Wilfried Golde blickt nach 18 Jahren als Gemündener Stadtbrandinspektor zurück auf seine Arbeit

"Graue Eminenz ist was Schreckliches"

Gemünden - Zufrieden sitzt Wilfried Golde in seinem Wohnzimmer. "Ich habe das, was ich noch machen wollte, erledigt", sagt er - seit einer Woche ist er nicht mehr Gemündens oberster Feuerwehrmann. Eine Situation, an die er sich erst gewöhnen muss.

Noch lagern Ordner voller Unterlagen bei Wilfried Golde. „Ich habe André erst einmal nur das Wichtigste übergeben“, sagt der 62-Jährige. André Boucsein ist Goldes Nachfolger als Gemündener Stadtbrandinspektor. Als Golde diesen Posten vor 18 Jahren übernahm, war er selbst 44 - und sein heutige Nachfolger gerade einmal 12 Jahre alt.

Ähnlich sieht es bei vielen von Goldes Kameraden aus: „Es ist gut, dass wir einen neuen Stadtbrandinspektor haben, der den Altersschnitt der Wehr besser repräsentiert“, sagt er eine Woche nach seinem Abschied - bei der Jahreshauptversammlung am vergangenen Freitag hat er es anders ausgedrückt: „Viele von euch kennen nur mich“, rief er da den Blauröcken in seiner Abschiedsrede entgegen. Scherzhaft wurde Golde als Mann der tausend Worte charakterisiert, doch die meisten Brandschützer dürften wohl wissen, was sie an ihm hatten; wissen, dass er auch ein Mann der Tat ist. In 18 Jahren hat der Gemündener, der hauptamtlich als Erzieher arbeitet, viel bewegt für seine Wehr - technisch und organisatorisch, aber auch menschlich.

Neuanschaffungen erledigt

Gefragt nach einer Bilanz seiner Amtszeit fällt Golde als echtem Brandschützer zuerst die technische Seite ein. Er zählt Fahrzeuge aus: TSFW Sehlen 1997, GWL Kernstadt in 2000, HLF Kernstadt und so fort, zuletzt das neue Tanklöschfahrzeug der Kernstadt. „Fahrzeugbeschaffung ist ein schwieriges Geschäft“, sagt er. Bis 2018 stünden keine Neuanschaffungen an. „Das wollte ich erledigen, bevor ich aufhöre“, erklärt Golde, warum er nicht schon vor vier Jahren zurückgetreten ist von seinem Amt als Stadtbrandinspektor. Jetzt, so sagt er, sei der richtige Zeitpunkt: Golde ist 62 Jahre. Eine weitere Amtsperiode dürfte er nicht komplett ausfüllen, denn nur mit Genehmigung des Magistrats darf er überhaupt bis ins Alter von 65 Jahren aktiv tätig sein.

Die verbliebene Zeitspanne will er allerdings komplett ausfüllen. Golde möchte sein Leben in den Dienst des Nächsten stellen, solange er darf - schon aus christlicher Überzeugung. „Ich bin auch ausgebildeter Diakon“, also Seelsorger, erklärt er. „Das kommt von ‚dienen‘“. Also möchte er dienen - ohne dabei seinem Nachfolger in die Quere zu kommen. „Eine Graue Eminenz ist was Schrechliches“, sagt Golde. Er selbst als Mensch, der bei einem Einsatz den neuen Chef kritisiert - allein die Vorstellung schreckt ihn ab. „Ich kann mich unterordnen“, gelobt er. Mögliche Fehler von Boucsein - Golde glaubt nicht, dass es so weit kommt - würde er vertraulich klären. „Kritisiert werden zu können gehört aber auch dazu“, sagt der ehemalige Stadtbrandinspektor: Auch er habe sich bei Einsätzen schon von Kameraden korrigieren lassen - selbst von seinem Sohn.

Ausbildung als Eckpfeiler

Wenn die eigenen Kameraden ohne Furcht den Chef kritisieren können, dann zeigt das zwei Sachen: In der Wehr herrscht eine freundschaftliche, vertrauensvolle Atmosphäre. Und die Aktiven sind so gut ausgebildet, dass sie selbst Fehler der Vorgesetzten erkennen. „Ausbildung gehörte immer zu meinen Eckpfeilern“, sagt Golde. Schon mit der Jugend trainierte er alljährlich für die Leistungsspange - und das möchte er mindestens noch einmal machen. Vor allem aber die Einsatzabteilung wollte er stets gut ausgebildet wissen: „Mein Ziel war es immer, dass alle Kameraden alle Lehrgänge auf Kreisebene besuchen“, sagt er. Das habe nicht zu 100 Prozent geklappt. „Aber ich denke, das Ergebnis ist vorzeigbar“, sagt Golde nicht ohne einen Anflug von Stolz.

Für weniger vorzeigbar hält er die Entwicklung der Jugendfeuerwehren während seiner Amtszeit: Derzeit gibt es nur eine in der Kernstadt. „Es gibt da auch immer wieder ein Auf und Ab“, sagt Golde mit einem Funken Hoffnung in der Stimme. Dennoch: Erst schwächelte Schiffelbach, dann gaben auch Sehlen und Grüsen auf. „In Lehnhausen hatten wir mal eine Kinderfeuerwehr, aber das ist auch schon Vergangenheit“, erinnert er sich. Seinem Nachfolger wünscht er für die Nachwuchsgewinnung ein glücklicheres Händchen - obwohl sich Golde über Nachwuchs an sich nie beklagen konnte: „Wir haben am Wochenende erst wieder 14 Kameraden in die Einsatzabteilung übernommen“, hebt er hervor - viele von ihnen Seiteneinsteiger. „Auf die kann man sich nicht ewig stützen“, sagt er.

Arbeitsbelastung zu hoch

In der Rückschau hat Wilfried Golde wenig zu klagen - außer wenn er auf ein Thema kommt: Die Arbeitsbelastung. „In Wiesbaden denkt keiner darüber nach, dass das alles ehrenamtliche Arbeit ist“, sagt er. Neue Vorschriften würden zu immer mehr Bürokratie führen. Andere Vorgaben seien sinnvoll - aber in viel zu kurzer Zeit umzusetzen: „Im Januar kam die Aufforderung, mit den Forstämtern die Waldwegekarten zu aktualisieren, Ende Februar sollte das fertig sein“, nennt Golde ein Beispiel. Das sei witterungsbedingt nicht möglich gewesen und auch vom Arbeitsaufwand nicht in so kurzer Zeit - „selbst wenn ich die Karten für äußert wichtig halte“, betont Golde.

Daher ist er auch froh, dass er das Ehrenamt abgegeben hat. Um die Bürokratie darf sich künftig André Boucsein kümmern. „Ich fahre jetzt in den Urlaub“, verrät Wilfried Golde. Die restlichen Akten müssen wohl noch eine Woche warten.

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