Josiane Hinault-Le Brun hilft mit 62 Jahren ehrenamtlich im Kindergarten

Den Horizont auf französisch erweitern

Frankenberg - Von der Bretagne nach Frankenberg: Die Französin Josiane Hinault-Le Brun arbeitet derzeit in der Kindertagesstätte Kegelbergzwerge - freiwillig und in ihrem Urlaub. Dorthin geführt haben sie ihre Sehnsucht nach Deutschland und der Wunsch zu helfen.

„Bonjour“ ist derzeit eines der beliebtesten Wörter im Kindergarten Kegelbergzwerge, aber auch „oui“ und „non“ sind immer wieder aus den Mündern der Kinder zu hören. Das ist auch nicht verwunderlich, wurden sie doch in den vergangenen drei Wochen von einer Französin mitbetreut. Die 62-jährige Josiane Hinault-Le Brun greift den Erzieherinnen noch bis Freitag freiwillig unter die Arme.

Eine Französin in einem Frankenberger Kindergarten? Das ganze ehrenamtlich und ohne, dass ein Austausch-Projekt dahintersteckt? Mit 62 Jahren? Das sind Fragen, die spontan aufkommen, doch auf das Warum gibt es eine simple Antwort. „Ich fühle mich fit und habe Lust zu helfen“, sagt Josiane Hinault-Le Brun. Und noch mehr: „Ich fühle mich einfach wohl hier. Ich mag die Sprache. Die Leute sind immer nett. Deutschland vermisst mich“, sagt sie mit französischem Akzent und meint damit eigentlich, dass sie Deutschland vermisst, sobald sie wieder in ihrem Heimatort Pléneuf-Val-André an der Atlantikküste ist.

Theater auf französisch

Mit 21 Jahren hat Josiane Hinault-Le Brun angefangen, als Deutschlehrerin zu arbeiten, davon konnten sie auch die eigenen strengen Deutschpädagogen nicht abbringen. Im Rahmen eines Lehrer-Austauschprogramms lernte sie 2007 eine Korbacher Lehrerin kennen. Der Kontakt blieb bestehen, gegenseitige Besuche folgten. Als Josiane Hinault-Le Brun dann nach einer ehrenamtlichen Aufgabe suchte, wurde der Kontakt zum Lebenshilfe-Werk und letztendlich zum integrativen Kindergarten in Frankenberg hergestellt. „Für die Kinder ist das eine Erweiterung des Horizonts“, freut sich Kita-Leiterin Monika Kramer über die Unterstützung. Josiane Hinault-Le Brun wird in den gesamten Arbeitsalltag einbezogen und sie bietet auch eigene Angebote. Bei der 62-Jährigen haben die Kinder in den vergangenen Wochen zum Beispiel auf französisch gespielt, gesungen und gelesen, sogar ein kleines Theaterstück in der fremden Sprache wurde aufgeführt. Zum Konzept der Kita des Lebenshilfe-Werks gehört, dass die Kinder die Möglichkeit haben, täglich zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen - ob es das Spielen auf dem Außengelände, die Wanderung im Wald oder derzeit eben auch das Kennenlernen der französischen Sprache ist.

„Mein zweites Vaterland“

In ihren nun fast drei Wochen hat Josiane Hinault-Le Brun auch Unterschiede zwischen deutscher und französischer Erziehung festgestellt. So gebe es in Frankreich strengere Regeln, deutsche Kinder würden früher lernen, selbstständig zu sein. Dafür seien französische Kinder vielleicht konzentrierter. Auch das integrative Konzept der Kita gefällt ihr, Kinder mit und ohne Behinderungen kommen hier zusammen. Als Lehrerin habe sie in Frankreich in Klassen mit bis zu 30 Schülern höchstens ein oder zwei behinderte Kinder betreut. Doch Monika Kramer warnt. Beim Thema Inklusion habe es im Schulwesen Rückschritte in Hessen gegeben. „Nach dem Kindergarten hört die Integration leider auf.“ Dennoch notiert sich Josiane Hinault-Le Brun jede gute Idee. Das Konzept der kleinen Gruppen will sie in Frankreich an Kollegen weitergeben.

Ihr persönliches Ziel ist klar: „Ich muss arbeiten, ich will meine Sprache immer weiter verbessern.“ Und dabei spricht sie nahezu fehlerfrei deutsch. Abgesehen von Mecklenburg-Vorpommern hat sie jedes Bundesland bereist. „Ich kenne Deutschland besser als Frankreich. Es ist mein zweites Vaterland“, sagt sie.

Hintergrund

In den verschiedenen Bereichen des Lebenshilfe-Werks in Frankenberg, Korbach, Bad Wildungen und auf dem Hofgut Rocklinghausen in Twiste helfen rund 80 Ehrenamtliche mit unterschiedlichsten Aufgaben. Das reicht vom Einkaufen mit Blinden über Nordic Walking bis zu Computer-Kursen. „Manche wollen auch einfach nur einen Cocktail gemeinsam trinken“, weiß Martina Fackiner. Sie ist Freiwilligenkoordinatorin beim Lebenshilfe-Werk. Die Stelle wurde eigens geschaffen, um Ehrenamtliche zu finden oder mit Interessierten über die Möglichkeiten der Unterstützung zu sprechen. Diese ist in allen drei Fachbereichen des Lebenshilfe-Werks möglich – dazu zählen Wohnen, Kinder, Jugend und Familie sowie Arbeiten. Auch Patenschaften sind möglich. „Für die Ehrenamtlichen ist das häufig der erste Kontakt mit behinderten Menschen. Die Reaktionen sind fast immer positiv“, sagt Martina Fackiner. Es gehe darum, die einzelnen Einrichtungen des Lebenshilfe-Werks für die Gesellschaft zu öffnen. Das Altersspektrum der freiwilligen Helfer reiche von unter 20- bis zu über 70-Jährigen. Wer Interesse an einem Ehrenamt in den Einrichtungen hat, kann sich bei Martina Fackiner unter Telefon 05631/5006-566 oder per E-Mail an m.fackiner@lhw-wf.de melden.(tt)

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