Gedanken zum Advent: Offen auf Flüchtlinge zugehen

„Das Fremde darf nicht fremd bleiben“: Dr. Monika Güttinger aus Röddenau mit dem Flüchtlingsjungen Hinner aus Eritrea. Foto:  nh

Frankenberger Land. In der Serie „Gedanken zum Advent“ kommen an den Adventssamstagen vier Menschen zu Wort, die sich Gedanken über ein aktuelles Thema machen. Zum Auftakt Dr. Monika Güttinger aus Röddenau, die sich im "Netzwerk Integration" in Frankenberg für Flüchtlinge engagiert.

Armut, Krieg und Not gab es schon immer, aber selbst vor 20 Jahren waren Länder wie Afghanistan oder Eritrea so weit weg, daß sie auch auf einem anderen Planeten hätten liegen können. Heutzutage ist die Welt ein globales Dorf und man kann nicht erwarten, daß die von Armut und Krieg Gepeinigten weiterhin leise sterben ohne uns mit ihrem Elend zu behelligen.

Es ist völlig belanglos, ob man Zuwanderung gut oder schlecht findet. Die Flüchtlinge sind da und Teil unseres Lebens wie Vertriebene, DDR-Übersiedler, Rußlandaussiedler, (ehemalige) Gastarbeiter und andere Neubürger auch. Wer nicht aus humanitären, ethischen oder christlichen Motiven helfen will, sollte es aus pragmatischen Gründen oder purem Egoismus tun. Denn je schneller die Flüchtlinge versorgt, ausgebildet und in Lohn und Brot gebracht werden, desto schneller können sie von Leistungsempfängern zu Leistungsträgern werden.

Das Gegenteil von (Nächsten)liebe ist nicht Haß, sondern Gleichgültigkeit und das ungebildete, schreiende Haß-Pack von Pegida ist nicht das Volk, sondern der Pöbel. Es ist auch nicht richtig, daß die Flüchtlingskrise Deutschland spaltet. In einer Krisensituation wird nur schneller und deutlicher sichtbar, wer die Helfer, wer die Gleichgültigen und wer die Brandstifter sind.

Kühle Rechner, die meinen, Not und Elend in volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnungen gießen zu müssen, sollten Folgendes berücksichtigen:

Ein „deutsches“ Kind kostet seine Eltern im Durchschnitt 110.000 Euro bis zum 18. Lebensjahr (Statistisches Bundesamt), den Staat 220.000 Euro. So gesehen stellt jeder 18-jährige Flüchtling einen gesamtwirtschaftlichen Aktivposten von 330.000 Euro dar - ein Schnäppchen. Selbst wenn wir die Flüchtlinge in Unterkünften mit goldenen Wasserhähnen unterbrächten und jedem einzelnen täglich 3 Stunden Einzelunterricht spendierten, könnte ein junger Flüchtling nicht so viel kosten wie er der Volkswirtschaft einspart.

Dazu wird jeder Cent, der in Flüchtlinge investiert wird, in Deutschland ausgegeben und stellt somit ein Konjunkturpaket für die deutsche Wirtschaft dar. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung erwirtschaftet ein Flüchtling schon nach durchschnittlich 6 Jahren mehr als er kostet. Fangen Flüchtlinge erst an zu verdienen, haben sie einen riesigen Nachholbedarf an Konsumartikeln, da sie mit nichts als den Kleidern am Leib gekommen sind. Diese Steigerung der Binnennachfrage wird Deutschland in 5-7 Jahren einen Wirtschaftsboom bescheren.

Unabhängig von der Kostenrechnung brauchen wir Millionen junger Menschen (allein bis 2030 jährlich eine halbe Million), wenn wir möchten, daß in 30 Jahren noch jemand unsere Renten bezahlt und uns pflegt und damit den Generationenvertrag erfüllt. Da wir es versäumt haben, uns die großen Mengen von gut ausgebildeten jungen, arbeitslosen Spaniern, Italienern und Griechen zu schnappen, können wir froh sein, daß Flüchtlinge unsere alternde Gesellschaft verjüngen. Die Alternative wäre, das Problem des demographischen Wandels der nächsten Generation zu überlassen und unsere Kinder und Enkel zu verdammen, unerträglich hohe Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zu bezahlen.

