Theater in Frankenberg

Es geht auch blöder

Franeknberg - Das Landestheater aus Marburg unterzog Molières vermeintlich unverwüstliche Komödie vom Geizigen dem ultimativen Härtetest und war, wenn man so will, erfolgreich. Der Witz blieb bei der Aktualisierung gegen jeden nur erdenklichen Strich vollkommen auf der Strecke.

Im Januar noch begeisterte das hessische Landestheater die Zuschauer in der ausverkauften Ederberglandhalle mit dem Woyzeck-Musical. Das Folgegastspiel mit Molières Geizigem füllte gerade mal drei Reihen mit Zuschauern. Die ach so wenigen dürften so manches mal während der 90 Minuten ihr Kommen bereut haben. Denn die von Marc Becker in Szene gesetzte Produktion verweigerte so gut wie jeden bekannten Witz der Vorlage, blieb aber weitgehend den Gegenwartshumor schuldig, der jede noch so kühne Aktualisierung, ganz im Sinne Molières, gerechtfertigt hätte.

Schließlich hatte der Komödienschreiber schlechthin das seit der Antike immer wieder gern dramatisierte überzeitliche und allgemeinmenschliche Thema für das Paris des Sonnenkönigs als Bürgerkomödie für seine Epoche fruchtbar gemacht.

Doch der Brückenschlag zur derzeit grassierenden Geiz-ist-geil-Mentalität gelang in der Marburger Produktion zu keiner Sekunde, auch wenn so gut wie jeder Gewerbetreibende seine Internetadresse aufsagte oder gar durch einen Werbeflieger durch das Panoramafenster im Hintergrund fliegen ließ.

Der ständig belebte Blickfang im Zentrum des Bühnenbildes von Harm Naajier erwies sich bis kurz vor Schluss - als sich der Fokus auf das in der Badewanne durch die Ederberglandhalle zur Bühne paddelnde Geschwisterpaar Valère / Marianne (Daniel Sempf / Victoria Schmidt) richtete - als die szenische Hauptattraktion der auf 90 Minuten eingedampften Produktion. Über weite Strecken erwiesen sich allerdings 15 Minuten des mittels zweieinhalb Running Gags über die Zeit geschleppten Geiz-Dramoletts als gefühlte Stunde.

Mit der ironisierten Wiedererkennung der Geschwister, die sich nach einem Schiffbruch aus den Augen verloren hatten - und der Rückkehr des ebenfalls verschollenen und steinreichen Vaters Anselmo (Alexander Peiler) - erreichte die Inszenierung am Ende nicht nur das vorgeschriebene Happy End, sondern auch die Entstehungszeit des Stückes.

Ansonsten experimentierte Marc Becker eher erfolglos mit simultan auf die Bühne gebrachten Zeitebenen. Die Besetzung von Harpagons Barock gewandeten Kindern Cléante (Jürgen H. Keuchel) und Élise (Christine Reinhardt) mit deutlich älteren Darstellern als der im Jogging-Anzug herumlümmelnde Geizkragen von einem Vater (Tobias M. Walther) bot zwar die Vorlage für einen Running Gag, nahm der Geschichte aber den Charme des Generationskonflikts, der - gerade in Herzensangelegenheiten - notwendig zum Geiz- und Geldthema gehört.

Vollkommene Desorientierung

Dem jüngeren Miesepeter in Boxhandschuhen fehlt jede Motivation eines reifen Mannes, dem Jungspund und späteren Erben, der die Zeit und sein Aussehen auf seiner Seite hat, mittels Erfahrung eine nach der anderen reinzuwürgen. Harpagons Schatz, um den sich das ganze Geschehen dreht, wurde auch keine Sekunde Bühnenrealität und weder ein- noch ausgegraben. Ein weiterer Umstand, der den Zuschauern die Orientierung in diesem szenischen Niemandsland mit Sitzlandschaft und zwei Punchingbällen nicht gerade erleichterte.

Der in holländisch gespielte Part des als Doppelagent aktiven Dieners La Flèche (Alexander Peiler) brachte zwar einige im Saal zum Lachen, sorgte auf Dauer aber eher für Rätselraten - auch wenn das meterlang aus der Hose gezogene Kleingedruckte des Wuchervertrags für den knapp gehaltenen Sohn zu den wenigen szenisch gelungenen Elementen der Produktion gehörte. Als Unsympath schlechthin machte Tobias M. Walther, der sich als beraubter Harpagon mittels Crowdfounding vom im Geiselhaft genommenen Publikum seinen Schatz zurückholen wollte, natürlich einen Riesenjob, verweigerte aber das Grundelement der Komödie: das Lachen über Eigenschaften, von denen der Zuschauer oder seine Angehörigen und Nachbarn selbst nicht ganz frei sind.

Falls vollkommene Desorientierung das Ziel von Marc Beckers Inszenierung gewesen sein sollte, dann hat der Regisseur sein Ziel erreicht. Gute Unterhaltung oder Sensibilisierung über die Lachmuskeln für einen allgegenwärtigen und überzeitlichen Themenkomplex, der sich mit jeder Generation neu aufstellt, stand jedenfalls kaum auf seiner Agenda. Die Entscheidung für die Übersetzung von Wilfried Minks und Thomas Körner, die schon beim Ersteinsatz vor 30 Jahren für ihre Kalauer auf Mike-Krüger-Niveau gerupft wurde, mag zu diesem Fiasko beigetragen haben. In Anlehnung an den Werbeauftritt des Blödelbarden (Es geht auch Krüger), könnte dieser weitgehenden pointenfreie Geizige unter dem Motto „Es geht auch blöder“ stehen.

Von Armin Hennig

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