamtlichen Bürgermeister hatte.“ Das war seit 1968 Fritz Thiele, der 1974 dann zum Bürgermeister der Großgemeinde Burgwald wurde – und es bis 1991 blieb.

Fritz Thiele, Bürgermeister von Bottendorf und Burgwald.

Gegen den Wunsch auf Selbstständigkeit sprachen allerdings die Vorgaben des Landes Hessen: Bottendorf hatte zirka 1600 Einwohner, die zukünftigen Gemeinden sollten jedoch größer als 2000 Einwohner sein.

„Die Bottendorfer Sozialdemokraten sagten: ,Wir gehören dahin, wohin das Wasser fließt!“ Sie meinten damit, dass die Nemphe nach Frankenberg fließt“, erinnert sich SPD-Mitglied Heinz Klem (70), der 1974 ins Parlament der neuen Großgemeinde Burgwald gewählt worden war, sich dort viele Jahre als Gemeindevertreter und auch als Parlamentschef sowie als Ortsvorsteher in Bottendorf engagierte. „In Frankenberg haben die Bottendorfer geheiratet, dort gingen sie zu Ärzten, in die Geschäfte und dort hatten viele ihre Arbeitsstellen“, beschreibt er die Gründe der SPD.

Die beiden Meinungen prallten im Ort aufeinander. „Der Frankenberger SPD-Ortsvorsitzende Otto Nolte, der aus Bottendorf stammte, warb bei Geburtstagsfeiern für den Anschluss an Frankenberg!“, erinnert sich Wünsch. Die Wählergemeinschaft ihrerseits ging durch den Ort und sammelte Unterschriftenlisten für die Selbstständigkeit. Flugblätter wurden von beiden Seiten verteilt. „Es gab so eine Art Hass-Liebe zwischen Bottendorf und den ,Illerstrotzern’, wie die Frankenberger Städter genannt wurden. Die Rivalität gab es auch im Fußball“, erläutert Wünsch.

In einer turbulenten Sitzung der Bottendorfer Gemeindevertretung am 11. Oktober 1971 kam es zur Kampfabstimmung. Mit acht zu fünf Stimmen wurde die Eingliederung nach Frankenberg beantragt. Der Kreistag stimmte zu. Die Kreisstadt hatte schon zu Beginn des Prozesses der Gemeindereform um umliegende Gemeinden geworben – auch mit finanziellen Anreizen. Am 1. Juli 1971 hatten sich bereits die jetzigen zwölf Stadtteile angeschlossen. Mehr ließ das Land nicht zu, obwohl weitere Orte Schlange standen und schon Grenzänderungsverträge mit Frankenberg aufgesetzt hatten, auch Bottendorf.

Doch das Land sagte Nein und verwies auf die Modellplanung, nach der Bottendorf Burgwald zugeordnet werden sollte. Das wollte im Bottendorfer Parlament aber keiner. Einstimmig fasste es am 23. Dezember 1971 den Beschluss, selbstständig bleiben zu wollen. Heinrich Kohl, damals Staatssekretär im hessischen Innenministerium und vorher Frankenberger Landrat, unterstützte den Beschluss im Ministerium. Doch das Ministerium beharrte auf Eingliederung in die Gemeinde Burgwald, die erst mit Bottendorf zu einer leistungsfähigen Gemeinde werde.

„Das stieß bei allen in Bottendorf auf Unverständnis, da zu Burgwald keinerlei Verflechtungen bestanden“, erinnert sich Wünsch. Die Gemeindevertretung forderte am 14. Februar 1973 mit zwölf Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen erneut, die Eigenständigkeit zu behalten. Sollte dies nicht möglich sein, dann sollte es an Frankenberg angeschlossen werden, so der Beschluss. Die SPD hatte dazu formuliert: „Die von der Natur im gesamten Burgwald gezogene Wasserscheide trennen Bottendorf von der Großgemeinde Burgwald.“ Und weiter: „Wenn überhaupt in Zusammenhang mit der Gebietsreform von Verflechtungen und strukturellen Verbindungen gesprochen werden kann, so sind beide nur zwischen Frankenberg und Bottendorf seit Generationen gegeben.“

Der Widerstand der Bottendorfer blieb erfolglos. Der Landtag ordnete den Ort im September 1973 der Gemeinde Burgwald zu. Damit gab es keine Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen, auch nicht per Normenkontrollklage, die die SPD angestrebt hatte. Aus Frust über die Entscheidung der SPD-geführten Landesregierung verließen etliche Bottendorfer Sozialdemokraten die Partei.

Zum 1. Januar 1974 trat der Zusammenschluss mit Burgwald in Kraft. Gerhard Wünsch: „Ich kann mich noch erinnern, dass sich in der Silvesternacht 1973/1974 viele Bottendorfer Einwohner und Gemeindevertreter am DGH versammelten und eine schwarze Fahne gehisst wurde.“

Kirchturm-Denken? In Bottendorf verweigerte man sich lange dem Zusammenschluss.

„Die fünf Ortsteile sind zusammengewachsen“

Trotz des anfänglichen Widerstands der Bottendorfer sind die fünf Ortsteile heute längst zur Gemeinde Burgwald zusammengewachsen. Da sind sich die beiden ehemaligen Bottendorfer Gemeindevertreter Gerhard Wünsch (WGBO) und Heinz Klem (SPD) sowie Adam Daume (71), von 1991 bis 2009 Bürgermeister der Gemeinde Burgwald, einig.

„Bottendorf hat gesehen, dass der Ort von den Gewerbeeinnahme der in Burgwald ansässigen Firmen profitiert“, schildert Daume. Pflichtaufgaben wie die Wasserversorgung, die Kanalisation und der Straßenbau seien gemeinsam umgesetzt worden. „Auch die Grenzgänge, die wir seit 1992 im Fünf-Jahres-Rhythmus begehen, haben zu mehr gegenseitigem Verständnis geführt“, sagte Daume. Ebenso habe die Entwicklungsgruppe Burgwald, deren Vorsitzender er von 1993 bis 2008 war, mit ihren Projekten – zum Beispiel die Wanderwege im Burgwald – zum weiteren Zusammenhalt beigetragen.

Auch wenn es – gerade in den Zeiten, als die Gemeinde noch mehr Geld zur Verfügung hatte – hin und wieder unterschiedliche Meinungen über Projekte einzelner Ortsteile gegeben habe, sei man immer mehr zusammengerückt. Seit Jahren gebe es keine festen Koalitionen mehr. Bürgerlisten der verschiedenen Orte und Parteien kooperierten, schildern die ehemaligen Kommunalpolitiker.

Wie schätzen sie die aktuelle Entwicklung ein zu immer mehr Kooperation zwischen Großgemeinden und sogar zu Zusammenschlüssen, wie es Allendorf und Bromskirchen vorhaben?

Gerhard Wünsch: „Die Gemeinde Burgwald soll so bleiben, wie sie jetzt ist – ohne einen Zusammenschluss mit einer anderen Kommune.“

Heinz Klem: „Wenn Zusammenschluss, dann mit Frankenberg. Schade, dass sich unser Standesamt nun im Oberen Edertal befindet.“

Adam Daume: „Einen Zusammenschluss mit Gemeinden des Oberen Edertal sehe ich kritisch. Die Burgwalder orientieren sich nach Frankenberg. Wenn die Verhältnisse weitere Fusionen ergeben sollten, dann sollte es Frankenberg sein.“ Von Martina Biedenbach

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