Kettenbrief geht an Betriebe in Bromskirchen und Frankenberg

Der krebskranke Junge, den es nie gab

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In einem Kettenbrief, der an Unternehmen in der Region geht, bittet ein an Leukämie erkrankter Junge um Hilfe für einen Rekordversuch. Den Jungen hat es nie gegeben, der Brief ist seit zwölf Jahren unterwegs.Foto: Tobias Treude

Bromskirchen - Ein siebenjähriger Junge ist an Leukämie erkrankt. Sein großer Wunsch: Er will mit einem Kettenbrief ins Guinness-Buch der Rekorde. Sein Schreiben geht auch an Unternehmen in der Region. Nur gibt es weder den Jungen noch den Rekordversuch.

Es ist eine Geschichte, die ans Herz gehen soll. Ein siebenjähriger Junge erkrankt an Leukämie. Behandelt wird er im Landesklinikum Tulln in Österreich. Ein Ziel hat sich der Erkrankte gesetzt - er will mit einem Kettenbrief ins Guinness-Buch der Rekorde. So viele Unternehmen und Betriebe wie nur möglich sollen auf das Schreiben antworten.

Und so haben in den vergangenen Tagen unter anderem Firmen in Bromskirchen, Frankenberg, Hallenberg oder Winterberg den Brief mit der Bitte um Unterstützung erhalten. Angehängt ist eine Liste mit Unternehmen, die den Kettenbrief bereits weiterversandt haben. Daraus geht hervor, dass das Schreiben auch schon in Korbach, Willingen und Vöhl unterwegs war. Am Ende des Briefes heißt es: „Wir möchten Sie daher bitten, die Unterlagen (...) an insgesamt 10 Unternehmen, Behörden o.ä. weiterzuleiten.“ Eine Bestätigung soll zudem an das Landesklinikum Tulln gehen - damit der Rekord auch offiziell bestätigt werden kann.

Die Aktion wirkt echt, viele Mitarbeiter in Unternehmen wollten dem Jungen bereits bei der Erfüllung seines Wunsches helfen. Der Haken an der ganzen Sache: Das kranke Kind gibt es nicht - und das Landesklinikum hat solch einen Rekordversuch nie unterstützt. Doch der Kettenbrief ist nun seit etwa zwölf Jahren in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus unterwegs - zum Leidwesen der Klinikmitarbeiter.

„Wir erhalten durchschnittlich 50 Briefe pro Tag, an Spitzentagen sind es bis zu 100. Ein bis zwei Mitarbeiter sind bis zu zwei Stunden damit beschäftigt, die Kettenbriefe zu öffnen und dann wegzuwerfen.“ Reinhard Koller, Pressekoordinator des Landesklinikums Tulln, ist konsterniert. Seit Jahren versucht das Klinikum die Öffentlichkeit zu informieren, doch ein Abebben der Brief-Flut ist wohl vorerst nicht zu erwarten. Aufrufe über TV-Sender und das Internet sowie Ermittlungen der Polizei hätten bislang nicht zum Erfolg geführt. „Die dahinter stehende Motivation und der Zusammenhang mit dem Landesklinikum sind uns unbekannt“, sagt Koller gegenüber der Frankenberger Zeitung. Betroffen sei auch das Klinikum Wels-Grieskirchen in Oberösterreich.

„Wegwerfen und fertig“

Ein Unternehmer aus Bromskirchen, der den Kettenbrief ebenfalls erhalten hat, hielt die Aktion zu Recht für eine Masche. „Eine Bekannte hatte mir bereits eine E-Mail geschrieben, dass solch ein Kettenbrief im Umlauf ist. Aber bevor ich bei so etwas mitmache, prüfe ich den Hintergrund.“ Er könne sich vorstellen, dass Menschen so an Adressen gelangen wollten. „Es wundert mich, dass sich manche nicht informieren und den Brief einfach weiterschicken.“

Volker König, Pressesprecher der Polizei Waldeck-Frankenberg, kennt solche Fälle. Immer wieder würden Kettenbriefe auftauchen - ob als Brief, E-Mail oder SMS. Teilweise seien diese auch mit Drohungen versehen (siehe Hintergrund). Er rät, mit jeder Art von Kettenbrief zu verfahren wie mit Spam im privaten E-Mail-Posteingang: „Wegwerfen und fertig.“

Hintergrund

Der Trick mit dem Kettenbrief ist viel älter als das Internet, doch lassen sich die Verursacher dank E-Mail und SMS immer wieder neue Maschen einfallen. Diese sind nicht unbedingt immer so „harmlos“ wie im Fall des angeblich krebskranken Jungen. Solche Scherze und Falschmeldungen werden auch als „Hoax“ bezeichnet. Mitarbeiter der Technischen Universität Berlin sammeln diese Kettenbriefe, -SMS und -E-Mails und informieren darüber auf einer Homepage. Dort wird auch der Fall des Landesklinikums Tulln beschrieben.Als eines der ersten Beispiele im Internet-Zeitalter gilt der „Good-Times-Hoax“. In E-Mails wurde vor einem Virus gewarnt, der nach dem Öffnen die Festplatte löscht. Eine Lüge, die Warnungen gingen aus Sorge vor möglichen Schäden dennoch millionenfach um die Welt – auch in Zeitschriften. Auch im Landkreis gibt es solche Phänomene. In Diemelstadt ging zum Beispiel unter Schülern die SMS umher, dass die eigenen Eltern getötet würden, sollte der Empfänger die Nachricht nicht an 20 Personen weiterleiten. Das Ganze war frei erfunden – ein Scherz der 
schlechten Sorte.

Rekordversuche wie der des erfundenen Jungen hätten ohnehin keine Chance auf einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Das hat einen besonderen Grund. 1989 wurde eine Postkartenaktion für den tatsächlich krebskranken Jungen Craig Shergold gestartet. Er wollte mit möglichst vielen Genesungswünschen einen Rekord aufstellen. Das gelang ihm bereits 1990. Doch die Bitte ist immer noch im Umlauf. Bis 2007 erhielt er etwa 350 Millionen Karten. Craig ist heute 34 und geheilt. Aufgrund der Flut an Briefen wechselte er den Wohnort. Ähnliche Rekordversuche werden von der Guinness-Redaktion nicht mehr akzeptiert. (tt)

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