Flüchtlingsunterkunft im alten EAM-Gebäude in Frankenberg

Integration statt Ablehnung

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Anne und Günther Ahlborn (v.l.) wollen Flüchtlinge im EAM-Gebäude am Kegelberg unterbringen. Sie beantworteten gemeinsam mit Bürgermeister Rüdiger Heß und Landrat Reinhard Kubat Fragen der Anwohner und milderten Vorurteile ab.Foto: Patricia Kutsch

Frankenberg - Das Thema Asylbewerber wird von vielen Menschen mit gemischten Gefühlen aufgefasst. Viele Menschen wollen Unterkünfte für die Flüchtlinge nicht in der eigenen Nachbarschaft haben. Ein Gespräch zwischen Bürgern, Politik und Familie Ahlborn, die Flüchtlinge im alten EAM-Gebäude unterbringen wird, hat geholfen, Vorurteile abzumildern.

Anfänglich äußerten viele Bewohner des Kegelbergs ihren Unmut: Sie wären gerne früher informiert worden oder hätten am liebsten schlicht gar keine Asylbewerber in der Nachbarschaft - oder zumindest nicht so viele. Schließlich mehrten sich aber die Stimmen von Menschen, die die Flüchtlinge willkommen heißen und mit ihnen Deutsch lernen wollen. Anne und Günther Ahlborn aus Bottendorf haben das alte EAM-Gebäude gekauft und lassen es derzeit umbauen. Insgesamt 66 Asylbewerber sollen dort ein vorläufiges Zuhause finden. Die ersten 22 sollen am 1. November einziehen, die weiteren 44 ab dem 1. Dezember.

Landrat Reinhard Kubat, Bürgermeister Rüdiger Heß und das Ehepaar Ahlborn kamen mit rund 60 Bürgern ins Gespräch, beantworteten Fragen und zerstreuten viele Befürchtungen. „Das Thema ist für uns alle nicht leicht zu handhaben und ich verstehe die Sorgen“, sagte der Landrat. „Die Flüchtlinge kommen in immer größerer Zahl an und wir müssen sie menschenwürdig unterbringen und umsorgen.“ Bürgermeister Rüdiger Heß ergänzte, dass in seiner ersten Amtszeit 1998 Flüchtlinge noch kein Thema gewesen seien - heute beschäftigen sie ihn täglich. „Wir haben die Verpflichtung, diese Menschen unterzubringen. Aber sie wollen uns auch etwas zurückgeben“, betonte er. Vergangene Woche habe die Stadt zwei Flüchtlinge in einem Durchgangszimmer im Obdachlosenheim unterbringen müssen, weil es keine Plätze mehr gab. Die Stadt habe sich mit dem Thema beschäftigt, Wohncontainer aufstellen zu müssen. Heß zeigte sich daher glücklich über den Plan der Familie Ahlborn.

„Ich war im Juli während der Weltmeisterschaft in Berlin und habe gesehen, wie viele ausländisch aussehende Mitbürger die deutschen Farben trugen“, sagte Günther Ahlborn. Es sei ein Schlüsselerlebnis gewesen - deswegen wolle er den Flüchtlingen helfen.

Ahlborn sei jedoch klar, dass viele Anwohner zunächst geschockt gewesen seien. Ein Nachbar beschwerte sich in dem Bürgergespräch am Donnerstag, dass das Wohngebiet am Kegelberg kaputt gemacht werde: „Wir haben ein Gebiet mit Sonderschülern, mit der Lebenshilfe und mit Schulen für Menschen mit Behinderung. Bei uns gibt es bereits ein hohes Aufkommen von besonderen Menschen. Jetzt kommen 66 weitere besondere Menschen.“ Vertreter der Friedrich-Trost-Schule und der Lebenshilfe äußerten Unverständnis über diese Aussage - „wenn es Probleme mit unseren Mitarbeitern oder Schülern gibt, dann können Sie uns das sagen“, hieß es.

Ein weiterer Anlieger habe mit seiner Bank gesprochen und erfahren, dass sein Haus an Wert verliere, wenn eine Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarschaft sei, ein weiterer wünschte sich, dass nicht so viele Asylbewerber an einem Ort konzentriert untergebracht werden.

„Es geht nicht um die Frage, ob wir Flüchtlinge aufnehmen. Das Thema ist längst gegessen“, sagte eine Bürgerin. „Es geht darum, wie wir diese Menschen integrieren.“ Sachlich erklärten die Mitarbeiter des Landkreises und Familie Ahlborn die Abläufe und bekamen große Unterstützung aus dem Publikum. Kubat berichtete, dass der Landkreis mit Partnern wie der Handwerkerschaft an einem Programm schmiede, bei dem die Flüchtlinge schnell in ein Praktikum kommen. „Sie müssen unter die Leute und unsere Sprache lernen.“

„Wenn wir alle uns kümmern, dann können wir die Flüchtlinge ohne Probleme aufnehmen“, warb der Integrationsbeauftragte des Landkreises, Uwe Jansen, um Unterstützung. Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen oder mit den Kindern etwas unternehmen, könnten bei der Integration helfen. Dekanin Petra Hegmann warb für die Mitarbeit in einem Netzwerk, das sich um die Asylbewerber kümmert. „Wenn man sich die Mühe macht und auf diese Menschen zugeht, dann gehen einem die Augen auf: Diese Menschen sind dankbar für jede Unterstützung.“

Eine Psychologin aus dem Publikum erklärte, dass sie traumatisierte Flüchtlinge behandelt. „Wenn ich erzähle, was diese Menschen erlebt haben - das halten Sie nicht aus“, sagte sie. „Ich kann die Ängste vor den Flüchtlingen nicht nachvollziehen. Diese Menschen stoßen auf so viel Ablehnung - da sind sie dankbar für jeden freundlichen Blick.“ Eine Lehrerin der Edertalschule berichtete von einem Besuch ihrer Schüler bei Flüchtlingen: „Meine Schüler waren ergriffen von der Gastfreundschaft - und dem, was diese Menschen erlebt haben.“ Sie erklärte ihre Unterstützung für ein ehrenamtliches Netzwerk. Weitere Interessenten können sich beim Integrationsbeauftragten Uwe Jansen melden.

„Probleme werden in Einzelfällen kommen. Denn das sind Menschen“, sagte Jansen. „Aber gemeinsam können wir sie lösen.“ Günther Ahlborn erklärte, dass tagsüber immer jemand in der Unterkunft sei und für Fragen der Nachbarn zur Verfügung stünde. Er selbst sei immer erreichbar.

„Wir reden immer von Problemen“, sagte ein weiterer Besucher zum Abschluss. „Glauben Sie mir, die Flüchtlinge haben mehr Sorgen und Probleme, als wir. Wir müssen auch die Chancen sehen: Viele Handwerker haben keine Lehrlinge mehr. Viele Flüchtlinge wollen eine Ausbildung machen, studieren - und kehren wieder in ihre Heimat zurück, wenn der Krieg vorbei ist. Dort werden sie vielleicht in 20 Jahren Präsidenten.“

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