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Familie erzählt von Leben mit zwei Eseln - „Kontakt mit Tier ist wie eine Therapie“

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Von: Kira Müller

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Auf der Weide in Laisa: Ragnar Wagner (links) mit Esel-Wallach Eddie und Vater Til Garber mit Elino.
Auf der Weide in Laisa: Ragnar Wagner (links) mit Esel-Wallach Eddie und Vater Til Garber mit Elino. © Kira Müller

Der Esel ist zum Haustier des Jahres 2022 gewählt worden. Die Tiere Eddie und Elino leben seit einigen Jahren mit Familie Wagner auf deren Hof in Laisa.

Laisa – „Lange Ohren, gutmütig, manchmal schnell und manchmal langsam“: So würde Ragnar Wagner aus Laisa das Haustier des Jahres 2022 in einem Satz beschreiben – den Esel.

Seine zwei Wallache Elino und Eddie stehen seit 2014 auf dem Grundstück in Laisa. Die beiden Mischlinge aus Haus- und Zwergesel sind bereits mit einem halben Jahr von ihrer Geburtsstätte Gudensberg zur Familie Wagner gekommen.

Waldeck-Frankenberg: Familie berichtet über Leben mit zwei Eseln

In diesem Jahr werden die beiden Tiere acht Jahre alt und sind somit ausgewachsen. „Jetzt kann man auch richtig mit ihnen arbeiten“, sagt Ragnar Wagner, denn die beiden Esel werden von der Familie nicht als Kuschel-, sondern als Nutz- und Lastentiere genutzt.

Seit Sommer trainiert Wagner mit ihnen. Zur Vorbereitung des Ziehens einer Kutsche hat er zum Üben Reifen hinter die Esel gehängt, „damit sie sich daran gewöhnen, dass etwas hinter ihnen ist, und nicht erschrecken“. Im vergangenen Winter wurden die Esel statt vor eine Kutsche vor Schlitten gespannt. „Das hat Spaß gemacht, wenn die Esel losgaloppiert sind“, sagt Wagner.

Doch nicht immer seien die Esel so ausgelassen. Sie seien vorsichtig und würden genau abwägen, was gefährlich für sie werden könnte und was nicht. Wenn es beispielsweise glatt ist, bleiben sie stehen oder gehen langsam und auch um Gullideckel laufen sie herum – es ist ja ein Loch darunter. Da hilft auch langes Training nicht viel, wie Wagner erklärt. „Esel lassen sich nicht so leicht überzeugen wie Pferde; sie verlassen sich eher auf ihren Instinkt als auf den Menschen.“ Der Esel sei also gar nicht stur – das sei sein Schutzmechanismus.

„Nicht der Pferdetyp“: Familie Wagner aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg halten Esel

Wie Familie Wagner aus Laisa zu den Eseln kam? Durch Einstein, einen Esel, der auf dem Hof lebte, bei dem Ragnar Wagner als Kind reiten war. „Der Esel hat mich wahnsinnig fasziniert“, sagt Ragnars Mutter Sylvia Wagner. „Er war ein Freigeist, war ohne Halfter überall dabei, und wachte über den Hof, wie ein guter Geist oder ein Wachhund.“

Doch das allein war nicht der Grund, der die Familie zum Kauf gebracht hat. Durch einen HNA-Artikel sind sie auf einen Mann aufmerksam geworden, der Esel für Menschen in Marokko finanziert. „Das ist für die Leute dort so wertvoll wie ein Auto für uns“, erklärt Ragnars Vater Til Garber. Auch sie selbst haben einen Esel für Marokkaner gekauft.

Mal was anderes als Heu oder Gras: Die Esel-Wallache Elino und Eddie freuen sich über frische Äpfel, die ihnen der 23-jährige Ragnar Wagner aus Laisa zu fressen gibt.
Mal was anderes als Heu oder Gras: Die Esel-Wallache Elino und Eddie freuen sich über frische Äpfel, die ihnen der 23-jährige Ragnar Wagner aus Laisa zu fressen gibt. © Kira Müller

In Deutschland wird der Esel nur noch wenig als Nutztier eingesetzt. Eine Aufgabe haben Esel als Herdenschutz für Schafe – so hätte die Tierart wieder eine Chance, gebraucht zu werden, vermutet Ragnar Wagner, besonders jetzt, wo es wieder Wölfe in Deutschland gebe. Vor Eddie und Elino hatten die Laisarer ein Pony. „Wir sind einfach nicht der Pferdetyp“, sagt Sylvia Wagner. Deswegen sei ein Esel eine tolle Wahl gewesen. „Ein Pferd scheut, ein Esel bleibt stehen. Das ist sicherer für uns“, erklärt sie.

Esel auf dem Hof der Familie Wagner: „Kontakt mit dem Tier ist wie eine Therapie“

Sie und ihr Ehemann arbeiten als Erzieher in einem Waldhort in Marburg. Dadurch sind vor Corona immer wieder Kindergruppen auf den Hof gekommen. Es gehe um die ursprüngliche Beziehung zwischen Mensch und Tier und wie das Miteinander auch ohne die heutige Technik funktioniert. Die Kinder lernen, einen natürlichen Abstand zu halten und den richtigen Umgang mit dem Tier. „Jeder sucht sich sein Gegenüber aus – der Kontakt mit dem Tier ist wie eine Therapie“, sagt Sylvia Wagner.

