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Bankräuber vor Gericht: 22 Jahre nach Überfall in Hatzfeld

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Von: Jörg Paulus

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22 Jahre nach einem Überfall auf die Raiffeisenbank in Hatzfeld hat am Donnerstag (28.04.2022) am Landgericht in Marburg der Prozess gegen den letzten der vier Täter begonnen.

Hatzfeld/Marburg – Riesenschreck für die fünf Mitarbeiter der Raiffeisenbank Hatzfeld: Um 8.36 Uhr stürmten zwei maskierte, dunkel gekleidete Männer die Bank. Sie bedrohten die Angestellten mit Pistolen und forderten die Herausgabe von Geld.

So stand es am 22. März 2000 in der Frankenberger Ausgabe der HNA. Dass der Banküberfall in Hatzfeld nach 22 Jahren wieder ein Thema geworden ist, ist ungewöhnlich, hat aber einen Grund: Einer der vier Täter war seit dem Überfall verschwunden, er wurde erst vor vier Monaten in Albanien gefasst, berichtete Dr. Marcus Wilhelm, der Sprecher des Landgerichts Marburg, auf HNA-Anfrage.

Bankräuber von Hatzfeld vor Gericht: Mit europäischem Haftbefehl gesucht

Gegen den Gesuchten gab es einen europäischen Haftbefehl, er wurde nach seiner Festnahme nach Deutschland überstellt und angeklagt. Am Donnerstag hat am Landgericht in Marburg der Strafprozess gegen den 48-Jährigen wegen schwerer räuberischer Erpressung begonnen. Die drei anderen Bankräuber waren bereits 2000 und 2005 verurteilt worden. Bei dem Banküberfall am 21. März 2000 waren rund 30.000 DM erbeutet worden – das entspricht etwa 15.000 Euro.

Warum haben Sie überhaupt bei der Sache mitgemacht, wenn Sie nichts von dem Geld bekommen haben?

Vorsitzender Richter Sebastian Ferner

Dass der 48-Jährige, der aus dem Kosovo stammt, an der Tat beteiligt war, steht fest. Es gibt mehrere Beweise gegen ihn, und Verteidigerin Nadin Nitz sagte zu Beginn des Prozesses am Landgericht, dass der Angeklagte die Tat zugebe: „Er war einer der beiden Männer in der Bank.“ Von der Beute will er aber nichts bekommen haben, sagte der Angeklagte, der von einem Dolmetscher übersetzt wurde. Das Geld hätten sie einem der vier Täter überlassen, einem Portugiesen, der hohe Schulden gehabt habe und bedroht worden sei.

22 Jahre nach einem Überfall auf die Raiffeisenbank in Hatzfeld hat am Donnerstag (28.04.2022) am Landgericht in Marburg der Prozess gegen den letzten der vier Täter begonnen.  (Symbolfoto)
22 Jahre nach einem Überfall auf die Raiffeisenbank in Hatzfeld hat am Donnerstag (28.04.2022) am Landgericht in Marburg der Prozess gegen den letzten der vier Täter begonnen. (Symbolfoto) © K. Schmitt/Fotostand/Imago

Bankraub in Hatzfeld: Gerichtsverhandlung nach 22 Jahren

„Aber warum haben Sie überhaupt bei der Sache mitgemacht, wenn Sie nichts von dem Geld bekommen haben?“, fragte der Vorsitzende Richter Sebastian Ferner. Er habe sich einen Anteil an der Beute versprochen, sagte Verteidigerin Nadin Nitz im Namen ihres Mandanten. Die Männer hätten vorher nicht gewusst, wie viel Geld sie erbeuten, es sei aber vereinbart worden, dass 20.000 DM an den Portugiesen gehen, der Rest sollte aufgeteilt werden. Dazu sei es in der „dynamischen Situation“ der Flucht aber nicht mehr gekommen, sagte Nitz. Der Angeklagte gab an, nach der Tat sofort mit einem Zug zurück in seine Heimat, das heutige Kosovo, gefahren zu sein.

Strumpfmaske aus Strumpfhose, Nummernschild überklebt: Bankraub in Hatzfeld

Fest steht, dass sich die vier Männer am Morgen des 21. März 2000 zu der Tat getroffen hatten. Der Fahrer aus der Gemeinde Edertal holte die drei anderen in Bad Wildungen, Bad Arolsen und Diemelstadt ab. Auf einem Parkplatz bei Frohnhausen bereiteten sie sich vor, schnitten Masken aus einer Strumpfhose und machten mit Klebeband aus einem C am Nummernschild ihres Toyota ein O. Auf dem Parkplatz fand die Polizei später Zigarettenkippen der Männer, die halfen, sie zu überführen.

Gegen 8.30 Uhr in Hatzfeld stiegen der nun Angeklagte und ein zweiter Täter aus dem Auto aus, die beiden anderen warteten an einem vereinbarten Treffpunkt im Auto. Die beiden Männer gingen maskiert und mit einer Gaspistole in die Bank und zwangen zwei Bankangestellte zur Herausgabe von Bargeld.

Bankmitarbeiter mit Gaspistole bedroht: Bankräuber von Hatzfeld vor Gericht

„Ich musste die Geldausgabe durch ein Zeitschloss auslösen“, berichtete ein Bankmitarbeiter vor Gericht. Er sprach angesichts der Schusswaffe von einer „massiven Bedrohung“, könne sich aber kaum noch erinnern. „Ich habe das komplett verdrängt, weil sowas sonst im Alltag zu belastend ist“, sagte der heute 65-Jährige. Er sei in den 80er-Jahren schon einmal bei einem Banküberfall mit einem Messer bedroht worden.

