„Wagnis der Begegnung“

Klinikseelsorge in Coronazeit: Pfarrerin Niemeyer berichtet von ihrer Erfahrung in Frankenberg

Klinikseelsorge in Coronazeiten: Im Andachtsraum des Kreiskrankenhauses Frankenberg holt sich Pfarrerin Sabrina Niemeyer im Gebet Kraft nach schweren Krankenbesuchen. In der Hand hat sie ein Notizbuch mit Gebeten und biblischen Texten.
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Klinikseelsorge in Coronazeiten: Im Andachtsraum des Kreiskrankenhauses Frankenberg holt sich Pfarrerin Sabrina Niemeyer im Gebet Kraft nach schweren Krankenbesuchen. In der Hand hat sie ein Notizbuch mit Gebeten und biblischen Texten.

„Corona hat alles verändert“, sagt Pfarrerin Sabrina Niemeyer. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen am Kreiskrankenhaus Frankenberg. Auch sie selbst war infiziert.

Frankenberg/Haina – Sie ist ganz nah dran am Leid der Coronakranken und ihrer Angehörigen. Am 1. Februar 2020 wechselte Sabrina Niemeyer von ihrer Pfarrstelle in Löhlbach/Battenhausen in die Klinikseelsorge am Kreiskrankenhaus Frankenberg und in der Hainaer Allgemeinpsychiatrie. Nur wenige Wochen später bestimmte das Coronavirus auch ihre Arbeit. Die 42-Jährige war auch selbst daran erkrankt. Im Interview berichtet sie von ihrer Arbeit und wie der Glaube helfen kann.

Frau Niemeyer, Sie hatten gerade erst als Klinikseelsorgerin begonnen, da brach Corona aus. Wie war das für Sie?

Gefühlt hat sich über Nacht alles verändert. Die damalig herrschende allgemeine Verunsicherung und die Angst, jemanden zu gefährden, führten zur Vorsicht und einer Neubestimmung meiner Arbeit. Was vorher kein Problem war, war auf einmal in der Umsetzung schwierig. Ich denke da zum Beispiel an die Feier von Gottesdiensten. Der Andachtsraum im Krankenhaus ist aufgrund der Abstands- und Hygieneregeln nicht groß genug. Auch Gruppenangebote und andere Möglichkeiten der Begegnung fielen auf einmal weg. Am Anfang der Pandemie dachte ich noch, dass nach ein paar Monaten der Spuk vorbei wäre. Damals hätte ich nicht gedacht, wie groß die Auswirkungen auf das wirtschaftliche Leben, die politischen Systeme und das gesellschaftliche Leben werden.

Wie hat sich der Schwerpunkt Ihrer Aufgaben durch Corona geändert?

Anstatt Gottesdiensten im Andachtsraum, lege ich seither „Andachten zum Mitnehmen“ im Kreiskrankenhaus aus. Zu Beginn der Pandemie dachte ich noch, dass das Seelsorgebedürfnis von Patienten digital oder telefonisch aufgenommen werden kann. Es hat sich aber für mich herauskristallisiert, dass Krankenhausseelsorge ein direktes Gegenüber braucht und nur unter dem Wagnis der Begegnung möglich ist. Gerade in Zeiten der Angst und Verunsicherung brauchen viele Menschen ein Gegenüber, mit dem sie sprechen können.

Wie unterstützen Sie die Patienten?

Durch die uneingeschränkte Unterstützung der Krankenhausleitung konnte ich von Beginn der Krise an auf Patientenanfragen eingehen und auch die Patienten in den Zimmern besuchen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das war besonders zu Beginn der Pandemie für viele Kollegen in anderen Häusern nicht möglich. Da ich nicht alle Patienten besuchen kann, reagiere ich auf Anfrage durch Patienten und Angehörige und auf Empfehlungen des Pflegepersonals. Bei meinen Patientenbesuchen zählt in unserer Zeit der Kontaktbeschränkungen die Zeit, die ich mitbringe. Ich komme und bin einfach da, das ist etwas Seltenes im Krankenhausalltag. Manchmal verteile ich Andachten oder besinnliche Karten.

Wie unterstützen Sie die Angehörigen?

Die Kontakte zu den Angehörigen sind seit dem Ausbruch der Pandemie viel mehr geworden. Das hängt mit dem Besuchsverbot im Krankenhaus zusammen. Ich besuche stellvertretend Patienten, die von ihren Angehörigen nicht besucht werden können, und bin für Angehörige jederzeit telefonisch erreichbar.

Sucht auch das Krankenhauspersonal Ihre Hilfe?

Auch für das Krankenhauspersonal stehe ich für Gespräche zur Verfügung. Dies wird aber kaum in Anspruch genommen. Die Teams auf den Stationen im Krankenhaus sind sehr professionell und fangen sich in Krisenzeiten gegenseitig auf.

Was war für Sie das berührendste Erlebnis in der Coronazeit?

