Komödie Frankenberg feiert Erfolg mit Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“

Frankenberg. Plötzlich tragen alle gelbe Schuhe, rauchen die teureren Zigaretten, gönnen sich etwas auf Pump: Claire Zachanassian ist in die Kleinstadt Güllen gekommen und hat den Bürgern eine Milliarde versprochen, wenn sie ihren ehemaligen Jugendgeliebten Alfred Ill, der damals die Vaterschaft an ihrem Kind leugnete, umbringen.

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Die Tragikomödie Friedrich Dürrenmatts von 1956 erlebt zurzeit in der Liebfrauenkirche eine bilderreiche Renaissance zwischen bröckelnder Kleinstadtidylle, spielfreudiger Groteske und großem Schuld-Sühne-Drama: Das Publikum bedankte sich Freitagabend mit begeistertem Beifall für eine packende, aufrüttelnde Inszenierung durch die „Komödie Frankenberg“.

Als Geburtstagsgeschenk zum 725-jährigen Kirchenjubiläum der Liebfrauenkirche hatte die Komödie Frankenberg dieses aufwändig ausgestattete Dürrenmatt-Projekt, das zwischen gotischen Säulen der Vierung und der pittoresken Bühnenkulisse das Thema von Liebe, Versagen, Gerechtigkeit, Rache und kollektiver Schuld entfaltet, seit Wochen vorbereitet.

Für Pfarrer Christoph Holland-Letz, der sich dafür im Namen der Kirchengemeinde bei allen Mitwirkenden bedankte, wurden in dem Stück auch wichtige ethische Fragen aufgeworfen, die er in der Predigt aufgreifen werde.

Regisseur Peter Höhl hat seinen Schauspielern bei aller beklemmenden, tragödienhaften Enge auch die von Dürrenmatt gewollten „Freiheitsräume“ von Groteske und Parodie geöffnet: Umgeben von kleinbürgerlichem Konsumrausch beeindruckt Harald Hörl als Alfred Ill tief mit der Ernsthaftigkeit und zynischen Schärfe seines Aufbäumens bis zur Selbstaufgabe, Gabriele Heinz, die milliardenschwere Rachegöttin auf der Balkonwolke, zeigt andererseits im Gespräch mit ihm ihre menschliche Verletzbarkeit.

Wiederum grotesk schillernd ist ihr Gefolge: Daniela Engelhardt wendig-witzig in drei verschiedenen Ehegatten-Rollen, Thomas Rampe und Jürgen Becker mit Gangstervisagen als Sänftenträger, von gepflegter Eleganz der Butler Heinrich Balz, synchron quietschend die Kastraten Koby (Rebekka Jilg) und Loby (Renate Goebel).

Überall Heuchelei und Unterwerfung bis zur Selbstaufgabe: Holger Kraus lässt als Bürgermeister die biedere Maske fallen, Jürgen Loderhose in der Rolle des Pfarrers demonstriert routiniert Sterbebegleitung, der Polizist (Erhard Wagner) will von Gefahr nichts erkennen und der Appell des Lehrers (Karl-Willi Hirth) als letzter Moralinstanz geht im Alkoholnebel unter. Selbst Kaufmann Ills Ehefrau (Cornelia Buß) leistet sich einen neuen Nerz als Option auf die Zukunft.

Bewegung und Tempo

Regisseur Höhl sorgt für Bewegung und Tempo, es gibt Massenauftritte, singende Kinder (Ortenbergschule) und Bürgerchöre (Kantorei), Eisenbahnzüge rauschen akustisch durch den Raum. Am Schluss liegt ein Toter auf dem Platz, danach ist die Kulisse leer. Alexander Mayer lässt auf der Orgel Bachs Toccata in d-Moll erklingen, das tiefe Posaunenregister kündet von Katharsis. Aus dem Theaterschauplatz wird wieder der Kirchenraum. Stille. Schließlich langer, herzlicher Beifall für eine großartige Ensembleleistung der „Komödie Frankenberg“.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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