Blindenführhund Tristan arbeitet für Natascha Roth - Ein Erfahrungsbericht aus Tristans Sicht

"Ich bin nicht nur ein Blindenstock"

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Frankenberg - Er ist der "Blindenstock" für sein Frauchen. Ihr Leben wird von ihm beschützt. Bei ihr zu sein, ist seine Aufgabe. Allerdings hat es Blindenführhund Tristan in Frankenberg manchmal schwer, seine Arbeit zu erledigen. Tristan berichtet:

Ich arbeite eigentlich gern - schließlich ist meine Aufgabe wichtig: Das Leben meines Frauchens liegt gewissermaßen in meiner Pfote. Ich sehe für sie, denn mein Frauchen Natascha Roth ist fast blind.

Eigentlich macht ihr das gar nicht so viel aus, denn sie kennt es ja nicht anders, dass sie zum Beispiel keine Farben sehen kann und nur ein ganz eingeschränktes Sichtfeld hat. Sie ist trotzdem selbständig und arbeitet seit 20 Jahren in Marburg als Erzieherin in der Jugendhilfe. Zum Beispiel fährt sie mit mir ganz allein im Zug zur Arbeit.

Nach Frankenberg kam sie der Liebe wegen: Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie dort ein Haus gekauft und lebt dort seit sieben Jahren. Eigentlich wäre ja auch alles in Ordnung, aber immer wieder gibt es Situationen, die machen meinem Frauchen und mir das Leben in Frankenberg unnötig schwer.

Ein Blindenhund ist ein rechtliches Hilfsmittel

Neulich etwa gab es wieder einmal so einen Moment: Wir wollten die Oma meines Herrchens im Frankenberger Krankenhaus besuchen. Dass das ein wichtiger Termin war, merkte ich schon allein daran, dass mich mein Frauchen auffällig lange und gründlich striegelte und bürstete, damit ich bloß keine Haare verliere. Im Krankenhaus hatten es dann meine Herrchen sehr eilig, obwohl wir sonst immer eher gemächlich unterwegs sind. Ich spürte, dass mein Frauchen sehr nervös war.

Als wir im Krankenzimmer der Oma angekommen waren, erkannte ich den Grund für all die Hektik und Aufregung: Eine Frau in weiß stürmte ins Zimmer und schimpfte, dass ich raus auf den Flur müsste. Auch als sie erfuhr, dass ich doch der Blindenführhund für mein Frauchen bin, blieb sie dabei: Mein Frauchen habe sehende Begleitung, sie bräuchte mich also nicht. Für Natascha war das eine Unverschämtheit, sie regte sich ziemlich auf und weigerte sich, mich einfach auf dem Flur zu lassen.

Ich sah das ganz genauso: Schließlich bin ich ihr Hilfsmittel - ich zeige ihr, wohin sie sich setzen kann, wo Ein- und Ausgänge sind, und warne sie, falls ein Hindernis im Weg ist. Warum sollte sie die Hilfe von anderen Menschen in Anspruch nehmen müssen, wenn sie doch mich hat? Dafür bin ich schließlich da.

Dafür hat mich auch die Krankenkasse bewilligt - als ziemlich teures Hilfsmittel, denn ich bin 25.000 Euro wert. Natascha hat mich beantragt, als sich vor vier Jahren ihr verbliebener Sehrest noch mehr verschlechterte. Sie hat um mich gekämpft, denn zunächst wurde ich nicht bewilligt.

Ich bin so teuer, weil ich richtig gut für meine Arbeit ausgebildet wurde. Während meiner Ausbildung in München habe ich 40 Befehle gelernt, um meinem Frauchen Orientierung und Sicherheit zu bieten. Zum Beispiel finde ich im Supermarkt die Kasse für sie. Wir zwei können nämlich allein einkaufen - wenn nicht gerade die anderen Kunden stehen bleiben, uns anstarren und wegen ihrer Verwunderung nicht merken, dass sie uns mit ihren Einkaufswagen den Weg versperren.

Ich beschütze mein Frauchen - etwa auf dem Pfingstmarkt, als sie fast von einer Zigarette verbrannt wurde. Da habe ich mich einfach in den Weg gestellt und die heiße Glut abgefangen. Das tat zwar weh, aber ich habe mich nicht beschwert. Mein Frauchen war so gerührt, dass sie zur Belohnung ein paar Mal mit mir Riesenrad gefahren ist.

All das könnte ihr ein Blindenstock nicht bieten, der sie nur bis zum Bauch beschützt. Dieser weiße Langstock kann auch nicht selbständig mitdenken, so wie ich, und einen anderen Weg suchen, wenn der Durchgang blockiert ist. Ich bin nicht nur Nataschas „Blindenstock“, ich bin ihr Navigationssystem. Ich bin kein nettes Accessoires, ich habe eine wichtige Funktion.

Deshalb verstehe ich nicht, wenn ich zum Beispiel mit meinem Frauchen beim Metzger rausgeschmissen werde oder uns mehrere Verkäufer in einem Kaufhaus in der Fußgängerzone verfolgen. Und mir tut es leid für mein Frauchen, wenn sie behandelt wird, als wäre sie nicht nur sehbehindert, sondern könnte auch nicht hören – etwa wenn Kinder mich ohne zu fragen streicheln und deren Eltern auf Ansprache meines Frauchens einfach nicht reagieren.

Nicht behindert sein, sondern behindert werden

Aus Marburg kennen wir all diese Probleme nicht - aber meinem Frauchen ist auch völlig klar, dass man diese beiden Städte nicht miteinander vergleichen kann. Sie braucht auch kein Mitleid, sondern Verständnis. Sie versteht ebenfalls, wenn wir angestarrt werden - unser Anblick ist im Frankenberger Land noch etwas Seltenes. In Marburg gibt es mehr Blinde.

Viele Menschen staunen, was ich alles kann. Dabei ist das für uns gar nichts Besonderes. Ich mach doch nur meine Arbeit. Ich helfe meinem Frauchen, weil sie besonders gefordert ist - aber als behindert sieht sie sich nicht. Doch manchmal fühlt sie sich behindert - nicht durch ihre eingeschränkten Sehmöglichkeiten, sondern durch andere Menschen. Und dabei wünscht sie sich doch nur eins: Dass man sie einfach so sein lässt, wie sie ist. Und genau das wünsche ich mir auch für sie. (sis)

Mehr zu den Rechten eines Blindenführhundes lesen Sie in der gedruckten Mittwochs-Ausgabe der Frankenberger Zeitung.

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