Liedertafeln Frankenberg und Schreufa wollen Vereine zusammenführen

Aus Gemeinschaft wird Einheit

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Den gemeinsamen Ton treffen: Werner Hermenau (l.) und Gerhard Cloodt wollen ihre Vereine zum Männergesangverein „Liedertafel Frankenberg 1902 und Schreufa 1875“ verschmelzen lassen.Foto: tt

Frankenberg - Es ist ein Schritt mit Seltenheitswert: Die Mitglieder der Liedertafeln aus Frankenberg und Schreufa wollen ihre Vereine zusammenführen. Ein Weg, der die Tradition mit berücksichtigt, aber auch neue Möglichkeiten bietet.

Wenn Gerhardt Cloodt, Vorsitzender des MGV Liedertafel Frankenberg 1902, und Werner Hermenau, Vorsitzender des MGV Liedertafel Schreufa 1875 über die Liebe zum Gesang sprechen, dann sind sie kaum zu stoppen. Es geht um Anekdoten, Leidenschaft, Begeisterung und Ehrgeiz. Es geht aber auch um ihre Vereine voller Tradition. Eine Tradition, die - verbunden mit dem hohen Durchschnittsalter der Mitglieder - manchmal im Weg stehen kann.

Jetzt wollen sie einen Weg einschlagen, den so noch nicht viele gegangen sind: Aus zwei Vereinen soll einer werden. Wenn die Mitglieder am 23. Januar bei der gemeinsamen Jahreshauptversammlung für die Verschmelzungsvereinbarung stimmen, dann singen sie künftig im Männergesangverein „Liedertafel Frankenberg 1902 und Schreufa 1875“.

Die Verschmelzung ist eine besondere Art der Fusion. Es entsteht ein neuer Vereine, ohne die Tradition aufzugeben. Das heißt, Sänger, die seit 49 Jahren im Schreufaer MGV aktiv sind, werden 2016 auch für ihre langjährige Mitgliedschaft geehrt. „So stoßen wir niemandem vor den Kopf“, sagt Hermenau. Gerade für die älteren Mitglieder würde die Tradition eine wichtige Rolle spielen.

„Keiner wollte eine Vereinsauflösung. Das war von Anfang an klar“, erklärt Gerhardt Cloodt. Vor einem Jahr erteilten die Mitglieder den Auftrag, Möglichkeiten einer Zusammenlegung auszuloten. Herausgekommen ist die Verschmelzung. Cloodt und Hermenau sind sich sicher, dass nun auch der Großteil für diesen Schritt stimmt - eine Dreiviertelmehrheit wird benötigt.

Für die beiden Vorsitzenden ist die Verschmelzung der logische nächste Schritt. Vor etwa drei Jahren bildeten Schreufaer und Frankenberger eine Chorgemeinschaft. „Die Vereine haben sofort harmoniert. Wir haben gesungen, als hätten wir all die Jahre zusammengehört“, beschreibt Hermenau den Beginn der Zusammenarbeit. Es sei wie bei einem Ehepaar gewesen, witzelt Gerhard Cloodt, sie hätten sich gesucht und gefunden. Die Frankenberger suchten Stimmen für den ersten Tenor, die gab es in Schreufa. Die Schreufaer suchten Sänger für den zweiten Bass, die gab es in Frankenberg. „Hätten wir die Chorgemeinschaft nicht gegründet, dann würde sich die Liedertafel Schreufa mittlerweile in der Auflösung befinden“, glaubt Hermenau. Entweder es werde gehandelt, oder man lasse es ganz sein. Die Vorsitzenden wollen handeln.

Zu kämpfen haben sie mit den gleichen Problem, wie viele andere traditionsreiche Männergesangvereine auch: Es mangelt an neuen Mitgliedern. „Es gibt einen Punkt im Altersdurchschnitt, ab dem es schwer ist, jüngeren Generationen Anschluss zu bieten“, beschreibt Werner Hermenau eines der Probleme - und meint damit zum Beispiel das Liedgut. In der künftigen Liedertafel Frankenberg und Schreufa werde erst mal nicht „Tage wie diese“ von den Toten Hosen gesungen. Das heiße aber nicht, dass auf Dauer nicht auch modernere Stücke einstudiert werden. „Wir müssen als Männerchor sehen, dass wir in einer anderen Zeit leben und uns auch anpassen,“ fordert Cloodt.

Für diese andere Zeit stehe zum Beispiel der Trend, sich nicht mehr ein Leben lang an einen Verein zu binden. Das passe auch zum Erfolg vieler Projektchöre, die nicht zwingend auf Dauer ausgelegt sind. Das funktioniert zum Beispiel auch beim Schreufaer Projektchor „Feel Good“. „Die Leute kommen und gehen, Traditionsvereine haben es da eher schwer“, so Werner Hermenau. Dabei kann er selbst als positives Beispiel dienen. Zunächst habe er kein Interesse am Singen im Chor und an regelmäßigen Proben gehabt. „Dann habe ich mir das mal genauer angesehen.“ Hermenau trat der Liedertafel in Schreufa 1990 bei, seit 1998 ist er Vorsitzender des Vereins.

Dass Chorgesang nach wie vor auch bei jungen Menschen gefragt ist, würden zum einen eben jene Projektchöre oder positive Beispiele wie Bottendorf und der Birkenbringhäuser Leistungschor beweisen. Zum anderen werde das aber auch durch die Einladungen zu Auftritten deutlich, die die Männergesangvereine erhalten, sagen Cloodt und Hermenau.

Ihnen ist es wichtig, bei all den Diskussionen um Verschmelzung und Mitgliedermangel das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren: Die Freude am Gesang und das Gemeinschaftserlebnis im Chor.

Mit der Zusammenlegung der Männergesangvereine wollen die Mitglieder einem weiteren - in vielen Vereinen bekannten Problem - vorbeugen. Sie verteilen die Aufgaben des Vorstands auf breite Schultern. Es wird zwei Vorsitzende, zwei Kassierer und zwei Schriftführer geben. Durch die Aufgabenteilung soll verhindert werden, dass Posten unbesetzt bleiben.

Für Cornelia Scheerer, Vorsitzende des Sängerkreises Edertal, kommt der Schritt überraschend - aber „allemal ist es besser für das kulturelle Leben in den Orten, wenn der Chorgesang bestehen bleibt, als wenn die Vereine ihr Buch ganz zu machen“.

Die Frankenauerin weiß um die Bedeutung der Zusammenarbeit. In Frankenau und Altenlotheim gibt es seit etwa 25 Jahren eine Chorgemeinschaft, „und das funktioniert wunderbar“. Wichtig sei, dass für die Sänger durch den neuen Verein nicht der Bezug zur Stadt beziehungsweise zum Dorf verloren gehe.

Das ist in Frankenberg und Schreufa gegeben. Die 49 Sänger proben wechselnd im Vielphonraum der Ederberglandhalle oder im Dorfgemeinschaftshaus. Dass ein Ritual aus den 1930er Jahren wieder aufgefrischt wird, um Mitglieder zu werben, schließen Gerhadt Cloodt und Werner Hermenau allerdings aus: Um Männern die Position im ersten Tenor schmackhaft zu machen, gab es damals in Schreufa bei jeder Probe einen Schluck Branntwein.

Von Tobias Treude

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