Stern von Bethlehem in Frankenberg

Großer Aufwand für 70 Minuten Musik

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Daniel Gárdonyi, Kantor an der Liebfrauenkirche, befasst sich intensiv mit der Vorbereitung des Oratoriums, das die Kantorei gemeinsam mit Profi-Musikern aufführt. Dahinter steckt ein großer organisatorischer und finanzieller Aufwand.Foto: Andrea Pauly

Frankenberg - "Stern von Bethlehem" anstelle von "Der Mai ist gekommen": Während draußen die Bäume blühen und die Frühlingssonne vom Himmel lacht, befasst sich Daniel Gárdonyi intensiv mit weihnachtlicher Musik. Die Vorbereitung der Weihnachtskantate ist arbeitsintensiv und komplex.

Der Kantor der Liebfrauenkirche steckt mitten in den Vorbereitungen für das Oratorium, das die Kantorei mit professioneller Unterstützung von Solisten und Orchester am ersten Adventssonntag, dem 30. November, aufführen wird. Er hat sich für das Werk „Stern von Bethlehem“ von Josef Gabriel Rheinberger entschieden – weil er dessen Kompositionen schätzt, weil er es der Kantorei zutraut und weil 2014 das Rheinberger-Jahr ist: Der Komponist hätte seinen 175. Geburtstag gefeiert (siehe auch Kasten). „Das passt“, sagt Daniel Gárdonyi.

Die Planungen haben im vergangenen Sommer begonnen, im Dezember 2013 hat der Kantor den Termin mit den Solisten Simone Schwark (Sopran) und Sebastian Kitzinger (Bass) abgesprochen. Nur ein Jahr im Voraus – das sei schon fast zu spät gewesen, ergänzt der Frankenberger Kantor. Denn professionelle Sänger haben volle Terminkalender.

Nicht nur die Solisten hat Gárdonyi gezielt ausgewählt, auch bei den Musikern stellt er sich sein Wunschorchester zusammen: Statt ein eingespieltes Ensemble zu engagieren, hat Gárdonyi einzelne Musiker verpflichtet. „Das hat den Vorteil, dass ich die Leute holen kann, die ich haben möchte“, betont Daniel Gárdonyi. „Aus dem Studium habe ich Kontakte zu einigen jungen Leuten auf sehr gutem Niveau, die wir uns in zehn Jahren vielleicht nicht mehr leisten können.“ Auch einige Ins-trumentalisten mit heimischen Wurzeln werden am ersten Advent in der Liebfrauenkirche spielen: Lukas Jerrentrup, Tobias Stremme, Eva-Maria Scholze und Matthias Erbe.

Erbe hilft Gárdonyi zudem bei der Auswahl der Streicher und übernimmt auch die Umsetzung der Noten in die Bogenstriche.

Um die Weihnachtskantate zur Aufführung zu bringen, sind für Daniel Gárdonyi viele verschiedene Schritte nötig. „Das geht mit der Auswahl des Stücks los. Es muss für die Kantorei machbar sein, und da gehen wir schon an Grenzen.“ Es ist eine Gratwanderung zwischen der Motivation, ein anspruchsvolles Stück zu meistern, und der Grenze des Machbaren für das Ensemble aus ambitionierten Hobby-Sängern.

Zunächst muss der Dirigent selbst die Musik ganz genau kennen: Er setzt sich mit dem Stück auseinander, hört sich diverse Interpretationen an und vergleicht sie, er geht immer wieder die Notentexte durch, betrachtet die verschiedenen Stimmen und Harmonien. „Ich muss die Partitur beherrschen“, sagt er.

Eine Stunde und zehn Minuten dauert das Oratorium. Bei der Aufführung dürfe es keine einzige Sekunde geben, in der er als Dirigent nicht wisse, was gerade passiere. „Das ist schon komplex“, räumt er ein.

