Ein Jahr in Bolivien

Kein anderer, aber ein reiferer Mensch

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Bromskirchen/Cochabamba - Kindern helfen, ein fremdes Land entdecken, der Polizei entwischen: Danica Steuber hat in einem Jahr Bolivien viel erlebt. Seit drei Wochen ist sie zurück - und merkt erst in der Heimat, was Armut wirklich bedeutet.

„Erlebnisreich, aber nicht immer leicht“: So kurz und einfach ist das Fazit von Danica Steuber nach einem Jahr in einem bolivianischen Kinderheim. Und doch ist es so viel mehrschichtiger: Freude und Traurigkeit, Angst und Erleichterung, Staunen und Ernüchterung - ihr Bericht ist voller unterschiedlicher Emotionen und der einen Erkennisnis: „Es hat sich auf jeden Fall gelohnt“.

Die junge Frau aus Bromskirchen, die vor ihrer Abreise nach Cochabamba in Bolivien im Hallenberger Stadtteil Liesen lebte, hat Erfahrungen gesammelt, die sie nicht missen möchte. „Ich weiß jetzt, in was für einem Luxus wir leben“, berichtet sie von der für sie möglicherweise wertvollsten. „Als ich daheim zum ersten Mal wieder unter der Dusche stand, konnte ich nicht glauben, dass man einfach so die Temperatur und den Druck einstellen kann“, sagt sie. Die Perspektiven ändern sich nach einem Jahr im ärmsten Land Südamerikas: „Anfangs hat es mich dort gestört, dass wir an manchen Tagen nur kaltes Wasser hatten. Irgendwann war ich froh, wenn überhaupt Wasser kam“.

Mit wenig glücklich sein

Um das Wasser geht es dabei nur vordergründig. „Die Menschen dort unten sind einfach mit viel weniger zufrieden“, berichtet die 20-Jährige. Das gelte auch für die Kinder. Ihretwegen war Danica in dem Land. Nach dem Abitur wollte sie eine fremde Kultur kennenlernen - aber nicht einfach nur reisen, sondern auch helfen. Über die Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel, die ihren Sitz im Bergkloster in Bestwig haben und in mehreren Entwicklungsländern tätig sind, entstand der Kontakt in das bolivianische Kinderheim.

Es sind keine Weisen, um die sich Danica dort kümmerte - in gewisser Weise wiederum sind sie es doch: „Ihre Eltern haben ein Verbrechen begangen und sitzen im Gefängnis“, erzählt Danica. Die Kinder könnten dort ebenfalls hin - doch für viele ist das eine psychische Belastung. Einige werden von anderen Häftlingen körperlich misshandelt. Das nur durch deutsche Spenden finanzierte Heim der Schwestern nimmt sich der jungen, unschuldigen „Mithäftlinge“ an. Sie haben so ein besseres Leben - viel mitgemacht haben sie dennoch allesamt.

„Ich musste erst lernen, damit umzugehen“, sagt Danica und erinnert an einen Jungen, der den Mord an einem Familienmitglied miterleben musste. „Du hast jetzt überall Blut und in deinem Hals steckt ein Messer“, habe er während des Spielens unvermittelt gesagt. Für Danica, die bewusst darauf verzichtet hatte, zuvor Akten der Kleinen einzusehen, war das ein Schock.

Und dennoch entdeckte sie in den jungen Einwohnern des Heimes immer wieder die Kinder: „Ich habe versucht, sie als Kinder zu sehen, nicht als Opfer“, sagt Danica. Belohnt wurde sie mit der Zuneigung der Kleinen, mit der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder von Erwachsenen Hilfe einfordern. „Da hat es auch nachts schon mal an der Tür geklopft“, sagt Danica und lacht.

Entdeckung des Fremden

Als Belastung empfand sie gerade auch deshalb die Betreuung der Heimkinder nicht. Dennoch genoss sie auch die Zeit, als sie Anfang des Jahres vier Wochen „Urlaub“ hatte und mit anderen Freiwilligen das Land bereiste. „Hier ist es kaum auszuhalten, acht Stunden lang bis zur See zu fahren“, gibt die gebürtige Bromskirchenerin kurz vor Ende der Sommerferien die Erfahrung vieler Eltern wieder. „In Bolivien ist alles viel entspannter“. Eine unerwartete Erfahrung: Es ist nicht nur entspannt, sondern auch professionell organisiert. „Sie sind dort total auf den Tourismus ausgelegt“, sagt sie. Und weil Fliegen zu teuer ist, funktioniert das meiste mit dem Bus.

So kam sie in den Dschungel, nach Buenos Aires, in die berühmten, spiegelnden Salzwüste Salar de Uyuni. Sie feierte mit den Bolivianern Karneval, geriet beinahe in Haft, spielte, lernte, lachte und weinte mit den Kindern. Ob der Besuch in diesem ihr fremden Land ihr etwas gebracht hat? „Ich glaube, dass werde ich erst in der Zukunft sehen“, sagt sie ohne zu überlegen. Die Reise hat wohl keinen anderen Menschen aus ihr gemacht, sagt sie. Wohl aber einen reiferen. Sie möchte nicht Entwicklungshelferin werden. Sie möchte aber auch keinen Pauschalurlaub mehr buchen. „Ich fange im Wintersemester mit einem dualen BWL-Studium an“, sagt sie. Danica Steuber hat einen Plan für die Zukunft. Und der sieht auch vor, Südamerika noch einmal zu besuchen.

Danica Steuber berichtete ein Jahr lang in losen Abständen für die FZ aus Bolivien. (gl)

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