Nur jeder vierte Kandidat ist eine Frau

Kommunalwahl in Waldeck-Frankenberg: Wenige Frauen auf den Listen

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Die Kommunalpolitik in Waldeck-Frankenberg wird auch nach der Kommunalwahl am 14. März von Männern bestimmt werden: Auf den Wahllisten der Parteien und Bürgerlisten für die Stadt- und Gemeindeparlamente und den Kreistag stehen wie bei vergangenen Wahlen insgesamt nur wenige Frauen.

Waldeck-Frankenberg – Unsere Zeitung hat sich die jeweils ersten zehn Kandidaten auf allen 116 Listen angeschaut, die für die 22 Kommunalparlamente im Landkreis und für den Kreistag kandidieren: Unter diesen 1108 Kandidaten sind nur 272 Frauen. Das sind 24,5 Prozent, also gerade ein knappes Viertel. Sieben Listen haben keine einzige Frau unter den ersten zehn Nominierten.

Aber was sind die Gründe dafür? Lieselotte Hiller (SPD), Stadtverordnetenvorsteherin in Korbach, glaubt, dass die traditionelle Rollenverteilung noch immer eine große Rolle spielt: „Ein Mandat in der Kommunalpolitik ist ein Ehrenamt, für das man neben Familie und Beruf auch die notwendige Zeit finden muss, da die Veranstaltungen fast immer am Abend stattfinden. Das lässt sich nicht so ohne Weiteres miteinander vereinbaren. Frauen sind oft auf andere Weise ehrenamtlich tätig. Sie engagieren sich in Kindergarten, Schule oder sozialen Bereichen.“

Im Kreistag und in den 22 Stadt- und Gemeindeparlamenten sind aktuell genau 20 Prozent der Sitze, also jeder fünfte, von Frauen besetzt: 131 Frauen bei 655 Sitzen. „Meine Erfahrung nach 20 Jahren Kommunalpolitik ist, dass es da noch viel zu tun gibt“, sagt Lieselotte Hiller. Viele Frauen trauen sich nicht, die eigene Meinung offen zu vertreten und damit das Risiko einzugehen, sich unbeliebt oder angreifbar zu machen.“

Frauenanteil in den Parlamenten und bei der Kommunalwahl 2021 in Waldeck-Frankenberg (anklicken, um die Tabelle komplett zu sehen).

Dass sich das mit der Kommunalwahl am 14. März entscheidend ändern wird, erwartet Hiller nicht, wie sie am Beispiel der Korbacher Stadtverordneten-Wahl vorrechnet: „Für die Kommunalwahl 2016 hatten sich 28 Frauen beworben, 7 haben ein Mandat bekommen. Für die Kommunalwahl 2021 haben sich 26 Frauen beworben und dies nicht unbedingt auf aussichtsreichen Plätzen. Auf den Listen sind unter den ersten 10 Plätzen insgesamt nur 11 Frauen und 49 Männer.“

Lieselotte Hiller, Stadtverordnetenvorsteherin in Korbach

Könnte eine Frauenquote auf den Wahllisten helfen? Für die Kreistagswahl findet man die bei den Grünen und der SPD, die zumindest die aussichtsreichen Listenplätze abwechselnd mit Männern und Frauen besetzt haben. So kommen beide jeweils auf 10 Frauen unter den ersten 20 Kandidaten. Bei den Linken sind es 7, bei der FDP 6, bei der CDU 5, bei der AfD 4 und bei den Freien Wählern 3.

„Die SPD hat schon vor vielen Jahren beschlossen, abwechselnd Kandidaten beider Geschlechter zur Wahl vorzuschlagen“, erinnert Lieselotte Hiller. „Leider mangelt es auch uns an potenziellen Kandidatinnen, sodass dies bei dieser Wahl einfach nicht umsetzbar war“, sagt sie über die Situation in Korbach.

Frauenanteil auf den Listen der Parteien

Wie viele Frauen haben die einzelnen Parteien und Bürgerlisten bei der Wahl für den Kreistag und die 22 Stadt- und Gemeindeparlamente auf ihren Listen? Hier unsere Auswertung (gezählt wurden nur Kandidaten bis Listenplatz 10):

  • CDU (21 Listen): 18,2 % (38 Frauen/208 Kandidaten)
  • Grüne (11 Listen): 42,4 % (45 Frauen/106 Kandidaten)
  • SPD (21 Listen): 24,1 % (50 Frauen/207 Kandidaten)
  • AfD (3 Listen): 28,0 % (7 Frauen/25 Kandidaten)
  • FDP (13 Listen): 21,2 % (31 Frauen/146 Kandidaten)
  • Linke (2 Listen): 45,0 % (9 Frauen/20 Kandidaten)
  • Freie Wähler (15 Listen): 22,3 % (29 Frauen/130 Kandidaten)
  • Piraten (1 Liste): 33,3 % (1 Frau/3 Kandidaten)
  • Bürgerlisten und sonstige Listen (29 Listen): 23,5 % (62 Frauen/263 Kandidaten)

Auf den Wahllisten hat die CDU kreisweit in unserer Auswertung (bis Listenplatz 10) prozentual die wenigsten Frauen (18,2 %). „Bei uns sind die Türen für jeden offen, der sich engagieren will – selbstverständlich auch für Frauen“, sagt Timo Hartmann, CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag. Statt einer Frauenquote gehe es der CDU insgesamt um eine gute Mischung aus Geschlecht, Alter, Berufsgruppen und möglichst vielen Orten, „damit sich jeder mitgenommen fühlt“, sagt Hartmann.

Die CDU hat keine Frauenquote auf ihren Listen. Timo Hartmann findet eine solche Quote auch nicht gut, sagt er: „Wer sich engagieren will, kann das tun. Jeder ist willkommen. Und Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass sie keine Frauenquote brauchen. Viele wollen auch gar nicht nach vorne auf die Listen“, berichtet Hartmann.

Timo Hartmann, Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag

Ob das am traditionellen Rollenbild von Mann und Frau liegt? Hartmann findet es schwer, das pauschal zu beantworten: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir begrüßen es, wenn sich Frauen bei uns engagieren. Und es gibt auch viele Frauen, die sehr engagiert sind – viele tun das aber in anderen Bereichen, in Kita oder Schule. Das ist genauso wichtig wie die Politik. Wir machen das alle ehrenamtlich.“

Eine Frauenquote allein hilft auch nicht, um mehr Frauen in die Parlamente zu bekommen, hat Lieselotte Hiller festgestellt: 2016 standen auf den ersten 12 Plätzen der SPD-Liste in Korbach 6 Frauen, nach der Wahl waren durch Kumulieren und Panaschieren nur noch 3 Frauen unter den ersten 12 Gewählten. „Auch die Wählerinnen und Wähler haben also bisher zu wenig Frauen in die Parlamente gewählt.“

„Frauen müssen sich nur trauen“

Hiller findet, dass Frauen stärker Führungspositionen einfordern und Führungsverantwortung übernehmen sollten: „Sie müssen sich nur trauen. Dazu gehört auch das Risiko, Fehler zu machen. Wichtig ist, dass man daraus lernt“, sagt die 62-Jährige, die seit 2001 Stadtverordnete ist, seit 2011 Stadtverordnetenvorsteherin. „In den zehn Jahren habe ich versucht, allen Stadtverordneten gerecht zu werden. Sicher ist mir das nicht immer gelungen, aber ich habe mein Bestes gegeben“, sagt sie.

Und sie hoffe, dass sich in den nächsten Jahren etwas ändert, dass mehr Frauen in Führungsämter kommen. So wie in Korbach: Dort gibt es nicht nur eine Stadtverordnetenvorsteherin, sondern auch zwei Frauen im Magistrat und eine als Vorsitzende des Haupt- und Finanzausschusses. „Frauen können Führungsverantwortung übernehmen“, stellt Hiller fest.

Geringer Frauenanteil in allen Gremien

Der geringe Anteil von Frauen in der Kommunalpolitik im Landkreis zieht sich quer durch alle Gremien: Es gab in Waldeck-Frankenberg noch nie eine Landrätin oder eine Bürgermeisterin. Nur in 2 der 22 Stadt- und Gemeindevertretungen – Korbach und Diemelsee – ist eine Frau die Vorsitzende, mit Iris Ruhwedel außerdem noch im Kreistag. In 9 der 22 Stadträte und Gemeindevorstände gibt es keine einzige Frau. Auch unter den Ortsvorstehern sind kaum Frauen.

Das sagt ein Politikwissenschaftler

Woran liegt es, dass so wenige Frauen in der Kommunalpolitik aktiv sind, es so wenige bis in Spitzenämter schaffen? Der Politikwissenschaftler Stefan Marschall von der Universität Düsseldorf hat dazu im vergangenen Sommer vor den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen dem WDR berichtet, dass Frauen bereits unter den Mitgliedern den Parteien unterrepräsentiert seien, teilweise unter 30 Prozent.

Stefan Marschall, Politikwissenschaftler der Universität Düsseldorf

Hinzu komme, sagt Marschall, dass „Frauen sich selbst als politisch uninteressiert einschätzen, obwohl sie es gar nicht sind, während Männer sich überschätzen, sowohl was ihr Interesse als auch ihre Kompetenzen angeht.“ Frauen seien realistischer oder bescheidener und zögerten darum, politisch tätig zu werden. Ein weiterer Punkt sei die Vereinbarkeit von Familie und Amt.

Kommunalpolitik ist nach wie vor eine Männerdomäne, stellte der Politikwissenschaftler fest. Es seien „Old-Boys-Netzwerke“ aktiv, die auf Frauen abschreckend wirkten. Und diese Seilschaften würden gerne, so berichteten es ihm viele Kommunalpolitikerinnen, in Bierrunden nach Parlaments- und Parteisitzungen fester gezurrt.

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