„Nicht nur wir Menschen haben eigene Charakterzüge, sondern auch Esel“, sagen die Wagners: Eddie macht sein Ding und hat seinen eigenen Kopf. Elino ist verlässlicher und interessiert am Menschen, man kann ihm mehr erklären. Eins haben aber alle Esel gemein: Sie brauchen Beschäftigung. „Wenn ihnen langweilig ist, knabbern sie alles an oder knacken sogar die Schlösser an der Stalltür“, schildern die Laisaer.

Jeder, der Esel artgerecht halten kann, darf sie halten. Da die Tiere bei Nässe schnell frieren, ist ein überdachter Stall mit Weide perfekt geeignet. „Wir lassen unsere Schafe zuerst über die Weide, die Esel bekommen den Rest“, erklärt Til Garber. Da Esel eher karg fressen, ist das Gras hierzulande meist zu viel für einen Eselmagen. Deswegen sollten Spaziergänger nichts über den Zaun werfen.

Schon gewusst? Interessante Fakten zum Esel

Fast 200 Esel im Kreis Waldeck-Frankenberg: Unter welchen Voraussetzungen darf man einen Esel halten?

Nachdem in den vergangenen drei Jahren Pferd, Meerschweinchen und Ziege von der Stiftung Bündnis Mensch und Tier zum Haustier des Jahres gewählt wurden, ist 2022 der Esel dran. Auch bei uns gibt es einige Esel: Wie der Landkreis mitteilt, werden laut der Tierseuchenkasse in Waldeck-Frankenberg 199 Esel und Maultiere in 91 Betrieben gehalten (Stand 2021).

Als Nutztiere sind die Esel anmelde- und registrierungspflichtig; eine Equidensteuer, die Pferde, Esel und Zebras umfasst, wird im Landkreis nicht erhoben. Meist werden die gutmütigen Tiere lediglich als Hobby- oder Reittiere gehalten. Außerdem seien Esel auch tolle Therapietiere, erklärt Matthias Eckel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes. Bei Eselhaltungen mit mehr als vier Tieren handele es sich meist um solche Einrichtungen, die tiergestützte Therapie anbieten.

Um mit den Tieren die Therapie oder Wanderritte und Wanderungen anbieten zu können, benötigten die Halter eine Erlaubnis nach dem Tierschutzgesetz. Grundsätzlich gelte aber: Jeder, der möchte und einen Esel artgerecht halten kann, darf einen Esel halten.

„Sehr liebenswerte Tiere“: Esel als Haustiere immer beliebter

Wie der Geschäftsführer erklärt, wurde der Esel früher nicht als Hobby-, sondern als arbeitendes Tragtier eingesetzt. Heutzutage spiele der Esel in der Landwirtschaft allerdings keine große Rolle mehr. „Früher gehörte zu jeder anständigen Mühle ein Esel, der die Säcke geschleppt hat“, sagt Eckel.

Viele Mühlen hätten nicht genug Fläche für Pferde gehabt und konnten diese nicht ernähren. „Esel sind sehr genügsame Tiere“, erklärt Eckel. Die meisten Eselrassen seien als Reittiere nicht geeignet. „Viele Halter haben Zwergesel, die schaffen es körperlich gar nicht, einen Menschen zu tragen“, sagt Eckel. Auch er selbst hat Gefallen an den Tieren gefunden: „Esel sind sehr, sehr liebenswerte Tiere“.

Esel, Maultier und Maulesel

Esel, Maultier und Maulesel sind nicht das Gleiche, auch wenn viele Menschen das glauben. Allgemein bezeichnet man Kreuzungen aus Pferd und Esel als Mulis.

Streng genommen sind das sogar zwei verschiedene Kreuzungen. Dabei bezieht sich die Bezeichnung auf die Elterntiere des Fohlens: Das Maultier ist eine Kreuzung aus Eselhengst und Pferdestute und der Maulesel eine Kreuzung aus Pferdehengst und Eselstute.

Auch die Stiftung Bündnis Mensch und Tier versucht auf ihrer Internetseite, mit den Vorurteilen aufzuräumen: „Es gibt nicht den dummen Esel. Vielmehr ist der Esel ein Spiegel seines Halters. So können wir gutmütige, zufriedene und soziale Esel dort erleben, wo auch der Mensch an seiner Seite offen für ein gutes Miteinander von Mensch und Tier ist.“ Seit 2016 macht die Stiftung auf die artspezifischen Bedürfnisse der Heim- und Nutztierarten sowie ihre kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung aufmerksam. (Kira Müller)

Weitere Geschichten und Nachrichten aus dem Kreis lesen Sie mit dem Frankenberg-Newsletter. Im Kreis Kassel nimmt eine Esel-Nothilfe die Tiere auf, um sie dann an verantwortungsbewusste Halter weiterzuvermitteln.

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