Baumvermessung

"Kaum alte Bäume auf der Sackpfeife"

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Greenpeace-Aktivist Christian Grolms misst den Umfang einer Buche. Die Umweltschützer werfen Hessen-Forst vor, alte Buchenwälder aus Profitgier abzuholzen. Fotos: Nadine Weigel

Hatzfeld - Sie wollen den deutschen Buchenwald im Verbund schützen, doch die Greenpeace-Aktion, die auch auf der Sackpfeife stattfand, trifft bei Hessen- Forst auf Unverständnis.

Der Wind weht eisig auf der Sackpfeife, es schneit, doch das macht Martin Hoffsteter nichts aus. Der Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace ist dick eingemummelt und stapft mit acht anderen Greenpeace-Mitstreitern durch den verschneiten Wald. Sie haben eine Mission: Ausgerüstet mit Maßband und Hightechgerätschaften vermessen sie den Buchenwald.

Mit rot-weißem Band haben sie eine Fläche von einem Hektar abgegrenzt. „Wir zählen die Bäume, nehmen den Durchmesser jedes Baumes, bestimmen die Höhe und das Alter und tragen das auf einer digitalen Karte ein“, erklärt Hoffsteter. Genau das macht Greenpeace derzeit deutschlandweit.

Ziel dieser Kampagne ist es, ein großflächiges Netzwerk geschützter Buchenwälder zu schaffen, in denen nicht gefällt werden darf. Denn diese Wälder seien in Deutschland rar geworden, so Greenpeace. Rund ein Drittel Deutschlands ist bewaldet, nur auf 14 Prozent dieser Fläche wachsen Buchenwälder. „Von diesen sind nur 3,2 Prozent geschützt“, erklärt Hoffsteter. Das wollen die Umweltschützer ändern. „Wir wollen auf zehn Prozent der Landesfläche gar keinen Einschlag mehr. Auf 90 Prozent fordern wir eine vernünftige Nutzung“, sagt Hoffsteter und schaut sich auf dem abgegrenzten Areal um, in dem Äste von geschlagenen Bäumen herumliegen und vereinzelt Buchen heraussprießen.

Die meistem davon sind mit einem H für „Habitat“ markiert. Unter Habitat versteht man, dass dieser Baum von einer Art besiedelt wird und deshalb nicht gefällt wird. „Hessen-Forst lässt nur vereinzelte Buchen stehen. Das bringt aber nichts, weil mit dem Verschwinden großer zusammenhängender Wälder auch die Artenvielfalt verschwindet“, kritisiert der Landschaftsexperte.

Hessen-Forst sieht dies anders. Die Meinung des Wirtschaftsbetriebes Hessen-Forst und der Umweltorganisation gehen weit auseinander. „Die Forderungen von Greenpeace sind völlig abstrus“, sagt Petra Westphal, Pressesprecherin von Hessen-Forst, auf Anfrage der OP und bezieht sich darauf, dass die Aktivisten einen Einschlagstopp für alle Buchenwaldbestände fordern, die älter sind als 140 Jahre.

Unstrittig ist, dass Wälder als Co2-Senker funktionieren und somit aktive Klimaschützer sind. Bäume nehmen für ihre Fotosynthese Kohlendioxid (co2) aus der Luft auf. Laut Greenpeace entzogen die deutschen Wälder im Jahr 1990 noch rund 80 Millionen Tonnen Co2 - aufgrund des vermehrten Einschlags der vergangenen Jahre konnte der Wald im Jahr 2008 nur noch 17 Millionen Tonnen Co2 aufnehmen. „In der lebenden und toten Biomasse sowie im Waldboden ist Kohlenstoff über lange Zeit gespeichert und wird nur gering durch Zersetzungsprozesse wieder freigesetzt“, sagt Hoffsteter.

Doch da widerspricht ihm Westphal. Am effektivsten werde Kohlenstoff in verarbeitetem Holz gespeichert. „Wenn Holz verrottet, wird Co2 wieder frei. Wenn wir aus diesem Holz zum Beispiel Balken für Häuser machen, wird der Kohlenstoff langfristig konserviert“, erklärt die Forstfachfrau, die dabei aber die Brennholznutzung außen vor lässt.

