Gemündenerin leitet Wildunger Selbsthilfegruppe

Kampf gegen die überflüssigen Pfunde

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Gemünden - Für die Betroffenen ist es ein hartes Los, sie kämpfen mit Anfeindungen, Gespött, teilweise mit psychischen Problemen und immer mit ihrem Gewicht: Adipositas-Patienten. In Bad Wildungen kümmert sich eine Selbsthilfegruppe um das Thema, geleitet von einer Gemündenerin.

"Da steht man an der Kasse, kauft für die ganze Familie ein und die Leute tun so, als würde man das alles selber essen", sagt Marion Steinmeyer. Anfeindungen wie diese sind es, die vielen Menschen mit starkem Übergewicht das Leben schwer machen. "Deutsche Panzer rollen wieder", das sei noch einer der netten Sprüche, die ihr selbst hinterhergerufen wurden - wer Steinmeyer sieht, glaubt kaum, dass sie selbst eine Adipositas-Betroffene war.

Die Gemündenerin ist nicht schlank, nicht dick, sondern im besten Sinne des Wortes: normal. Doch sie war dick, sogar mehr als das, sie kann Fotos zeigen, die das beweisen. Sie ist ihren Weg gegangen und wenn sie davon berichtet, klingt einerseits Stolz mit, andererseits lässt sich erahnen, dass es kein einfacher Weg war. Eine ihrer großen Stützen war die Wildunger Adipositas-Selbsthilfegruppe. Im vergangenen Monat hat Marion Steinmeyer deren Leitung übernommen.

"Sich einfach trauen"

"Sich einfach trauen und hingehen", das empfiehlt Steinmeyer all jenen, die sich unter Umständen genieren, sich fremden Menschen zu offenbaren. Sie weiß, dass der erste Schritt der schwerste ist, aber sie weiß auch, dass es allen Mitgliedern der Gruppe bei ihrem ersten Treffen so ging. Zwischen einem Dutzend und 20 Menschen treffen sich jeden ersten Mittwoch im Monat in der Zeit von 19 bis 21 Uhr im Fürstenhof in Bad Wildungen, um über ihre Probleme, Erfahrungen und Erfolge zu berichten. Die meisten haben Übergewicht - die übrigen hatten es. Sie sind es, von deren Erfahrungen gerade die neuen Mitglieder profitieren können. Denn diese Mitglieder - Menschen wie Marion Steinmeyer - haben das Übergewicht bezwungen und können von ihren Erfahrungen berichten.

Adipositas ist nicht gleich Adipositas. Bei dem einen habe es psychische Grunde, bei anderen seien es die Gene, wieder andere würden tatsächlich schlicht zu viel Essen, berichtet Steinmeyer. Auch die Behandlungsformen sind unterschiedlich. Wer kennt vor einem Besuch der Selbsthilfegruppe schon die Unterschiede zwischen Magenband, Magenschlauch und Magenbypass? Wohl die wenigsten. Und schließlich gibt es auch die Mitglieder, die eine Operation scheuen, allein durch eine radikale Ernährungsumstellung, durch viel Bewegung und eisenen Willen abnehmen.

All diese unterschiedlichen Erfahrungen treffen in der Gruppe aufeinander, für Steinmeyer eine ungemein wertvolle Erfahrung. "Wir helfen uns gegenseitig", berichtet sie: Was muss ich beim Ausfüllen von Krankenkassenanträgen beachten? In welcher Klinik wird mir geholfen? Welche Behandlungsmethode hat dir geholfen? Wie ging es dir während der Gewichtsreduktion? Viele Fragen werden in offenen Gesprächsrunden beantwortet, sagt Steinmeyer. Niemand muss, jeder darf sich einbringen. "Die meisten sind anfangs schüchtern", sagt die Gemündenerin, dann wollen viele schließlich doch ihr Herz ausschütten und erzählen.

Im Weg bestärken

Das ist genau das Ziel der Gruppe: die Menschen aus ihren Zweifeln, teilweise aus ihrer Isolation holen, Informationen und Erfahrungen austauschen, aber auch Halt geben: "Als ich abgenommen habe, haben mir die Leute gesagt, ich sehe schlecht aus und soll damit aufhören", erzählt Steinmeyer. Was vielleicht als guter Ratschlag gemeint ist, vielleicht auch Ausdruck von Sorge, ist für die Adipositas-Betroffenen allerdings alles andere, als eine Hilfe. Mitten in einem großen Lebenswandel - geprägt durch Ernährungsumstellung, eventuell eine Operation - wird der eingeschlagene Weg in Zweifel gezogen. In der Wildunger Adipositas-Selbsthilfegruppe hingegen gibt es Rückhalt.

Gerade deshalb findet Steinmeyer auch jene Mitglieder der kostenlosen und unverbindlichen Gruppe wichtig, die ihren Weg zu weniger Pfunden bereits zu Ende gegangen sind: Nur sie können sie übrigen Mitglieder wirklich motivieren, dienen sie doch als sichtbares, gutes Beispiel, als Beleg, dass sich der Kampf lohnt. "Manche verschwinden, wenn sie ihre Operation hinter sich haben", beklagt Steinmeyer. Das findet sie traurig.

Als besonders wichtig sieht die neue Leiterin der Gruppe an, dass das, was während der Treffen besprochen wird, keinesfalls nach außen dringt. "Wir wollen einen Raum schaffen, in dem man sich austauschen kann, ohne ausgehorcht zu werden", sagt sie. So sollen auch die kleineren Rückschläge offensiv in der Gruppe angegangen werden: "Es gibt etwa oft Probleme, wenn man sich sportlich betätigen will und die Gelenke nicht mitmachen", sagt Steinmeyer.

Gelenkschonender Sport

Sogleich bietet sie jedoch eine Hilfestellung an: Jeden Dienstag hat das Schwimmbad des Fürstenhofs nur für die Adipositas-Selbsthilfegruppe geöffnet. Von 18.30 Uhr bis 21 Uhr können die Übergewichtigen mit ihresgleichen gelenkschonenden Sport betreiben. Wer lieber zu Fuß unterwegs ist, für den gibt es die Nordic-Walking-Gruppe. "Die ist allerdings derzeit etwas eingeschlafen", gibt Steinmeyer zu, auch wegen der Jahreszeit.

Schließlich geht die Gruppe auch ganz praktische Dinge an, etwa das Thema Bekleidung: Gerade in diesen Tagen ist Marion Steinmeyer mit der ehemaligen Gruppenleiterin Kerstin Gröll-Lehmann dabei, den fünften XXXXL-Basar zu organisieren. Verkäufer sind abermals besonders jene, deren Pfunde schon abgeschmolzen sind, denen die Hose in Übergröße nicht mehr passt. Für alle, die so weit noch nicht sind, sei das eine riesige Erleichterung, dort kaufen zu können: "Versuchen sie in einem normalen Geschäft mal etwas zu finden."

Der Basar findet am Samstag, 24. März, in der Zeit von 12 bis 16 Uhr im Martin-Luther-Haus in Bad Wildungen statt. Auf 30 Tischen gibt es laut Steinmeyer gute Second-Hand-Ware, eingeladen ist jeder. Die Mitglieder geben bei Bedarf auch Infos über die Selbsthilfegruppe.

Informationen: www.shg-bw.de

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