Geprägt von Ängsten vor der Entwicklung der Pandemie

Jahreswechsel mit Corona: Mehr Nachfrage bei Psychiatrie und Telefonseelsorge im Waldeck-Frankenberg

Trägervereinsvorsitzender Harald Henkel (Frankenberg) und Geschäftsführerin Doris Möser-Schmidt (Marburg) von der Telefonseelsorge Marburg, die auch für das Frankenberger Land zuständig ist.
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Aktiv bei der Telefonseelsorge Marburg: Trägervereinsvorsitzender Harald Henkel (Frankenberg) und Geschäftsführerin Doris Möser-Schmidt (Marburg) von der Telefonseelsorge Marburg, die auch für das Frankenberger Land zuständig ist.

Weihnachten und der Jahreswechsel unter den Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise – das hat viele Menschen besonders belastet. Die Nachfrage in der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen bei Vitos Haina ist deutlich gestiegen. Auch die Telefonseelsorge spricht von einer Zunahme an Gesprächsbedarf.

Waldeck-Frankenberg - Weihnachten und Jahreswechsel sind laut Dr. Florian Metzger, Leiter der Hainaer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, „emotionale Zeiten, in denen häufig das eine oder andere zu Tage kommt, das im Alltag nicht so präsent ist“. In den vergangenen Jahren habe aber in dieser Zeit weniger Nachfrage geherrscht. „Die Menschen konnten sich darauf vorbereiten und wussten, was kommt.“

Dr. Florian Metzger, Ärztlicher Direktor der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

Ganz anders an Weihnachten 2020 und dem Jahreswechsel. „Man wusste nicht, wie sich die Infektionslage entwickelt, die Feiertage waren nicht von großen Festen und persönlichen Treffen geprägt. Ängste vor einer sich verschlechternden Pandemie-Situation oder vor einer persönlichen Ansteckung oder der von Angehörigen prägten die Zeit. Dazu kam die erhebliche Reduktion von Sozialkontakten und Möglichkeiten, die freie Zeit während des Lockdowns zu gestalten“, schildert Metzger den Grund für vermehrte Nachfrage. „Die Patienten konnten großteils auch benennen, dass die Pandemie und die daraus resultierenden Negativ-Nachrichten und die Einschränkungen zu einer Verschlechterung der psychischen Erkrankung geführt hatten“, ergänzt der Psychiater.

Auch Salome Möhrer-Nolte von der Telefonseelsorge Nordhessen, die auch für den Kreisteil Waldeck zuständig ist, spricht von einer „klaren Zunahme des Gesprächsbedarfs“ während der Feiertage. Doris Möser-Schmitt von der Telefonseelsorge Marburg, die das Frankenberger Land mitbetreut, verbuchte zwar ebenfalls mehr Anrufe als im Vorjahr. Doch der Anstieg sei nicht so hoch gewesen wie am Osterwochenende 2020 (plus 25 Prozent). Am meisten Anrufe habe es im November gegeben.

Haupttemen: Einsamkeit und Sorge, krank zu werden

Die Themen Einsamkeit und Isolation stehen bei Anrufern bei der Telefonseelsorge Marburg und Nordhessen an ersten Stelle. Das sei auch schon vor Corona so gewesen, habe sich jetzt aber verstärkt, informieren die Geschäftsführerinnen auf Anfrage.

„Die Themen an den Feiertagen und dem Jahreswechsel unterscheiden sich nicht wesentlich von denen am Rest des Jahres“, sagt Salome Möhrer-Nolte von der Telefonseelsorge Nordhessen, die unter anderem Anrufer aus Korbach, Bad Arolsen und Bad Wildungen betreut.

Viele Anrufer beschäftigt das Thema Corona: Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Seelsorge Nordhessen.

„Viele Anrufer berichten uns auch, dass sie unter den Corona-Einschränkungen leiden.“ Auch Angst vor einer Corona-Erkrankung oder einer Verschlechterung des Zustandes spiele eine große Rolle. „Es gibt einige, die mit der Belastung nicht klar kommen und einfach nur wollen, dass ihnen jemand zuhört. Das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben“, erläutert Möhrer-Nolte. Häufiges Klientel seien zudem Menschen mit psychischen Erkrankungen: „Auch solche, die schon in Behandlung sind, aber trotzdem zwischendurch Stabilisierung brauchen“, ergänzt sie.

Doris Möser-Schmidt, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Marburg, zuständig für Anrufer, deren Telefon- Vorwahl mit 0645 beginnt, hat beobachtet: „Über die Weihnachtstage hat das Thema Einsamkeit schon in den vergangenen Jahren einen besonderen Stellenwert gehabt. An diesen Tagen scheinen wir Menschen besonders wahrzunehmen, was wir vermissen, und es schmerzt dann besonders, wenn anscheinend alle anderen die Zeit mit der Familie haben, und man selbst seine Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit nicht so stillen kann, wie man es sich wünscht.“

Der anrufstärkste Monat bei der Telefonseelsorge sei üblicherweise der April. „Das erwartet man so nicht, aber gerade im Frühjahr spüren Menschen oft mehr, dass es ihnen nicht gut geht, wenn draußen das Leben erwacht und man selbst das nicht nachempfinden kann. Viele Nachfragen gibt es auch im November, wenn es dunkel wird und sich der Lichtmangel bemerkbar macht“, erläutert sie. Weihnachten an sich sei „gar nicht so dramatisch“.

Im Corona-Monat Dezember führte die Telefonseelsorge Marburg ihren Angaben nach sieben Prozent mehr Gespräche als im Vorjahr. Im November waren es hingegen 14,6 Prozent mehr.

„Die Zahlen muss man auf den Hintergrund lesen, dass es ja keinen Zuwachs an ehrenamtlichen Mitarbeitenden gegeben hat. Der Bedarf nach Gesprächen ist weiterhin groß“, sagt die Marburger Geschäftsführerin.

Dr. Florian Metzger, Leiter der Hainaer Allgemeinspsychiatrie, sagt: „Die Pandemie und die Auswirkungen werden in der Versorgung der Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht nur infektiologisch berücksichtigt, sondern sind auch in der (Psycho-)Therapie ein großes Thema, an dem intensiv gearbeitet wird.“

Von Martina Biedenbach und Susanna Battefeld

Mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge

Telefonseelsorge Nordhessen: Sie verbuchte im Dezember 2019 insgesamt 580 telefonische Beratungsgespräche. Im Dezember 2020 waren es 714 Anrufe. Bei den Internet-Chats stieg die Zahl von 44 Chats (2019) auf 150 (2020).

Telefonseelsorge Marburg: Im April 2020 gab es 13,6 Prozent mehr Gespräche als im Vorjahr. Mit 14,6 Prozent war im November die Steigerung am höchsten. Im Dezember 2020 wurden sieben Prozent mehr Gespräche geführt.

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