Sebastian Christ: "Was von Deutschland übrig bleibt"

Kaltes Land mit einem warmen Herzen

+
Von seiner Wanderung auf den Spuren des demografischen Wandels berichtet der gebürtige Frankenberger Sebastian Christ in „Was von Deutschland übrig bleibt“.

Frankenberg - Was bedeutet der demografische Wandel wirklich, dort, wo er stattfindet? Sebastian Christ erwanderte sich die Antwort vergangenen Winter. Jetzt teilt er seine Erfahrung als Buch, das zugleich Reportage, Roman und Reiseführer zu sein scheint.

Frankenberg. Dieser Christ schleicht sich an, kommt ganz leise von hinten, packt den Leser und lässt ihn bis zur letzten Seite nicht mehr los. „Was von Deutschland übrig bleibt“, das neue Buch des gebürtigen Frankenberger Journalisten Sebastian Christ, ist erschienen. Es nimmt den Leser mit auf jene Reise, die Christ Anfang das Jahres unternommen hat: Von Slubice in Polen nach Venlo in den Niederlanden, einmal quer durch Deutschland, mit nichts als einem prall gefüllten Rucksack und einer Idee.

„Ich wollte mehr über das Land lernen, in dem ich lebe. Von Berlin aus bleiben viele Veränderungen unsichtbar, gerade was den demografischen Wandel angeht“, beschreibt Sebastian Christ das Ziel seiner Reise. Auf der Suche nach der Provinz macht er sich auf in die Dunkelheit des längsten Winters seit Jahrzehnten. Und je mehr Christ sich durch die Landschaft friert, desto wärmer wird der Leser mit dem Buch. Das mag mit Christs ungewöhnlichem Stil zu tun haben. Halb Dokumentation, halb Roman, findet schnell eine Identifikation mit dem jungen Mann statt, der ebenso schnell bemerkt, dass ein wenig Vorbereitung auf diese ungewöhnliche Reise ihm vielleicht ganz gutgetan hätte. „Indem ich Techniken des literarischen Journalismus anwende, erzähle ich eine wahre Geschichte, so wie sie stattgefunden hat, mit Mitteln des literarischen Schreibens. Dadurch ist der Leser näher am Geschehen dran“, sagt Christ.

„Veränderungen durch den demografischen Wandel finden vor unseren Augen statt“, wie er beschreibt. Sein Schreibstil soll helfen, diese große Veränderung der Gesellschaft als das darzustellen, was sie ist: kein abstraktes, sondern ein spannendes, erlebenswertes Phänomen. Dabei erweist sich der preisgekrönte Journalist als Jongleur von Worten und Sätzen. Als Schöpfer neuer Wortschätze: „grieselgroß“, „Bürgerburgen“, „kuhfleckenförmig“. Wie der Eissturm, der ihn kurz vor der ehemaligen innerdeutschen Grenze fast an den Boden nagelt, setzt Christ seine Leser in einen Wortsturm, der an das Buch nagelt - manchmal aber tatsächlich auch metaphernschwer an Grenzen bringt.

Land im Winterschlaf

Was der Wanderer zeigt, ist ein Land im Winterschlaf. Er wolle, so schreibt er, ehrlich sein. Er wolle die Republik zeigen, „wenn die deutsche Provinz weder Postkartenbilder noch Trachtentanzgruppen zu bieten hat“. Ob das Bild, das er zeichnet, allerdings tatsächlich ehrlich ist, ist fraglich. Sebastian Christ wandert durch ein matschig-graues Land, in dem er mit offenem Mund angeglotzt wird, wenn er im Schnee vorbei an Bushaltestellen, Industriebrachen und Einkaufspalästen stapft. In dem Gastwirte Mitleid mit ihm haben und ihm etwas Ordentliches vorsetzen. Er zeigt ein kaltes Land mit warmem Herzen.

Doch Deutschland ist eben auch Postkartenidylle, ist auch Trachtentradition - als Frankenberger weiß er das. Und verlässt sich dennoch auf Väterchen Frost: „Im Sommer genieße ich die Wärme, trage kurze Sachen, habe viel mehr Sonnenlicht. Im Winter muss ich mich ganz und gar auf die Natur ­einlassen, um die Strecke zu schaffen. So er­fahre ich mehr über die ­Regionen, durch die ich gehe“, rechtfertigt Sebastian Christ seine Quälerei, die dem Buch anzumerken ist. Doch die kurzen Tage, die viele Dunkelheit, das Schneegrau reduzieren seine Sicht zugleich. Immer dann surrt auch das Buch zusammen: im Fokus Christ, seine Gedanken. Seine Familiengeschichte: Stanislaus, sein Vorfahre, der ebenfalls von Polen kam, ein besseres Leben zu suchen, und der zugleich seinem Urenkel ein so gutes Beispiel für die demografische Entwicklung der Nation liefert.

Wissen für Begierige

Dem Leser macht es der Autor einfach, die dargebotenen Informationen aufzunehmen. Die „Wanderreportage“ lebt von der Wanderung. Und so lässt Christ Daten, Fakten, Zahlen am Leser vorbeiziehen, wie die verschmutzten Fassaden einer ostdeutschen Vorstadt im Spätwinter an ihm vorbeiziehen. Wer sie nicht beachten möchte, muss das nicht tun. Doch wer sich darauf einlässt, erfährt in diesem Abenteuerroman in Form einer Reportage viel Neues. Der erfährt Wissenswertes aus der deutschen Provinz,die die gesamte Republik ausmacht, wie Christ zeigt.

„Deutschland ist auf jeden Fall ein Land ohne eine alles bestimmende Metropole. Da spielt die Provinz automatisch eine wichtige Rolle“, erklärt der Schreiber die Bedeutung des Kleinstädtischen. Zumal viele Innovationen aus dem ländlichen Raum kämen - „das gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Mal“. Deutschland, das ist Provinz im positiven Sinne. Folgerichtig lässt der Journalist seiner alten Heimat Frankenberg ebenso viel Platz zukommen wie seinem neuen, ungleich größeren Zuhause an der Spree: Berlin. Das pulsierende Leben stellt er neben die Geborgenheit - nicht geringschätzend, nicht einmal wertend. Eher beobachtend, aber auch in Erinnerung schwelgend.

Und so gilt wohl für Deutschland, was Sebastian Christ über seine Heimat sagt: „Frankenberg hat seit 1945 stark davon profitiert, dass sich hier immer wieder Menschen niedergelassen haben, um eine neue Heimat zu finden: Vertriebene, Westfalen, Flüchtlinge aus der DDR, ‚Gastarbeiter‘. Sie haben zur Stärkung der Wirtschaftskraft beigetragen und ihren Anteil daran geleistet, dass aus der 4000-Einwohner Stadt, die Frankenberg noch vor 70 Jahren war, ein blühendes Mittelzentrum geworden ist. Zuwanderung ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen und entscheidet darüber, was von Frankenberg einmal übrig bleiben wird.“

Sebastian Christ: „Was von Deutschland übrig bleibt - Eine Wanderreportage“. Edition Lingen Stiftung, 2013. ISBN: 3942453347. 9,95 Euro. Erhältlich auch im heimischen Buchhandel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare