Burgwald

„Ist auch ein wenig Sozialarbeit“

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- Gemünden (gl). Seit mehr als 60 Jahren gibt es in Gemünden den Tabakwarenladen, seit 1986 führt ihn Familie Hesse. Die Zeiten haben sich verändert – die Kunden nicht unbedingt.

„Leider kein Gewinn“, sagt Regina Hesse. Dasselbe steht auf dem Bildschirm der Lotto-Kasse im Tabakwarenladen Hesse im Steinweg. Enttäuscht schaut ihr Kunde nicht, ganz als ob er mit einer Million erst gar nicht gerechnet hätte. Wer Regina Hesse beim Arbeiten beobachtet, merkt ihr die Freude an ihrer Tätigkeit an – trotz Arbeitszeiten von täglich mehr als zehn Stunden und seit Jahren rückläufigem Geschäft. Hesse begrüßt die meisten Kunden bereits mit dem Namen, wenn diese die Tür zu dem ­kleinen Lädchen noch nicht ganz offen haben. Mit den meisten ist sie per Du, kennt sie seit Jahren.

Im Jahr 1986 übernahm Regina Hesse mit ihrem Mann Thomas den Laden der Familie Seibel – der existierte bereits seit Ende der 1940er-Jahre. „Damals standen hier zwei Stühle mit einem Brett dazwischen und den Zeitschriften darauf“, erinnert sich die 52-Jährige. Sie hätten dann „die ganze Sache ein wenig umgemodelt, damit es etwas repräsentativer wird“, wie sie sagt. Selbstständig zu sein, das sei immer der Traum ihres Mannes gewesen. Sie selbst habe anfangs nur stundenweise im Laden gearbeitet, ansonsten sei sie halbtags im Einzelhandel tätig gewesen.

Im Jahr 1998 verstarb Thomas Hesse – seine Frau entschloss sich dazu, das Geschäft weiterzuführen. Gemeinsam mit ihrem Bruder erweiterte sie die Räume, die letzte Modernisierung liegt erst vier Jahre zurück. So steht Regina Hesse heute jeden Tag ab sechs Uhr hinter der Theke, räumt Zeitschriften ein und wartet, dass die ersten Kunden eintrudeln. Morgens seien dies zumeist berufstätige Männer, sagt sie. „Oft sind die um diese Zeit nicht sehr gesprächig. Die gucke ich an und weiß genau, was sie wollen. Wir verstehen uns auch ohne Worte“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht.

Später kommen dann die Rentner, um ihre Tageszeitungen zu holen. „Viele haben bewusst kein Abonnement. Die brauchen es, einfach mal ein Gespräch zu führen, deshalb holen sie ihre tägliche Zeitung lieber hier ab“, weiß sie zu berichten. Gerade bei verwitweten Kunden sei dies zu bemerken. „Ja, das ist auch ein wenig Sozialarbeit hier“, einige suchten eigentlich überhaupt nicht nach bestimmten Zeitschriften oder Zigarettenmarken, sondern nach einer Person, bei der sie Probleme loswerden könnten. Regina Hesse hat in ihrer Zeit hinter der Theke einiges mitbekommen. Mit Schrecken erinnert sie sich an einen Einbruch im Jahr 2000. Damals seien kiloweise Zigaretten gestohlen worden, auch die hochwertigen Feuerzeuge im Schaufenster hätten die Diebe mitgenommen. Die Schadenshöhe betrug damals 25 000 Mark, die Täter wurden nie gefasst, die Ermittlungen ergebnislos eingestellt.

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