BLICK ZURÜCK: Keine Kohlen für die Schulen

Wie in diesem Coronawinter: Auch 1921 begann das neue Jahr sorgenvoll im Frankenberger Land

Frankenberger Obermarkt um 1920: Vom Steinhaus aus fiel der Blick auf den Brunnen und den einzigen Elektromasten, der die Altstadt mit Strom versorgte. Im Januar 1921 wurde er abends ab 22 Uhr abgestellt, bei früheren Unterbrechungen mussten in den Haushalten die „Öllampen wieder in die Bresche springen“. 
Archivfoto: Karl-Hermann Völker
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Frankenberger Obermarkt um 1920: Vom Steinhaus aus fiel der Blick auf den Brunnen und den einzigen Elektromasten, der die Altstadt mit Strom versorgte. Im Januar 1921 wurde er abends ab 22 Uhr abgestellt, bei früheren Unterbrechungen mussten in den Haushalten die „Öllampen wieder in die Bresche springen“.

Keine Kohlen zum Wärmen der Klassenräume und Diskussionen um Unterrichtsausfall. Nicht nur im Coronawinter 2020/21 sondern auch vor 100 Jahren begann das neue Jahr im Frankenberger Land voller Sorgen.

Frankenberg – Unter „weihevollem Glockenklang und dem üblichen Straßenlärm“ begann im Frankenberger Land in der Silvesternacht das Jahr 1921. Auch mehr als zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs herrschte in den Dörfern und Städten immer noch große wirtschaftliche Not mit Versorgungsmängeln, sodass die Feier „der ernsten Zeit entsprechend, eine ruhige und würdige war. Die am Silvesterabend in den Kirchen abgehaltenen Andachten waren gut besucht“, berichtete die Frankenberger Zeitung.

Zu Weihnachten 1920 und „zwischen den Jahren“ gab es eine Reihe von Feiern, deren Erlös für die von Kriegstoten betroffenen Familien und Arme bestimmt war. Im Frankenberger Hotel Sonne am Markt luden beispielsweise die Stadtkapelle Herguth und der Männergesangverein zu einem Wohltätigkeitsabend ein, „um den notleidenden Armen unserer Stadt eine nachträgliche Weihnachtsfreude zu bereiten“.

In Kirchlotheim organisierte Lehrer Stucke eine Weihnachtsfeier mit Theater und Chorgesang. „Die Sammlung von Lebensmitteln für unsere kleinen Freunde und Freundinnen in den Stadtschulen brachte eine ansehnliche Menge an Weizenmehl, Erbsen usw. zusammen“, berichtete er.

Zum Glück herrschten vor 100 Jahren im Januar für die damalige Zeit ungewöhnlich milde Temperaturen um zehn Grad, denn es gab allenthalben nur wenig Heizmaterial. Auch in Frankenberg wurde die Forderung geäußert, die Schulen als „lebenswichtige Betriebe“ anzusehen und bevorzugt mit Kohlen zu beliefern, was aber im Reichswirtschaftsministerium, „wie verlautete“, als nicht notwendig angesehen wurde. Schon in den vergangenen Kriegswintern war wegen Kohlenmangel wochenlang der Unterricht ausgefallen. In den Dorfschulen mussten die Kinder ihr Brennholz von zuhause mitbringen.

Der Kreis Frankenberg war 1920/21 zusätzlich noch von einer Stromversorgungskrise betroffen: Seit November 1920 drohten täglich drastische Einschränkungen, weil wegen anhaltender Trockenheit der Wasserstand im Edersee so tief war, dass das Kraftwerk Hemfurth nicht genug Elektrizität liefern konnte. Deshalb kam es abends oft zu Unterbrechungen und Ausfällen der Beleuchtung, Motoren in Betrieben standen zeitweilig still. Die Druckerei Kahm musste an einzelnen Erscheinungstagen ihre Frankenberger Zeitung in dünnen Notausgaben im Handbetrieb herstellen und klagte über diesen „trostlosen Zustand“.

Das 1903 eingerichtete eigene Elektrizitätswerk der Stadt Frankenberg an der Daubeschen Niedermühle war mit der Gleichstrom-Versorgung längst dem steigenden Verbrauch nicht mehr gewachsen gewesen, sodass man sich im März 1920 zum Bezug von Drehstrom aus der Kreis-Überlandzentrale entschlossen hatte. Das rächte sich nun, da es noch keine entsprechenden Überland-Verbünde gab.

In Frankenberg waren vor allem die Betreiber von 34 Elektromotoren betroffen, außerdem hingen in der Stadt abends 6000 Glühlampen an der Leitung– ein Engpass, der erst Ende Januar 1921 behoben werden konnte.

Von Karl-Hermann Völker

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