Diskussion im Gemündener Bürgertreff

Innenperspektive des Donbass

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Dr. Kerstin Zimmer sprach im Gemündener Stadtmuseum über den Konflikt im Donbass und zeichnete historische wie politische Entwicklungslinien nach.

Gemünden - Erst überschlugen sich die Ereignisse in der Ukraine, seither passiert - für westliche Beobachter - meist das Gleiche: Separatisten und Armee kämpfen um den Donbass. Dr. Kerstin Zimmer rückte im Gemündener Bürgertreff Perspektiven zurecht und beleuchtete den dunklen Weg in den Konflikt.

Der Ukraine-Konflikt kann von mindestens zwei Seiten betrachtet werden: von außen sowie von innen. Ersteres tat etwa, mit Fokus auf Russland, im November bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik in der Burgwaldkaserne Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Auf Einladung des Gemündener Museumsvereins widmete sich am Dienstagabend Dr. Kerstin Zimmer aus Marburg der Innen-perspektive. Die Ukraine-Kennerin vom Zentrum für Konfliktforschung, die zum Donbass promovierte, gab vor einer großen Zahl an Interessierten einen Blick in die Chronik der Ereignisse, bevor sie sich dem Donbass im Detail widmete - jener Region, in der seit Monaten schwere Kämpfe stattfinden und wo auch das malaysische Flugzeug MH17 abstürzte. Dabei verzichtete sie auf einseitige Schuldzuweisungen.

Zimmer erinnerte daran, dass Anfangs nur eine kleine Gruppe, meist Studenten, für ein EU-Assoziierungsabkommen und gegen die Ausbeutung des Landes durch die Regierung Janukowitsch demonstrierte. Als diese Demonstrationen in der Nacht auf den 30. November 2013 niedergeschlagen wurden, eskalierte die Lage. „Man hoffte, dass man die Proteste so beenden könne und erreichte das Gegenteil“, sagte Zimmer.

Es folgten Massendemonstrationen auf dem Maidan, die Einschränkung der Versammlungsfreiheit, Schüsse „mit völlig unklarem Hintergrund“ auf Demonstranten, der Sturz der Regierung und schließlich die Annexion der Krim. „Schon da gab es einen gewissen Separatismus im Donbass“, erklärte Zimmer. Dieser richtete sich gegen den „Faschismus in Kiew“.

Definition von „Faschismus“

Dazu führte Zimmer aus, dass „Faschismus“ in postsowjetischen Gesellschaften eine andere Bedeutung besitze. Anders als im Westen stehe das Wort nicht oder nicht ausschließlich für nationalistisch, ausländerfeindlich, totalitär. Vielmehr gelte die Definition aus sowjetischen Zeiten als „terroristische Diktatur des reaktionären, imperialistischen Finanzkapitals“ - mithin: Als Feind der Sowjetunion und später als Feind der „Partei der Regionen“.

Diese sei das politische Sammelbecken der Kräfte des Donbass und politische Heimat Vikor Janukowitschs. Zimmer erläuterte die besondere wirtschaftliche Bedeutung der Region, die erst sehr spät erschlossen und industrialisiert worden sei. Der westliche Eindruck, der Donbass sei „pro-russisch“, sei nicht richtig: „Der Donbass ist pro sich selbst“, sagte sie und machte anhand von Statistiken deutlich, dass viele Bewohner sich als Ukrainer fühlen würden - und dass die Legimität der ausgerufenen Republiken in Donezk und Lugansk von der Bevölkerung angezweifelt wird. „Die Leute wollen eigentlich nur eins: endlich in Ruhe gelassen werden“, schloss die Konfliktforscherin, die zuletzt im November selbst zu Besuch in der Ukraine war.

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