Frankenberg

Häusliche Gewalt: Die „Rosenstraße 76“ kann überall sein

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- Frankenberg (apa). „Rosenstraße 76“ ist der Titel einer Ausstellung zum Thema Häusliche Gewalt, die bis zum 1. Oktober im Finger-Musterhaus in der Auestraße 50 zu sehen ist.

Der Ort ist bewusst gewählt: Denn das Musterhaus ist ein schickes, modern eingerichtetes Familienheim, wie es sich viele Paare wünschen. Dass eine schöne Wohnung jedoch nicht mit familiärem Glück gleichzusetzen ist, zeigt die Ausstellung. Sie besteht aus zwei Elementen: Einerseits aus Anhängern, die an die Preis- und Infoschilder eines großen Möbelhauses erinnern, und überall in den Zimmern des Hauses zu finden sind. An Möbeln, Türgriffen, Geländern, Fensterscheiben, in Regalen und neben dem Kopfkissen gilt es, genau hinzuschauen: Auf den Anhängern sind Zitate zu lesen, Erfahrungsberichte, manchmal auch nur ein einzelner Satz.

Der zweite, ebenso eindringliche Teil der Ausstellung ist ein Film: Männer, die ihre Frauen geschlagen oder unterdrückt haben, sprechen in Interviews über ihre Wahrnehmung der Geschehnisse – und schockieren den objektiven Zuschauer damit. Ein junger, extrem eifersüchtiger Mann kommt darin ebenso zu Wort wie ein älterer Herr – der nur so lange seriös wirkt, bis er über seine Tat sprechen soll –, aber auch Männer, bei denen es kaum überrascht, dass sie zuschlagen, statt ihre Gefühle verbal zu äußern.

Eine Wohnung, ein Haus wie die „Rosenstraße 76“ gibt es in jeder Stadt, jeder Gemeinde, jedem Dorf: Auch hinter bürgerlichen und eleganten Fassaden verbirgt sich Gewalt in Partnerschaften und Familien. Dabei geht es nicht nur um Schläge, Tritte oder Vergewaltigungen im eigenen Schlafzimmer, sondern auch um Kontrolle, Unterdrückung, Misstrauen, andauernde Kritik, Kontaktverbote zu Freunden oder Familie und Respektlosigkeit.

„Häusliche Gewalt beginnt, wo ein Partner versucht, Gewalt über das Leben des anderen zu bekommen“, sagte Monika Lacher vom Runden Tisch zum Thema Häusliche Gewalt im Landkreis, der die Ausstellung initiiert hat. Zur Eröffnung am Mittwochabend waren fast ausschließlich Frauen gekommen – Ausnahmen waren Bürgermeister Christian Engelhardt, Vertreter der Polizei und Heiko Debus von FingerHaus. Im Landkreis wurden im Jahr 2009 insgesamt 170 Fälle von Häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht. „Das ist nur ein Bruchteil“, betonte Monika Lacher. Die Dunkelziffer sei sehr hoch. Sie verwies auf die strukturellen Probleme für Hilfesuchende im Landkreis: Fehlende Busverbindungen zum Frauenhaus in Bad Wildungen, zwei zuständige Staatsanwalten für Nord- und Südkreis, weite Strecken zwischen den Krankenhäusern.

Zum Rahmenprogramm zählen zwei Vorträge: Am Freitag, 24. September, spricht die Psychotherapeutin Dr. Jutta Schmid ab 19 Uhr über Traumatherapie, am Dienstag, 28. September, referiert Diplompädagoge Christian Coerdt über „Auswirkungen von häuslicher Gewalt auf Kinder und Jugendliche“, ebenfalls ab 19 Uhr.

Die Ausstellung ist bis zum 1. Oktober montags bis freitags von 9 bis 11 und von 16 bis 18 Uhr geöffnet, mittwochs bis 20 Uhr. Die Ausstellung ist für Schüler ab der 8. Klasse geeignet, Gruppen werden um Anmeldung im Frauenbüro unter Telefon 05631/954-317 gebeten. Der Eintritt ist frei.

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