Am 21. März 2000 hatten vier Männer die Raiffeisenbank in Hatzfeld überfallen, die im Sommer des Jahres mit drei Nachbargenossenschaften zur Frankenberger Bank fusionierte. Der vierte Täter von damals steht nun vor Gericht.
Am 21. März 2000 hatten vier Männer die Raiffeisenbank in Hatzfeld überfallen, die im Sommer des Jahres mit drei Nachbargenossenschaften zur Frankenberger Bank fusionierte. Der vierte Täter von damals steht nun vor Gericht. © Jörg Paulus

Insgesamt 29.954,14 DM sollen die Täter in Scheinen und Münzen mitgenommen haben. Als sie durch eine Seitentür aus der Bank kamen und in Richtung Festplatz liefen, um zum Fluchtwagen zu gelangen, wurden sie von Zeugen aus der Bäckerei Eckhardt gesehen. Ein Täter soll dann in Richtung Bäckerei geschossen haben. Ob es der Angeklagte war, ist nicht geklärt. Zwei Zeugen nahmen mit einem Auto die Verfolgung des Fluchtautos auf, verloren es aber bei Eifa aus den Augen.

Das Auto wurde kurz darauf in Lahntal-Göttingen von der Polizei gestoppt. Es saß aber nur noch der Fahrer im Wagen – die drei Mittäter waren bereits mit der Beute ausgestiegen. Aber auch die drei anderen Täter waren schnell identifiziert. Sie wurden über DNA-Spuren, Anruflisten und Beweise im Wagen und in Wohnungen überführt. Auch eine EC-Karte des Angeklagten lag noch im Auto.

Bankraub in Hatzfeld: Mittäter wurden bereits verurteilt

Der Fahrer wurde am 27. November 2000 zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt, der Portugiese, der mit in der Bank war und einen Tag später zuhause verhaftet wurde, zu 4 Jahren und 8 Monaten. Der Komplize, der mit dem Fahrer im Auto gewartet hatte, wurde später gefasst und erhielt in einem eigenen Prozess 2005 eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren zur Bewährung. In seinem Prozess hieß es, er habe von der Beute 2000 DM bekommen. Der Fahrer, der seine Haftstrafe verbüßt hat, war nun als Zeuge geladen, er hatte sich aber krank abgemeldet, berichtete Richter Ferner.

Festnahme nach 22 Jahren in Albanien - Bankräuber von Hatzfeld vor Gericht

Als der vierte Täter, der nun vor Gericht steht, Anfang des Jahres – 22 Jahre nach dem Überfall – in Albanien gefasst wurde, habe er der Auslieferung nach Deutschland zugestimmt, weil er „die Sache geklärt“ haben wolle. Er stehe dazu und bereue die Tat, sagte der Angeklagte und entschuldigte sich bei den beiden Zeugen: einem Bankmitarbeiter und einem Kripo-Beamten. Beide sind heute im Ruhestand.

Was er genau in der Bank gemacht habe und ob er es gewesen sei, der auf der Flucht mit der Gaspistole – also ohne scharfe Munition – in Richtung der Zeugen vor der Bäckerei Eckhardt geschossen habe, daran könne er sich nicht erinnern, sagte der Angeklagte. Sie seien zur Tatzeit alle alkoholisiert gewesen.

Seine Verteidigerin berichtete, dass der Mann 1997 aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland geflohen sei, nachdem er von Serben schwer verletzt worden sei. In Deutschland habe er von Sozialleistungen gelebt. „Er ist mit Leuten in Kontakt gekommen, die ihm nicht gutgetan haben“, sagte die Verteidigerin. Die Männer hätten sich über ihre Freundinnen kennengelernt und erst am Abend zuvor über den Bankraub gesprochen. Der Plan sei aber nicht von ihm gewesen. Er habe die Bank und den Ort Hatzfeld gar nicht gekannt. Er selbst wohnte damals in einem Stadtteil von Diemelstadt.

Fortsetzung mit weiteren Zeugen: Prozess wegen Bankraub in Hatzfeld vor 22 Jahren

Noch sind einige Fragen offen: Welche Rolle spielte der Angeklagte genau bei dem Banküberfall und der Planung? Hat er wirklich kein Geld aus der Beute bekommen? Hat er auf die Passanten vor der Bank geschossen? Und wie schwerwiegend waren die Bedrohungslage und die Folgen für die Mitarbeiter der Bank?

„Es ist erforderlich, weitere Zeugen zu hören, um den Sachverhalt nach so langer Zeit vollständig aufzuklären“, sagte Oberstaatsanwältin Sarah Antonia Otto. Deshalb wurde ein weiterer Verhandlungstag für den 12. Mai angesetzt, vielleicht ist auch ein dritter Tag nötig.

Als neue Zeugen sollen neben dem Fahrer des Fluchtautos fünf weitere Mitarbeiter der Raiffeisenbank geladen werden, die an dem Morgen in der Bank waren, außerdem die beiden Passanten, die die Täter verfolgt hatten. Bäckermeister Dietrich Eckhardt, der die Flüchtenden ebenfalls gesehen hatte, ist 2018 gestorben. Seine Aussage vom Tattag bei der Polizei wurde im Gericht verlesen. (Jörg Paulus)

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