Allendorf (Eder)

Gemeinden droht Organistenmangel

- Allendorf-Rennertehausen (da). Beim Gedanken an CD-Spieler als Ersatz für Orgelpfeifen graust es Musikfreunden. Doch einigen Kirchengemeinden bleibt schon bald wohl keine Alternative.

Ein Gottesdienst ohne Orgelmusik ist für viele Pfarrer und Kirchgänger nur schwer vorstellbar. Doch sie werden sich daran gewöhnen müssen, wenn nicht mehr Organisten gefunden werden. Denn den Gemeinden gehen die Musiker aus.

Aktuelles Beispiel ist die Kirchengemeinde Dodenau/Reddighausen. Die ist nicht nur momentan ohne Pfarrer, sondern bald auch ohne Orgelspieler, berichtet Edwin Plies, Kantor des Dekanats Biedenkopf, zu dem das Obere Edertal gehört. Die derzeitige Organistin gehe in wenigen Monaten in den Ruhestand. Die wertvolle mehr als hundert Jahre Orgel in der Dodenauer Kirche schweigt also zumindest vorübergehend. Auch im Hinterland des Kreises Marburg-Biedenkopf hören mehrere Kirchenmusiker auf.

In vielen Gemeinden sei deswegen immer häufiger am Sonntagmorgen zu hören: „Heute singen wir ohne Orgel“, sagt Plies. Im Gottesdienst würde stattdessen beispielsweise zur Gitarre gegriffen.

Nicht nur Organisten, die altersbedingt aufhören, sind das Problem. Es gebe zwar in einigen Gemeinden jugendliche Musiker, sagt Plies. Doch die verlassen oft für Studium oder Beruf die Heimat. „Das ist besonders schade: Man hat den Nachwuchs ausgebildet, die Leute spielen ordentlich, und dann müssen sie wegziehen.“ Die, die bleiben, seien die Ausnahme.

Aber Nachwuchs ist ohnehin rar, „und das macht Probleme“, sagt Kantor Plies. Er bildet derzeit nur vier Schüler aus. Gitarre oder Keyboard sind für den Kantor nur eine Notlösung, wenn es um die musikalische Begleitung geht. „Zu einem Gottesdienst gehört die Orgelmusik. Ohne die Orgel fehlt das Hauptelement.“ Verkraftbarer, wenn gleich ebenso schade, sei die fehlende Orgel bei Bestattungen. Es sei aber an Wochentagen noch schwieriger, Organisten zu finden, als an Sonntagen, sagt Plies.

Doch es gibt auch Gemeinden, die solche Sorgen noch nicht haben. In Rennertehausen und Battenfeld teilen sich beispielsweise Marlies Hoffmann und Lisa Marie Schäfer den Organistendienst. Beide trennt ein Altersunterschied von fast 50 Jahren, doch sie verstehen sich gut. Jede ist alle zwei Wochen mit dem Organistendienst an der Reihe. „Manchmal fällt es schwer, morgens aufzustehen“, sagt Lisa Marie Schäfer (18). „Aber es macht Spaß und ich kann mir etwas dazuverdienen. Und zwischendurch bekommt man auch mal ein Lob, das tut gut.“

Für sie als Schülerin ist das Orgelspiel eine willkommene Ergänzung zum Taschengeld. „Was gibt es Schöneres, als mit der Musik Geld zu verdienen“, sagt sie. Bei Marlies Hoffmann hat sie ihren ersten Klavierunterricht gehabt und kam darüber zum Orgelspiel. Hoffmann spielt schon seit 1955, Lisa Marie Schäfer seit 2005. „Wir kommen richtig gut zurecht“, sagt die 67-jährige Marlies Hoffmann über das Organistenteam. Bislang wurde in Rennertehausen und Battenfeld deshalb nie eine Vertretung benötigt.

Doch wenn Lisa Marie Schäfer studiert, könnte es auch in den beiden Dörfern zu Engpässen kommen. Kantor Plies hofft deshalb auf neue Schüler aus dem Oberen Edertal.

Noch nicht so dramatisch sei die Situation im Kirchenkreis Frankenberg, sagt Kreiskantorin Irene Tripp. Aber: „Es werden weniger.“ Sie bildet die Organisten im Frankenberger Land aus und hat derzeit 19 Schüler. „Es gab aber auch schon Zeiten, in denen ich Interessenten absagen musste“, berichtet sie und lobt das Engagement derer, die Sonntag für Sonntag in der Kirche sitzen. Außer in Obernburg gebe es derzeit überall Organisten. „Es ist toll, die Orgel spielen zu können“, sagt sie. Doch Jugendliche hätten heute kaum Zeit: Die Schule dauere lange, nach dem Nachmittagsunterricht fehle oft die Energie, noch in der Kirche zu üben. „Es gehört ein großes Maß an Idealismus und Liebe zur Musik dazu.“ Außerdem sei das Orgelspiel nicht mehr so gefragt. „Die Kirche ist nicht mehr so präsent in den Köpfen.“

Die Pfarrer seien sensibilisiert und suchten nach neuen Organisten. „Denn ein CD-Spieler, wie es in manchen Gemeinden schon üblich ist – das ist einfach nur furchtbar.“

Wer Interesse am Erlernen der Kirchenorgel hat, meldet sich beim Biedenkopfer Kantor Edwin Plies, Telefon 06461/926564. Interessenten aus dem Kirchenkreis Frankenberg wenden sich an Irene Tripp, Telefon 06451/4515.

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