Zwangsarbeit, Typhus und Todesmarsch

Gemündener überlebte das Lager in Auschwitz-Birkenau

+
Letztes erhaltenes Bild: seiner Eltern an ihrem Wohnwagen. Beide kamen mit seinen Geschwistern im NS-Holocaust um.

Otto Steinbach gehört zu den wenigen Menschen, die dem sogenannten "Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau entgingen und noch leben. Hier erzählt der 91-Jährige, was er erlebte.

Am vergangenen Wochenende wurde in der Gedenkstätte des früheren deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau des NS-Völkermords an den Sinti und Roma gedacht. Zu den Rednern gehörten der US-Bürgerrechtler Jesse Jackson, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, und der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth. 

Erinnert wurde dabei daran, dass genau vor 75 Jahren, am 2. August 1944, das sogenannte „Zigeunerlager“ von der SS umstellt, aufgelöst und die letzten noch lebenden etwa 3000 Kinder, Kranke und Alten ins Gas getrieben wurden. Neben den sechs Millionen Juden ermordeten die Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn etwa eine halbe Million europäischer Roma und Sinti.

Es gibt nur noch sehr wenige Menschen, die der Hölle des „Zigeunerlagers“ Birkenau entgingen und heute noch leben. Zu ihnen gehört in Gemünden der 91-jährige Otto Steinbach, der als zur Zwangsarbeit ausgesonderter junger Mann noch einige Monate für das NS-Terrorsystem schuften musste und erst im Januar 1945 auf dem sogenannten „Todesmarsch“ nach Westen von der nachrückenden sowjetischen Armee befreit wurde. „Wer auf diesem Marsch schlappmachte, erhielt von der SS einen Kopfschuss. Der Russe hat uns gerettet“, erzählt er.

„Otto, ab morgen darfst du nicht mehr in die Schule kommen!“

Gedenktage und Bilder von Auschwitz-Birkenau holen im Gedächtnis des alten Herrn seine furchtbaren Erlebnisse während der NS-Schreckensherrschaft immer wieder zurück. „Wenn ich einschlafe, kommen die Bilder wieder zum Vorschein.“ Er erzählt, wie er 1928 in Neukirchen bei Malente geboren wurde, in Hamburg und in Lübeck seine Jugend verbrachte bis zu dem Morgen, als ihm die Lehrerin plötzlich sagte: „Otto, ab morgen darfst du nicht mehr in die Schule kommen!“

NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Otto Steinbach erinnert sich in Gemünden noch genau an dieses Tor, durch das auch sein Transportzug rollte.

Otto Steinbach erinnert sich an die Erfassung seiner Sinto-Familie durch die NS-Bürokratie, die Fingerabdrücke, den Sammeltransport aus Hamburg mit Viehwaggons. „In Auschwitz, da müsst ihr arbeiten“, hatten ihnen die Polizisten gesagt.

Dann das Tor von Birkenau, Endstation. Obwohl er an der Rampe zur Zwangsarbeit selektiert worden war, sah er vom „Zigeunerlager“ aus die Gaskammern, erlebte er den Massenmord an den Sinti und Roma täglich mit. „Wir haben im Sommer und wie im Winter bei Schnee schwer gearbeitet“, berichtet Steinbach. Er überstand eine lebensgefährliche Erkrankung an Bauchtyphus.

Vater, Mutter sowie alle Brüder und Schwestern wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Weil es noch Verwandte in Dreihausen im Ebsdorfergrund gab, suchte er nach der Befreiung im Frühjahr 1945 bei ihnen Zuflucht und heiratete dort auch seine Frau, ebenfalls eine geborene Steinbach. Sieben Kinder gingen aus der Ehe hervor. Tochter Sonja wurde 1951 nach dem Umzug bereits im neuen Wohnort Gemünden geboren. Dort durfte die Familie ihren Wohnwagen zunächst beim Schäfer Thomas Kirchhainer abstellen, wie Otto Steinbach erzählt. 1954 zogen sie dann in das Haus Kreuzstraße 7.

Fühlt sich in Gemünden gut aufgenommen

Rückblickend fühlt sich Otto Steinbach heute nach Verfolgung und Terror während der Nazi-Herrschaft in Gemünden gut aufgenommen. 

Unter den Menschen, die der Sinto-Familie halfen, war auch die spätere Gemündener Ehrenbürgerin Else Wissenbach, eine frühe Gegnerin des Nationalsozialismus. Noch einige Jahre gingen Steinbachs von Gemünden aus im Sommer „auf die Reise“, trafen dort manchmal auch Frankenberger Sinti-Familien, unter ihnen Robert Ebender, der wie Otto Steinbach als einziger seiner ermordeten Familie Auschwitz nach Verlegung in ein anderes NS-Arbeitslager überlebte.

Zeitzeuge eines Völkermords: Der 91-jährige Otto Steinbach überlebte als einer der wenigen Gefangenen die Hölle des so genannten „Zigeunerlagers Auschwitz“, weil er von den Nazis zur Zwangsarbeit eingesetzt und deshalb, wenn auch schlecht, ernährt wurde. 

Ein einziges Foto von seinen Eltern an ihrem Wohnwagen aus der Zeit vor dem Nazi-Terror besitzt Otto Steinbach heute noch. Und obwohl er mit seiner Familie seit Jahrzehnten in Gemünden sesshaft ist, steht auch in seinem Vorgarten immer noch ein alter Camping-Anhänger. „Das ist ein kleines Stück Erinnerung“, lächelt der 91-Jährige.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare