Vortrag bei Gesellschaft für Sicherheitspolitik

Konflikte mit weitreichenden Folgen

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Im Jemen schwelt derzeit ein Konflikt: Dort hat die schiitische Huthi-Miliz den Präsidenten Hadi abgesetzt und erntet dafür Kritik aus dem UN-Sicherheitsrat. Aus Sicht von David Schiller ist der Jemen das Ziel des Islamischen Staates. Welche Folgen das auch für den Westen haben könnte, erläuterte der Experte bei zwei Vorträgen in Frankenberg.Foto: dpa

Frankenberg - Mit einem Vortrag unter dem Titel "Der Nahe Osten - Chaos mit oder ohne Perspektive?" hat die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) die Themenreihe über die Krisengebiete fortgesetzt.

Referent Dr. David Th. Schiller informierte zunächst in einem öffentlichen Vortrag im Burgwaldkasino, zu dem Kommandeur und Sektionsleiter Holger Schmör zahlreiche Gäste im voll besetzten Saal begrüßte. Am nächsten Tag sprach er vor rund 90 Schülern der Hans-Viessmann-Schule.

Zu Beginn bat der Referent die Zuhörer zu versuchen, in ihren Köpfen „unsere Denkweise“ auszuschalten: „Wir denken in Nationen, Staaten und Grenzen und meinen, dass dieses auch auf den Nahen Osten, die arabischen Länder zutrifft. Dies ist nicht so.“

Er blickte auf die Ursachen der heutigen Konflikte zurück, die bereits im siebten Jahrhundert begannen: Die Beherrschung durch die Türken, die Besetzung der Franzosen, Engländer und Italiener seien heute noch in den Köpfen der Bevölkerung. Der sich daraus entwickelte, heute noch existierende Minderwertigkeitskomplex trage zur Ablehnung der westlichen Welt bei.

Nach dem ersten Weltkrieg gründete sich die muslimische Bruderschaft, die heute in vielen Ländern des arabischen Raumes großen Einfluss hat. Saudi-Arabien entstand langsam mit der Einführung des Wahabismus, eine Strömung zurück zum Ur-Islam. „Die willkürliche Aufteilung der Region durch die fremden Mächte ohne Rücksicht auf Ethnien, Völker ist ebenfalls ein Nährboden für das permanente Chaos“, führte Schiller aus. Mit Karten und Bildern machte er seine Erläuterungen nachvollziehbar.

Schiller machte deutlich, dass die Menschen im Nahen Osten mit anderen Zeit- und Wertvorstellungen leben. Greueltaten wie das Köpfen, die bei uns Erschrecken, Ablehnung und Entsetzen hervorrufen, würden dort als konsequent und Stärke anerkannt. Somit sei es nicht verwunderlich, dass Putin dort große Anerkennung genieße. Diese Denke sei auch in einigen Köpfen der westlichen Gesellschaft. Das sei ein Grund, warum sich gerade auch junge Menschen aus der westlichen Welt dem Islamischen Staat (IS) anschlössen.

Die Mediendarstellung, mit denen der IS den Terror instrumentalisiert, werde professionell hergestellt, Hinrichtungen seien inszeniert. Die Wirkung bleibe nicht aus. Der Referent beleuchtete den IS als eine Lesart, eine Interpretation des Islam - eines sehr fundamentalistischen Islam. Die Geschichte des IS habe bereits 1929 mit Entstehung der muslimischen Bruderschaft begonnen, 1950 sei der Weg ideologisch fortgeführt worden. Der heutige IS sei ein Ableger von Al Qaida.

Die IS-Kämpfer seien gut und modern ausgerüstet, finanzielle Unterstützung komme aus mehreren Quellen. In den von ihm beherrschten Regionen bestünden staatsähnliche Strukturen mit Verwaltung und sozialen Leistungen. Der IS weite sich immer mehr nach Süden aus, der Jemen sei ein Ziel. Von dort lässt sich mit wenig Aufwand der Sueskanal sperren. „Dies würde uns direkt betreffen“, stellte der Referent klar: Die Umleitung von Warenströmen um Afrika herum bedeute eine erhebliche Verteuerung.

Mit der brutalen Vorgehensweise - etwa dem Abschuss eines jordanischen Piloten - habe der IS eine Grenze überschritten, die von den arabischen Staaten nicht mehr hingenommen werde. Aber: „Ob deren Bekämpfung große Wirkung hat, bleibt abzuwarten.“

Das Chaos im Nahen Osten sei mit verursacht durch die westlichen Mächte und Russland. Laut Schiller würden noch immer eigene Ziele verfolgt - ohne Rücksicht, wie sich dies auf die Region und letztlich global auswirke.

Auf die Frage, wie das Problem zu lösen sei, antwortete der promovierte Politologe: „Aktuell, um dem Terror ein Ende zu machen, nur militärisch.“ Das Sperren von Finanzmitteln und das Ende von Waffenlieferungen sei auch ein effektiver Weg. „Hierfür sehe ich aber keine Bereitschaft.“

Schiller zeigte sich überzeugt davon, dass die Gefahren bis in die westliche Gesellschaft hinein reichen. Im Nahen Osten herrsche Chaos, Perspektiven zur Friedensschaffung sehe er zur Zeit nicht.

Sein engagiert und mit großem Realitätssinn vorgetragenes Referat beeindruckte die Zuhörer beider Vorträge sehr. (wd)

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