Daß gerade ältere Menschen und diejenigen, die wenig von der Welt gesehen haben, alles Fremde auf eine diffuse Art als bedrohlich empfinden, ist menschlich verständlich, muß aber durch seriöse Information eingedämmt werden.

Nach dem Krieg ist es dem in Trümmern liegenden Deutschland gelungen, Millionen von Vertriebenen zu versorgen, obwohl die Wirtschaft am Boden lag. Damals kam ein Vertriebener auf 5 Altbürger. Heutzutage kommt ein Flüchtling auf 100 alteingesessene Deutsche bei etwa 60-facher (!) Wirtschaftskraft (Stat. Bundesamt) als Ende der Vierziger.

Dieses Jahr geben wir gerade mal 14 Mrd. Euro für Flüchtlinge aus. Das sind 0.46 Prozent unseres Volkseinkommens und 4,7 % unseres Staatshaushaltes. Ist ein Land, das 0.46 % seines Volkseinkommens für Flüchtlinge ausgibt, wirklich am Rande der Überforderung?

Die deutsche Wiedervereinigung hat uns 2000 Mrd. Euro gekostet.

Ein halbe Million Flüchtlinge kosten uns nach Angaben des Deutschen Städtetags 7 Mrd. Euro und deswegen werden Weltuntergangsszenarien gemalt. Die Olympiade in Hamburg wird den Steuerzahler mindestens 7,4 Mrd. Euro kosten, aber deswegen zuckt niemand mit der Wimper. Hallo?!! Geht´s noch??? Was ist das für eine Werterelation?

Die Herausforderung für unsern STAAT liegt nicht in den Kosten, sondern in der Geschwindigkeit der Zuwanderung und dem eklatanten Defizit, ausreichend Sprachunterricht zu organisieren. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist die Grundvoraussetzung dafür, daß sich die Flüchtlinge – besser Neubürger, von “Kostenfaktoren“ in Steuerzahler und Beitragszahler verwandeln können und zu den Altenpflegern, Elektrikern, Zimmerleuten, Dachdeckern, Metallfacharbeitern, Ingenieuren, Maschinenbauern, Ärzten und Rettungsassistenten werden, die Deutschland dringend braucht.

Die Herausforderung für unsere GESELLSCHAFT liegt jedoch in der Integration der Neuankömmlinge und die Gesellschaft ist jeder einzelne von uns.

Das Wort „Zivilisation“ kommt von lat. „civitas“, das „Gemeinwesen“ bedeutet. Ein Gemeinwesen ist viel mehr als ein Staat.

Integration, also die Aufnahme von Fremden in eine Gemeinschaft, kann nicht vom Staat geleistet werden und somit auch nicht an staatliche Strukturen abgeschoben werden. In einem Gemeinwesen muß jeder Einzelne Verantwortung übernehmen und die Summe des guten Willens in der Bevölkerung entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg einer Aufgabe.

Kommunalpolitikern wie Stadtrat Thomas Rampe, der als einer der Ersten Wohnraum an einen Flüchtling vermietete, gilt mein besonderer Respekt; ebenso unserem Ortsvorsteher Heinrich Wilhelm Röse, der mit gutem Beispiel voranschreitet und demnächst ebenfalls eine leerstehende Wohnung an eine Flüchtlingsfamilie vermieten wird. Das Gegenteil von (Nächsten)liebe ist nicht Haß, sondern Gleichgültigkeit.

Nächstenliebe scheint mit dem Quadrat der Entfernung des Nächsten zu wachsen und man spendet gerne Geld für „arme Menschen“ in Afrika, aber es fällt schwer, auf den Afrikaner zuzugehen wenn er vor uns steht. Aber genau das ist jetzt gefragt, nicht Ängstlichkeit, Zaudern oder Kleinmut.

Das Fremde darf nicht fremd bleiben, sondern muß vertraut werden und verliert damit seine Bedrohlichkeit. Seien Sie nicht zaghaft, laden Sie einen Flüchtling am Sonntag zum Kaffee ein oder zeigen Sie ihm Ihre Stadt! Ich verspreche Ihnen, er beißt nicht!

Wir vermitteln gerne Kontakte: Tel. 06458/5090601

Dr. Monika Güttinger Röddenau

Quelle: HNA

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