Bronze-Relief aus alter Zeit

Ein Kopf ziert Löhlbachs älteste Glocke

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Haina-Löhlbach - Im Löhlbacher Kirchturm tut seit 540 Jahren eine Glocke ihren Dienst. An dem ältesten Stück im Geläut findet sich ein ganz besonderes Bronze-Relief.

Neben Schriftzügen und Jahreszahlen, die die Entstehung dokumentieren, sind von alters her Reliefdarstellungen auf den bronzenen Kirchenglocken in den heimischen Kirchtürmen zu finden. Weithin bekannt ist die Dreihasenglocke in Haina, die im Jahr 1224 gegossen wurde. Auf ihr sind drei Hasen abgebildet, die so angeordnet sind, dass den Tieren insgesamt nur drei Ohren zur Verfügung stehen - durch die Anordnung bedingt aber dennoch jeder der Hasen, für sich betrachtet, zwei Ohren hat.

Löhlbachs älteste Glocke ist dagegen 250 Jahre jünger, tut dennoch seit dem Jahre 1472 ihren Dienst. Sie ist bis in die Gegenwart im täglichen Geläut der Anlage zu hören. Auch auf dieser Glocke finden sich Reliefdarstellungen; sie zeigen fünf gleichförmige, bärtige Männerköpfe, die in einem umlaufenden Spruchband angeordnet sind. Darauf zu lesen ist die Entstehungszeit: „ANNO D(OMI)-NI MCCCCLXXII“, also: Im Jahre des Herrn 1472.

Der zuständige Glockensachverständige vom Rheinischen Institut für Glockenkunde, Jörg Poettgen, beurteilt diese Reliefgestaltung der Löhlbacher Glocke: Demnach handelt es sich bei den bärtigen Männergesichtern um Trennzeichen, deren Funktion lediglich die Abtrennung der einzelnen Worte sei. Diese hervortretenden Reliefs waren seinerzeit aus Modeln gearbeitet, sodass jedes Exemplar dem anderen gleicht. Bei diesen Männergesichtern solle es sich um keine bestimmte Persönlichkeit handeln. Wie dem Glockenexperten aus der Fachliteratur bekannt ist, gebe es in den Gemeinden Niederurff bei Bad Zwesten und Bischhausen in Neuental, beide gelegen im Schwalm-Eder-Kreis, sehr ähnlich gestaltete Glocken. Tatsächlich sind die acht Köpfe auf der Glocke in Niederurff, die ebenfalls 1472 gegossen wurde, und der einzelne Kopf auf der Glocke in Bischhausen, die aus dem Jahre 1487 stammt, aus demselben Model geformt worden, wie die Köpfe auf der Löhlbacher Glocke.

Bei diesem Model handelte es sich um ein geschnitztes Negativ aus Holz, in das Wachs gegossen wurde. Ein derartiger Vorgang ist fast mit der heutigen Weihnachtsbäckerei zu vergleichen: Auch Spekulatiusplätzchen erhalten ihr Relief in ähnlicher Weise. Die ausgedrückten Wachsköpfe für die Glockenherstellung befestigte der Gießer im Spätmittelalter zunächst auf dem Glockenmodell. Nach Anbringung von Schrift und Zierrat umkleidete er das Wachsmodell mit Ton. Diese Tonhülle bildete später die äußere Form, in die nach dem Herausschmelzen des Wachses die Bronze gegossen wurde. Nach dem Vorgang zerschlug der Gießer die Tonform - und die Glocke war fertig.

Die Verwendung desselben Models lässt darauf schließen, dass alle bekannten „Männerkopf-Glocken“ in Nordhessen aus derselben Gießerei stammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist eine Werkstatt in Homberg/Efze anzunehmen, denn die Herstellung einer weiteren Glocke mit den bärtigen Männerköpfen, gegossen im Jahre 1513, ist für eben diese Werkstatt verbürgt. Sie diente im Geläut der Gemeinde Felsberg, die nahe der Werkstatt in Homberg liegt. Der Ursprung in dieser Manufaktur liegt aus einem weiteren Grund nahe: Eine weitere Löhlbacher Glocke, die allerdings im Zweiten Weltkrieg Rüstungszwecken diente und für die Waffenproduktion eingeschmolzen wurde, soll im Schriftzug auf denselben Ursprung hingewiesen haben. Nach dem überlieferten Wortlaut soll sie „1786 von Peter zu Homberg gegossen“ worden sein.

Die später geschmolzene Glocke soll sogar die Rückführung beider Löhlbacher Glocken nach dem Ersten Weltkrieg bewirkt haben: Schon Anfang des 20. Jahrhunderts waren beide Klangkörper abgeholt worden, um Kanonenrohre daraus zu gießen. Nach dem Kriegsende wurden sie unversehrt auf einem Sammelplatz entdeckt. Anhand der bronzenen Aufschrift der Jahrzehnte später doch eingeschmolzenen Glocke wurde das Geläut schließlich der Kirchengemeinde in Löhlbach zugeordnet und dorthin zurückgeführt. Darauf stand zu lesen: „Friedrich Faust Prediger / Joh. Schellberg Grebe / Nach Löhlbach gehör ich / Christian zu Homberg goss mich 1786“.

Von Gerd Faust

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