Musizierende „Huckepack-Figur“ als Frankenberger Symbol in der Deutschen Märchenstraße

Geschichten zu den Rathaus-„Knaggen“

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Frankenberg - Mit der Geschichte „Huckepack ins Rathaus“ hat Christian Blumenstein aus Korbach den Ideenwettbewerb der Stadt Frankenberg zu den „Knaggen“ am historischen Rathaus gewonnen.

Im Frühjahr ist Frankenberg in die Deutsche Märchenstraße aufgenommen worden. „Die Mitgliedsstädte haben Märchen, Sagen oder Legenden als Symbol“, erläuterte Silvia Fries von der Ederbergland-Touristik bei der Vorstellung der Ergebnisse des Ideenwettbewerbs. Doch die Brüder Grimm waren nie in Frankenberg. „Ein Märchen haben wir nicht, und wir wollen der Stadt auch keins aufsetzen.“ Dafür könne Frankenberg mit einer anderen Besonderheit aufwarten, erläuterte Fries: den Huckepack-Figuren am historischen Rathaus. „Die Knaggen haben auch etwas Märchenhaftes.“ Mit diesen Figuren als Symbol will die Stadt künftig werben.

Interesse am Rathaus

Doch das Wissen über die drei „Knaggen“ ist begrenzt. Philipp Soldan hat die Huckepack-Figuren im 16. Jahrhundert geschnitzt. Sie zeigen eine Christopherus-Figur mit dem Jesusknaben auf den Schultern, einen jungen Mann, der einen alten Bärtigen trägt, und einen Flöte spielenden Narren auf den Schultern eines weiteren jungen Mannes. Die „Knaggen“ stützen das Fachwerk-Obergeschoss des historischen Rathauses ab. Geschichten rund um die „Knaggen“ sind nicht überliefert. Die haben sich in den vergangenen Wochen Waldeck-Frankenberger ausgedacht. Bürgermeister Rüdiger Heß lobte bei der Vorstellung der Ergebnisse die Arbeiten, die eine Jury gesichtet und prämiert hat: 150 Euro für den ersten, 100 Euro für den zweiten Gewinner sowie vier Buchgeschenke. Begeistert ist auch Fries. „Vor allem die Siegergeschichte kann man wunderbar ausbauen und nutzen“, sagte sie und verwies auf verschiedene Ansätze: die Geschichte in die Frankenberger Stadtführungen zu integrieren, die „Huckepack-Figuren“ mit ihrer Geschichte bei Tourismus-Messen auftreten zu lassen oder als Grundlage für ein Theaterstück zu verwenden. Der Bürgermeister wertete den Ideenwettbewerb auch aus einem weiteren Grund als Erfolg: „Wir haben das Rathaus mal wieder in den Mittelpunkt gerückt.“ In den Wochen nach der Ankündigung des Ideenwettbewerbs hätten sich auffällig viele Menschen für die „Knaggen“ interessiert.Angetan von den Ergebnissen ist auch Karl-Hermann Völker, der als Vorsitzender des Geschichtsvereins in der Jury mitarbeitete. Er verwies auf die doppelte Bedeutung der „Knaggen“, die bautechnisch das Obergeschoss des Rathauses stützen und die klare Symbolik haben, „dass einer des anderen Last trägt“. Vor allem dieser soziale Aspekt werde in der Siegergeschichte von Christian Blumenstein gut aufgegriffen. Der 37-Jährige aus Korbach konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Auszeichnung teilnehmen. Über die weiteren Geld- und Sachpreise freuten sich die elfjährige Madleen Kreis aus Haubern mit „Die Knaggengeschichte“, Andreas Bremerich aus Battenberg mit „He­nersch Hans“, Barbara Klopfer aus Schreufa mit „Der Frankenberger Rathausnarr“ und Nadine Oberender aus Frankenberg mit „Philipp Soldan und die Frankenberger Knaggen“. Mit der Geschichte „Liebe trägt“ hat sich Manfred Abt aus Frankenberg am Wettbewerb beteiligt.

„Huckepack ins Rathaus“ von Christian Blumenstein aus Korbach.

Im Spätsommer des Jahres 1550 trug es sich zu, dass die schöne Josephina, Tochter des angesehenen Frankenberger Tuchhändlers Johanns Eulers, ein großes Fest im Obergeschoss des Rathauses gab. Es war ihr 17. Geburtstag und jeder wollte dabei sein. Das Fest ging schon seit einigen Stunden, als es zu folgender Szene am Eingang zum Treppenturm kam: ein Narr, der gerne für ein kleines Entgelt die Gesellschaft unterhalten hätte und ein Vater mit seinem Sohn, namens Wohlgemuth, begehrten Einlass. Der Wächter an der Tür ließ sie jedoch nicht ein, weil er behauptete, der Saal sei schon so überfüllt. dass das ehrwürdige Haus zusammenbräche, wenn er noch jemanden hereinließe. So standen die drei ratlos vor der Tür und wollten gerade gehen, da fiel der Blick des Narren auf drei Passanten.

Vorneweg ging, leicht gebeugt, Philipp Nadlos (Name von der Stadt geändert: Nadlos rückwärts gelesen Soldan), der vor kurzem einen schlechten Handel gemacht hatte und nun überall deswegen verhöhnt wurde. Hinter ihm ging sein älterer Bruder, Christopher, auf einen Stock gestützt, er führte ein blondes, liebreizend anzuschauendes Kind in weißem Hemd an der Hand, sein Enkelkind David. Der Narr sprang den dreien in den Weg und pfiff laut auf seiner Pfeife, er flüsterte dem Philipp etwa ins Ohr und winkte auch die anderen vor der Tür Wartenden heran.

Kurz darauf konnten erstaunte Anwohner eine kleine Prozession beobachten, die vom Marktplatz hinauf zum Treppenturm ging. Vorneweg der Narr auf den Schultern des armen Bürgers Nadlos, hinter ihm der Sohn, der den Vater Wohlgemuth schleppte, welcher sichtlich Spaß hatte und die Situation nutzte, um den Junior einmal kräftig bei der zu ziehen. Zuletzt kam der Christopher mit dem kleinen David auf den Schultern. Als sie bei dem überraschten Torwächter anlangten, pfiff der Narr laut in seine Pfeife und sagte: „Guter Mann seht her, hier steht der arme Bürger Nadlos und hat den Spott der ganzen Stadt, die Missgunst und die Niedertracht, zu tragen. Ihm folgt ein junger Mann, der die ganze Last des Alters, des Werden und Vergehens, zu tragen hat. Und der lange dort ist unser lieber Christopherus, der mit dem Knaben, der das Jesuskind darstellt, sogar die ganze Last der Welt zu tragen hat - und trotzdem wette ich mit euch, dies famose Bauwerk wird auch diese gewaltige Last noch tragen, wenn ihr uns einlasst.“ Dem Wächter stand angesichts solcher Possen der Mund offen und er war sprachlos. Doch der Zufall wollte es, dass die schöne Josephina just in diesem Moment hinter der Tür stand und alles mitangehört hatte. Und da sie nicht nur schön war, sondern auch Humor und ein großes Herz hatte, ließ sie die Sechs herein und gab ihnen Essen und Trinken und sie feierten ausgelassen bis zum Morgengrauen. Den sechs Frankenberger Bürgern wurden die Figuren am Rathaus gewidmet, zum Andenken an ihren Witz und ihr Durchhaltevermögen, das sie schließlich ans Ziel ihrer Wünsche brachte.

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