Die Umsetzung in die Praxis beginnt für die Kantorei in der nächsten Probe. In der vergangenen Woche hat Gárdonyi den 90 Sängern Hörbeispiele aus der Weihnachtskantate vorgespielt und ihnen eine kleine Einführung in das Werk gegeben. Die Resonanz sei sehr positiv gewesen, freut er sich. Und weil die Musik dem Chor sehr gefallen habe, sei er sehr zuversichtlich, dass sie auch bei den Zuhörern gut ankommen werde. „Das Stück ist nie langweilig, es ist malerisch. Der Text ist vielleicht ein wenig naiv, aber wunderschön.“

Einmal wöchentlich probt die Kantorei zwei Stunden lang. In den Ferien ist Pause – „leider“, sagt Gárdonyi. Bis zum November hat das Ensemble der Liebfrauenkirche Zeit, die Choräle einzustudieren.

Proben ohne jeden Augen- und Ohrenkontakt

Die Solisten und die Orchestermusiker tun dies ohne Augen- und Ohrenkontakt zu ihrem Dirigenten. Sie bekommen von Gárdonyi Notizen: Für 14 verschiedene Instrumente muss der Dirigent die Noten bearbeiten und die Hinweise des Komponisten um seine persönlichen Anweisungen ergänzen: Spielweise, Tempi, Lautstärke, Dynamik.

Damit proben die Musiker einzeln, erst am Samstag vor dem Konzert treffen alle Beteiligten erstmals aufeinander. „Das ist der spannende Moment.“ Zunächst probt das Orchester seinen Part. Dass sich in Frankenberg lauter Unbekannte zu einem Sinfonieorchester zusammenfinden, habe schon im vergangenen Jahr beim Mozart-Konzert gut funktioniert. „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht. Die Musiker haben eine andere Motivation und haben sich sehr schnell aufeinander eingespielt und -gehört“, beschreibt der Kantor.

Eine Herausforderung ist dabei die Akustik der Liebfrauenkirche. In dem gotischen Bau würden die tiefen Frequenzen der Bässe oft verstärkt. „Darauf kann man reagieren, aber es nicht ganz verhindern. Das ist aber eben in solchen Kirchen so“, sagt Gárdonyi.

Stundenlang feilen die Musiker und Sänger am Tag vor der Aufführung unter Leitung von Daniel Gárdonyi daran, ein harmonisches Ganzes daraus zu machen.

Dabei ist es von Vorteil, dass das Rheinberger-Oratorium vergleichsweise unbekannt ist. So sei die Gefahr gering, dass die Musiker eine „gewohnte“ Fassung spielen. „Das zu ändern ist viel schwieriger als etwas, das noch recht neu ist“, erläutert er.

Außerdem muss sich Gárdonyi mit der Finanzierung befassen: Die Kosten für eine solche Aufführung summieren sich auf rund 20000 Euro. Denn allein die 40 Orchestermusiker erhalten je 300 Euro plus Fahrtkosten. Professionelle Solisten berechnen zwischen 400 und 1000 Euro, „wobei die meisten bei uns zwischen 400 und 500 Euro bekommen“, grenzt Daniel Gárdonyi ein.

Bei knapp 400 Plätzen müsste eine Karte 50 Euro kosten, um die Ausgaben zu finanzieren – das ist natürlich nicht möglich.

Deshalb unterstützt der Förderverein „Musik an der Liebfrauenkirche“ das Projekt, der Kirchenkreis, der Landkreis und auch der Lions-Club beteiligen sich mit Zuschüssen an der Finanzierung. „Wir sind aber noch auf der Suche nach weiteren Sponsoren“, ergänzt der Kantor.

Weil das Oratorium von Rheinberger nur eine gute Stunde lang ist, wird die Kantorei am ersten Advent auch noch die Mendelssohn-Kantate „Vom Himmel hoch“ aufführen. Die Vorbereitung dafür wird jedoch wesentlich kürzer ausfallen – erstens ist das Stück nur 15 Minuten lang, zudem hat es die Kantorei erst vor Kurzem aufgeführt und kennt es bereits.

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