Mich berühren die Schicksale vieler Menschen, die ich im Krankenhaus kennenlerne. Wenn seelsorgerliche Begleitung über Wochen geht, gerade im Palliativbereich, entsteht eine Beziehung. Schwere Zeiten gemeinsam durchzustehen, verbindet. Ich bitte um Verständnis, dass ich da keine Details nenne.

Wie groß war Ihre Angst, dass Sie sich bei den Patienten anstecken?

Angst mich anzustecken, hatte ich nicht wirklich. Das Pflegepersonal setzt sich da täglich viel größeren Risiken aus. Die machen großartige Arbeit, oft bis an und über ihre Grenzen. Das wird von der Politik nicht genug gewürdigt. Angst hatte ich eher, dass ich Patienten anstecke, weil ich ja infiziert sein konnte, ohne es zu merken.

Wie schützen Sie sich selbst vor Ansteckung in der Klinik?

Ich habe an Hygieneschulungen im Krankenhaus teilgenommen. Seit letztem Jahr ist mir vom Krankenhaus Arbeitskleidung gestellt worden. Seit einigen Wochen bin ich als Seelsorgerin mit einem schwarzen Schlupfkasack erkennbar.

Sie hatten sich selbst ebenfalls mit Corona infiziert? Wie geht es Ihnen?

Ich hatte im Gegensatz zu vielen anderen Glück. Ich musste zwar für ein paar Tage ins Krankenhaus, habe meine Erkrankung aber gut überstanden und gerade wieder mit Sport angefangen.

Als Seelsorgerin hatten Sie bereits vorher Kontakt mit Sterbenden, Tod und Trauernden. Was ist in Verbindung mit Corona anders?

Seit Corona ist alles anders. Früher waren Aussegnungsfeiern mit den Angehörigen am Bett des Verstorbenen möglich. Das geht jetzt nicht mehr. Tragischerweise ist es auch so, dass viele Angehörige sich nicht von Sterbenden verabschieden können. Die Atmosphäre in den Patientenzimmern auf der Coronastation oder der Intensivstation ist belastend – nicht nur für die Angehörigen, auch für das medizinische und pflegende Personal.

Sie sehen viel Leid und Not, wie gehen Sie persönlich damit um?

Es wäre gelogen, wenn mich die Not und das Leid von Menschen nicht berühren würde. Ich bin Pfarrerin geworden, um Menschen durch schwere Zeiten zu begleiten und ihnen vom Trost und der Hoffnungsperspektive des christlichen Glaubens zu erzählen. Mein Glaube gibt mir Kraft und Trost, Angst und Not auszuhalten und zu hoffen – auch da, wo menschlich gesehen nichts mehr zu hoffen ist.

Sind die Menschen in Coronazeiten dem Glauben an Gott zugänglicher?

Vor Kurzem erst hat mir ein Patient erzählt, dass er, bevor er so schlimm krank wurde, nicht an Gott geglaubt hat. Jetzt betet er aber jeden Abend, dass er seine Familie wiedersehen kann. Leid und Krankheit können einen Menschen dünnhäutiger machen. Und diese Dünnhäutigkeit ist manchmal ein Innehalten, das zu einer Bereitschaft führt, über einen Gott in dieser Welt nachzudenken. Ich spüre bei meinen Besuchen deutlich dieses Fragen nach Gott und seiner Schöpfung, nach Heilung und Erlösung und nach dem, was Hoffnung gibt für die Zukunft.

Wie lautet vor diesem Hintergrund Ihre Osterbotschaft?

An Ostern feiere ich, dass sich durch Furcht, Sterben und Grauen das Leben durchsetzt und sich ausbreitet. Das ist mein Trost in Zeiten der Pandemie. Gottes Ziel mit uns ist das Leben. Die Zukunft wird nicht dem Coronavirus gehören, sondern sie steht in Gottes Hand.

Und was ist Ihr größter Wunsch?

Ich wünsche mir eine neue Normalität mit dem Coronavirus. Dazu gehört für mich, dass Geschäfte und Restaurants öffnen können und ein gesellschaftliches Leben mit Familie und Freunden und gemeinsamem Sport in Vereinen wieder möglich ist. Ich weiß nicht, wie lange die soziale und gesellschaftliche Isolation für uns noch auszuhalten ist. (Martina Biedenbach)

Zur Person

Sabrina Niemeyer (42) stammt aus Dodenhausen, machte Abitur in Bad Wildungen, studierte evangelische Theologie in Bethel, Berlin, Münster und Marburg, war nach dem Vikariat in Sontra zunächst als Pfarrerin in Rengshausen im Knüll, dann von September 2014 bis Januar 2020 als Pfarrerin in der Gesamtgemeinde Hohes Lohr Kellerwald für Löhlbach und Battenhausen zuständig. Seit 1. Februar 2020 ist sie Klinikseelsorgerin im Kreiskrankenhaus Frankenberg und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina. Sie hat zwei klinische Seelsorgeausbildungen und eine tiefenpsychologisch orientierte Seelsorgeausbildung absolviert. Sabrina Niemeyer lebt mit Ehemann Nils Niemeyer in einer Patchwork-Familie in Battenhausen.

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