HR dreht in Haine

Mit Krawatte und Koteletten übers Parkett

Allendorf-Haine - Es geht weiter: Nach dem Erfolg von "Leben auf dem Lande" dreht Birgit Sommer mit dem Hessischen Rundfunk wieder im oberen Edertal.

Julia Müller gibt sich streng. Die Tanzlehrerin erklärt der Dorfjugend die Rumba - und während die Mädchen brav und still an der Wand sitzen, müssen die Jungs jene Schritte wiederholen, die Müller vormacht. Die jungen Herren haben die Haare gescheitelt und mit Pomade nach hinten gegelt, manche tragen eine Krawatte und die Koteletten deuten an, in welcher Zeit die Szene spielt: Es sind die frühen 1950er-Jahre.

Szene ist genau der richtige Begriff: „Okay, das machen wir jetzt noch mal“, ruf nämlich plötzlich Birgit Sommer. Die Redakteurin des Hessischen Rundfunks ist im oberen Edertal schon lange keine Unbekannte mehr. Im vergangenen Jahr drehte sie in und rund um Rennertehausen mit ihrem Team den Film „Damals auf dem Lande“, der in der Weihnachtszeit ausgestrahlt wurde. Er spielte vor dem Ersten und zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sowie während dessen - und kam so gut an, dass er fortgesetzt werden soll. „Wir wollen im zweiten Teil die Zeit nach dem Krieg bis heute angehen“, verrät die Regisseurin. Die Ausstrahlung ist für den 3. Oktober geplant.

Haschisch und Viessmann

Die Themen sind vielfältig: Es geht um den Einzug der Amerikaner und die Rückkehr der Väter aus der Gefangenschaft. Um Radio, Fernsehen und Tanzstunden zur Musik der freundlichen Besatzer. Um die erste Hasch-Zigarette und den Siegeszug der Anti-Baby-Pille, den Aufstieg von Viessmann und den Niedergang der Bahn soll sich der Film drehen.

Doch noch stehen Sommers Filmteam und die Laiendarsteller ganz am Anfang - nämlich im alten Hainer Gasthaus Reese. „So schön, schön war die Zeit“, tönt es in dem künstlich vernebelten Raum aus dem Lautsprecher - Birgit Sommer gibt den Darstellern und dem Team Anweisungen und Tanzlehrerin Julia Müller den Jünglingen, die schüchtern ihre Schritte nachahmen. Müller ist für die Dreharbeiten in die Rolle ihres Vaters Rudolf Müller geschlüpft - besser bekannt als „Tango Rudi“.

Der Senior selbst ist ebenfalls zu dem Dreh erschienen - als Beobachter. Er weiß viel zu erzählen, etwa wie er schon 1946 mit einigen Platten und einem Plattenspieler auf dem Rücken das Mofa bestieg und von Frankenberg den Markt der tanzwilligen Jugend auf den Dörfern erschloss. Walter Sellmann etwa - der auch für diesen Film wieder beratend und helfend zur Seite steht - hat bei „Tango Rudi“ gelernt. „Da war ja damals Bedarf, fast eine ganze Generation kannte die Tänze nicht“, erinnert sich Müller. Gerade die Tänze aus Amerika waren beliebt - und in der Nazizeit streng verboten gewesen. Die heimkehrenden Soldaten wollten tanzen und nebenbei auch holde Fräulein kennenlernen.

Erste Damen im Gymnasium

Doch der Tanz im Gasthaus Reese in Haine, das der Ortsbeirat eigens aufgeräumt und gereinigt hatte, ist nicht die einzige Szene, die bereits im Kasten ist: Tags zuvor war das Team in Rennertehausen. In einer stillgelegten Metzgerei drehte das Filmteam, wie Fleisch- und Wurstwaren in den Nachkriegsjahren hergestellt wurden - und wie das Gefrierhaus dazu führte, dass mehr frisches Fleisch auf den Tisch kam. Metzgermeister Ingo Specht stellte dafür sein Fachwissen zur Verfügung. Auch in Frankenberg waren die Laiendarsteller mit Birgit Sommer unterwegs: In den alten Gängen und Räumen der Edertalschule wurde nachgestellt, wie die höhere Bildung auch Mädchensache wurde - und wie die jungen Damen am Gymnasium für Aufsehen sorgten.

Wie schon der erste Teil von „Leben auf dem Lande“ sind die Themen, die Geschichten nicht frei erfunden. Sie basieren auf Erinnerungen. Else Holzapfel, Heinz Schäfer sowie Ingrid und Hannelore Briel haben ihre Lebensgeschichten erzählt und setzen damit die Geschichten ihrer Eltern aus dem ersten Teil fort. Noch stehen einige Drehtage mit den Freiwilligen aus Haine und Rennertehausen an - dann ist das Ergebnis im Fernsehen zu bestaunen.

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