Westphal hält auch nichts von dem Greenpeace-Argument, dass ein naturbelassener, also nicht forstwirtschaftlich bearbeiteter, Wald mehr Kohlenstoff speichert als junge Forste. „Wälder speichern am meisten Co2, wenn die Bäume im Wachstum sind - und alte Bäume wachsen nicht mehr so schnell“, so Westphal.

Für ihre Kartifizierungskampagne sind die Aktivisten auf die Bestandsdaten der jeweiligen Landesforste angewiesen. Doch Hessen, Niedersachsen und Bayern verweigern Greenpeace die Herausgabe von Daten zu den Waldbeständen. „Hessen ist am härtesten und verweigert wirklich jeglichen Einblick“, kritisiert Hoffsteter und verweist darauf, dass es sich schließlich um Landeswälder handle.

Greenpeace vermutet, dass immer mehr Holz in alten Buchenwäldern eingeschlagen wird - um so größere Gewinne für die Landeshaushaltskassen abzuwerfen. Die Umweltschützer werfen Hessen-Forst vor, durch die Verweigerung der Daten, solle genau dies vertuscht werden. Deshalb klagt Greenpeace derzeit vor dem Verwaltungsgericht Kassel auf Herausgabe der Daten. Hessen-Forst streitet den Vorwurf ab. „Wir haben Greenpeace angeboten, Daten einzusehen, aber das wurde abgelehnt“, erinnert die Pressesprecherin.

So lange die Behörde die Daten nicht herausgibt, vermessen die Umweltschützer Hessens Wälder selbst. Die Aktivisten überfliegen große Waldgebiete und stapfen bei Wind und Wetter durch das Unterholz, um an die für sie so wichtigen Daten zu kommen. Die ersten Eindrücke vom Waldgebiet auf der Sackpfeife seien „erschütternd“, so Hoffsteter am Freitag: „Wir finden kaum noch alte Bäume. In den letzten 10 bis 15 Jahren hat man hier extrem eingeschlagen und das merkt man an jeder Ecke“, sagt Hoffsteter.

Die Hiebeinschläge bei Hessen-Forst seien gerade bei den alten Buchenwäldern sehr hoch. „In Wäldern, die älter als 140 Jahre sind, wird mehr eingeschlagen als nachwachsen kann. Das ist natürlich verheerend - auch für die rund 6000 Tierarten, die in einem Buchenwald angesiedelt sind“, sagt Hoffsteter.

Im Forst werde zudem regelmäßig „aufgeräumt“, dabei biete vor allem Totholz Unterschlupf und Nahrung für Insekten und Käfer, die wiederum Vögel ernähren. Mit dem Verlust naturnaher Waldgebiete schwinde auch die Artenvielfalt. „Viele der bedrohten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind auf naturnahe Wälder angewiesen“, mahnt Hoffsteter.

Westphal wiederum pocht darauf, dass der Naturschutz in der Forstwirtschaft eine große Rolle spiele. Dieser jedoch wird beim Wirtschaftsunternehmen Hessen-Forst anders definiert als bei Greenpeace: „An jedem einzelnen Baum arbeiten unsere Mitarbeiter nach Naturschutzkriterien. Wenn in einem Baum zum Beispiel ein Schwarzspecht nistet, wird dieser nicht abgeholzt“, betont Westphal.

Professor Harald Plachter, Naturschutzexperte der Universität in Marburg, ist der Meinung, dass es wichtig und sinnvoll ist, Buchenwälder im Verbund zu schützen. „Waldtiere haben nur begrenzte Ausbreitungsmöglichkeiten, deshalb sollten wir sehen, dass wir Wälder erhalten, in denen kein Einschlag stattfindet“, betont der Experte auf Nachfrage der OP. „Nur in Wäldern, in denen nicht gearbeitet werde, könne sich die Bodenvegetation auf natürliche Weise entwickeln.

„Wir müssen das bisschen natürliche Vegetation, das wir in Deutschland noch haben, erhalten und schützen“, betont der Experte.

von Nadine Weigel

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