Chronist Wigand Gerstenberg erlebte mit, wie sie alle an einem Tag verbrannten

„Köstliche, große Glocken“

Kontrollgang im Glockenstuhl: Küster Wilfried Koch schaut häufig nach „seinen“ Glocken. Insgesamt gehören zum Geläut der Liebfrauenkirche fünf Glocken in den Schlagtönen a’, c’, d’, f’ und g’’, die zusammen 7340 Kilogramm wiegen. Fotos: Völker

Frankenberg. Im Jahr 1360, so schreibt Chronist Wigand Gerstenberg, „da wurde eine köstliche große Glocke zu Frankenberg gegossen, die war so gut, dass man ihresgleichen im Fürstentum Hessen nicht fand.“ Und noch einmal ein Jahrhundert später, so berichtet er, hing bereits ein stolzes Geläut von „sieben guten Glocken“ im Turm der Liebfrauenkirche – sie alle verbrannten bei dem von ihm miterlebten verheerenden Stadtbrand 1476.

Schon ein Jahr später, so berichtet er, wurde für die Liebfrauenkirche die „Sonntagsglocke“ gegossen und 1490, so seine letzte Notiz dazu, „die große Glocke“. Nach dem Blitzschlag am Abend des 17. Mai 1607 wurde das mittlerweile wieder fünfteilige Geläut erneut ein Opfer der Flammen.

Im darauffolgenden Jahr ließ der Rat der Stadt auf der Burg „ein Häuschen aufrichten und das Metall der fünf verbrannten Glocken aufsammeln“, aus Erfurt kamen die Glockengießer Melchior und Hieronimus Moering und machten daraus drei neue – die mittlere, die „Sonntagsglocke“, misslang allerdings.

Landgraf Moritz schenkte daraufhin die größte Glocke aus dem Kloster Sankt Georgenberg der Stadt – von den nun vieren war sie die Kleinste. Für den Wiederaufbau des Turms mit den neuen Glocken sammelten Frankenberger Bürger im ganzen Land Spenden.

Guss mehrfach wiederholt

Auch später wurden mehrfach auf dem Burggelände Glocken für die Liebfrauenkirche gegossen, beispielsweise nachdem 1637 beim Trauergeläut für den verstorbenen Kaiser Ferdinand II. die „Bürgerglocke“ zersprungen war. Sie erklang übrigens nur zu öffentlichen Bekanntmachungen, Feuer und Anläuten des Markttages. Der Glockengießen Wilhelm Rincker musste in den Folgejahren den Guss mehrfach wiederholen, weil sie „zu sehr schiefrig“ war. Es kam sogar zu einem Prozess.

1837 war die Bürgerglocke wieder schadhaft, aber nun transportierte sie Fuhrmann Hermann Beyer in die Gießerei nach Sinn, wo endlich eine gelungene Glocke gegossen wurde. „Sie klingt warm, resonanzvoll und gelöst“, urteilte 1958 der Glockensachverständige Pfarrer Dr. Lauer in einem Gutachten.

Bedroht waren die Glocken immer, wenn im Krieg Kanonen gegossen wurden: Nur die Bürgerglocke und ihre Schwester aus dem Jahr 1608 brauchten im Ersten Weltkrieg nicht für Rüstungszwecke abgeliefert zu werden. Beide überstanden im Turm auch den Zweiten Weltkrieg, als die 1930 zur Erinnerung an die Kriegsopfer angeschaffte Glocke schon wieder abgeholt wurde.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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