Bottendorf/Frankfurt

Gestohlene Posaune landet über Umwege bei Orchesterkollegen des Eigentümers

- Burgwald-Bottendorf (jos). Zum Dank für die Aufklärung dieses kuriosen Posaunen-Diebstahls spielte der überglückliche Musikstudent Tobias Zanner aus Würzburg den Frankenberger Polizisten ein kleines Ständchen auf dem 8000 Euro teuren Instrument.

Sebastian Stricker kann bis heute nicht fassen, was ihm da passiert ist. Und auch Norbert Matzik von der Ermittlungsgruppe der Frankenberger Polizeistation ist sich sicher: „So etwas hat noch niemand erlebt.“ Die beiden meinen die unfassbare Geschichte einer rund 8000 Euro teuren Bassposaune. Und die beginnt in den Alpen.

Rückblick: Im März dieses Jahres reist der Bottendorfer Sebastian Stricker mit der Jungen Deutschen Philharmonie zu einer Arbeitsphase mit anschließenden Konzerten nach Italien. „Über den Alpen“ lautet der Titel der Tournee. Der 27-Jährige ist Stimmführer im Register der Posaunen. Unter seinen Kollegen ist Tobias Zanner, der sich wenige Wochen vor der Konzertreise eine neue Bassposaune gekauft hat.

Tournee-Abschluss in Irish-Pub gefeiert

Nach mehreren Konzerten in Italien schließen sich für das renommierte Orchester aus Musikstudenten und jungen Absolventen von Musikhochschulen auch einige Gastspiele in Deutschland an, es geht unter anderem nach Berlin und Hamburg. Das letzte Konzert der Tournee findet in der Alten Oper in Frankfurt statt. Nach dem Konzert wollen die Musiker den Abschluss der Tournee gebührend feiern. Einige bringen ihre Instrumente vorher ins Hotel, andere nehmen sie mit in einen Irish Pub in der Nähe des Hauptbahnhofs. Auf dem großen Haufen mit Musikinstrumenten liegt auch die Posaune von Tobias Zanner.

Die Stimmung unter den Musikern ist bestens, bis weit nach Mitternacht wird gefeiert. Einige Blechbläser sind die letzten Gäste der Orchester-Party. Unter ihnen ist auch Tobias Zanner. Seine Stimmung kippt, als er den Pub verlassen will: Seine wertvolle Bassposaune ist verschwunden, der Musikstudent ist schockiert. „Allen war klar, dass er die Posaune nie wieder bekommen wird“, berichtet Sebastian Stricker.

Am nächsten Tag sucht Tobias Zanner das Umfeld der Kneipe ab. „Es ist wohl schon vorgekommen, dass gestohlene Instrumente direkt in das nächste Gebüsch geworfen wurden“, sagt Zanner. Doch seine Suche ist nicht von Erfolg gekrönt. Er geht zur Polizei und erstattet Anzeige – „aber im Grunde hatte ich das Instrument abgeschrieben“, erklärt der Bassposaunist.

Für den Musikstudenten ist der Diebstahl eine mittlere Katastrophe, er hat lange für den Kauf der Posaune gespart. Und außerdem hat ein angehender Profi-Musiker zu seinem Instrument eben auch eine besondere Bindung.

Der Dieb kann mit der Posaune zunächst allerdings offenbar wenig anfangen. Weil er von Tuten und Blasen wohl keine Ahnung hat, wendet er sich an eine entfernte Bekannte. Von der weiß der Dieb, dass sie Kontakte zu Musikern hat. Er schickt die Posaune nach Wetter – mit dem Auftrag, den Wert des Instrumentes einschätzen zu lassen.

Die nichts ahnende Frau aus Wetter erhält wiederum über einen Bekannten, der im Battenberger Musikzug spielt, die Handynummer von Sebastian Stricker – denn der kenne sich aus mit Posaunen. Es ist Ende September, als der Bottendorfer nach einigen SMS die Frau in Wetter besucht, um die Posaune zu begutachten.

Als Sebastian Stricker den Koffer der Posaune öffnet, fällt sein Blick direkt auf den Trichter des Instruments. Dort ist der Name des Herstellers eingraviert: „Shires“. Sofort ist Stricker klar, dass es sich um ein Profi-Instrument von hohem Wert handelt. Doch noch ahnt er nicht, dass er just diese Posaune sehr genau kennt.

Als nächstes fallen Stricker die Ventile der Bassposaune auf. „Die hat die Firma erst vor einem Jahr entwickelt, das Instrument muss also ziemlich neu sein“, habe er sich da gedacht.

Noten der Alpensinfonie im Koffer entdeckt

Neben der Posaune findet Stricker in dem Koffer ein Notenheft. Das solle allerdings nicht verkauft werden, erklärt ihm die Frau. Trotzdem blättert Stricker in dem Heft. Dabei fallen mehrere Blätter heraus. Es sind die Noten der „Alpensinfonie“ – eines der Stücke, die die Junge Deutsche Philharmonie bei der Konzertreise im Frühjahr gespielt hat.

Stricker schaltet schnell. Er ist nervös, lässt sich aber nichts anmerken. Dann gibt er vor, dass er die Posaune gerne einem Instrumentenbauer zeigen wolle, der den Wert noch besser als er selber einschätzen könnte. Schließlich willigt die Frau ein und gibt dem Bottendorfer die Posaune mit nach Hause.

In Bottendorf angekommen erzählt Stricker sofort seiner Verlobten und seinen Eltern die unfassbare Geschichte. Dann ruft er bei der Frankenberger Polizei an. Hätte er stattdessen im Büro des Orchesters angerufen, wäre möglicherweise ein falscher Verdacht entstanden, sagt Stricker. Etwas unglaubwürdig hätte seine Geschichte allemal geklungen, zumal der Bottendorfer am Abend des Diebstahls ja selber mit dabei gewesen ist.

Auch in der Zentrale der Frankenberger Polizeistation dürfte seine Geschichte zunächst für Kopfschütteln gesorgt haben. Nach Strickers kurzer Schilderung am Telefon schicken die Beamten sofort den Kollegen Norbert Matzik aus der Ermittlungsgruppe nach Bottendorf.

Stricker erzählt die Geschichte noch einmal – und auch Matzik kann es kaum fassen. Dann suchen die beiden im Instrumentenkoffer nach weiteren Indizien. Und tatsächlich: In einem Seitenfach findet sich auch noch ein Werbeflyer für ein Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie in Italien.

„Das war für mich das Höchste der Gefühle“

Als Tobias Zanner wenig später einen Anruf von der Frankenberger Polizei bekommt, kann er sein Glück kaum fassen. „Das war für mich das Höchste der Gefühle“, schildert der Musikstudent aus Würzburg. Mit seinem Vater zusammen fährt er schließlich nach Frankenberg, um das Instrument in Augenschein zu nehmen. „Ich bin der Polizei sehr dankbar“, sagt Zanner. Und Sebastian Stricker – „der ist mein Held“.

Weil die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den der Polizei einschlägig bekannten Dieb aus Südhessen noch laufen, hätte Zanner das Instrument eigentlich nicht sofort zurück bekommen. Aber Ermittler Matzik, der in seiner Freizeit selber Klarinette spielt, hat ein Herz für Musiker und bemüht sich erfolgreich darum, dass der Eigentümer seine Posaune sofort mitnehmen darf – allerdings erst, nachdem er den Frankenberger Polizsiten ein kleines Ständchen gespielt hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare