Schülerin als Boss

Vom Klassenzimmer in die Chefetage

+
500964-20120319182000.jpg

Frankenberg - Für acht Stunden im Chefsessel sitzen, ein Unternehmen kennenlernen und die Art, wie Unternehmensführer arbeiten - das geht auch mit einer kaputten Hose.

Ein wenig peinlich ist es S. Claar schon. Einen Tag lang ist sie Chef - zumindest fast - und dann hat sie ausgerechnet die Hose mit dem Loch an. "Ich wollte eigentlich nicht aus dem Zug ausstiegen", sagt die junge Marburgerin, die für einen Tag die Unternehmensberatung "Charisma Inhouse Coaching" (CiC) kennenlernen darf. Sie war morgens, vor ihrem Termin in Frankenberg, noch mit dem Hund unterwegs, "da wollte ich natürlich nicht du gute Hose anziehen", sagt sie - und hat nach dem Spaziergang vor lauter Aufregung das Freizeit-Modell gleich angelassen.

So schlimm findet Andreas Schmaler, Geschäftsführer von CiC, das mit der Hose allerdings nicht. Er ist froh, dass S. da ist. "Ich würde so etwas jederzeit wieder machen", sagt Schmaler - er meint die Aktion "Schüler im Chefsessel", an der er mit seiner Unternehmensberatung zum ersten Mal teilnimmt. Es geht darum, jungen Menschen wie S. einen Einblick in die Arbeitswelt zu geben. Anders als bei einem regulären Praktikum geschieht dies allerdings nicht aus der Perspektive des Arbeitnehmers, sondern aus der des Arbeitgebers. Die Initiative "Die Jungen Unternehmer", Mit-Initiatoren der Aktion, wollen das Interesse an dem "Beruf Führungskraft" steigern.

"Es gibt ja einen Führungskräftemangel", sagt auch S.. Das Interesse an "Schüler im Chefsessel" in ihrer Klasse am Marburger Gymnasium Steinmühle sei so auch mau gewesen. Erst nach mehrmaligen Zureden der Fachschaftsleiterin hätten sich einige Mitschüler gemeldet - und zumindest S. bereut es nicht: "Unternehmensberatung ist ein Bereich, der mich interessiert, aber von dem ich noch nicht viel weiß", gibt die Schülerin zu, die nach dem Abitur gerne Politik studieren möchte.

Sie habe bislang nur Horrorgeschichten aus riesigen, weltweit tätigen Unternehmensberatungen gehört, in denen die Mitarbeiter psychisch irgendwann nicht mehr mithalten können - ein Klischee, das sagt sie selbst, aber eines, das ihr ein paar Sorgen bereitet habe. "Aber hier habe ich festgestellt, dass die Arbeit ganz viel mit Werten und Ethik, mit sogenannten Soft-Skills zu tun hat."

"Die Menschen abholen"

"Es ist unser Ansatz, die Menschen abzuholen", erklärt Schmaler seine Arbeit als Unternehmensberater: "Viele haben erst einmal ein flaues Gefühl, wenn einer wie ich in ein Unternehmen kommt". Er versuche dann in einer großen Sitzung, ihnen die Angst vor dem Rausschmiss zu nehmen und zu erklären, was er möchte: "Alle Mitarbeiter wissen, was sie besser machen könnten, aber sie haben keine Motivation, es zu tun" - diese versuche er zu wecken. Diese Politik lebe er in seinem Unternehmen - dazu gehört das Frankenberger Fitnesscenter Charisma - auch vor und versucht an ihrem gemeinsamen Tag, sie seiner "Co-Chefin" S. mitzugeben.

Die Schülerin lernt dabei insbesondere Konferenzen kennen. Nach der ersten Begegnung geht es ins Fitnesscenter, dort ist Qualitätsmanagement das Thema der Versammlung. Sie erfährt, wie bereits die Auszubildenden in verschiedene Prozesse eingebunden werden und ihre Ideen einbringen können. Danach fährt sie zurück in die Neustädter Straße, in Schmalers Büros zum sogenannten Agenda-Meeting, einer Art Wochenkonferenz. Am Nachmittag dann ist die Marketing-Abteilung dran, etwa 90 Minuten kümmert sie sich mit einem Partnerunternehmen der Firma um die Homepage von CiC.

Dass sie nur einen Arbeitstag Zeit hat, den Chef zu begleiten, bedauert sie zwar, empfindet diese acht Stunden aber durchaus als sinnvoll: "Mehr ist auch nicht möglich neben dem regulären Schulpraktikum und den Klausuren" - schließlich sei "Schüler im Chefsessel" freiwillig. "Das Projekt passt in unser Gesamtkonzept", sagt der Geschäftsführer: Sein Unternehmen begleite oft Praktikanten in die Arbeitswelt. Zudem würden Auszubildende beschäftig. Schließlich gebe es noch zwei duale Studenten - auch ein Konzept, das S. interessiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare