Hessen-Mobil spricht von Schutz vor Baum-Unfällen

"Geldverschwendung“: Kritik an neuen Leitplanken im Oberen Edertal

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„Leitplanken-Orgie“ sagt der Stadtverordnete Heinz-Günther Schneider angesichts solcher Bilder: Zwischen Battenberg und Laisa wurden weite Abschnitte der Bundesstraße beidseitig mit Schutzplanken versehen, an denen Schneider keinen Unfallschwerpunkt durch gefährliche Bäume erkennen kann.

Battenberg. Im Oberen Edertal gibt es Kritik und Verwunderung über Hunderte Meter Leitplanken, die seit Jahresanfang neu an der Bundesstraße zwischen Battenberg und Laisa installiert wurden. Die Begründung von Hessen-Mobil, die Planken sollen die Fahrzeuginsassen bei einem Unfall vor Bäumen schützen, können viele nicht nachvollziehen.

Wer dieser Tage über die Bundesstraße 253 vorbei an Battenberg fährt, bekommt das Gefühl, die gesamte Strecke solle mit Leitplanken eingezäunt werden. Seit Wochen stellt eine Fachfirma aus dem Erzgebirge zwischen Battenberg und Laisa neue Planken auf und tauscht alte aus. Allein das 1,5 Kilometer lange Stück Bundesstraße dort ist nun beidseitig fast durchgängig beplankt. In der Bevölkerung stößt das auf Unverständnis. Heinz-Günther Schneider, Stadtverordneter aus Laisa, spricht von einer „Leitplanken-Orgie“.

Die Leit- oder Schutzplanken „sollen die Folgen von Unfällen so gering wie möglich halten“, sagt Horst Sinemus, Sprecher des Straßen- und Verkehrsmanagements Hessen-Mobil in Bad Arolsen auf Nachfrage. „Die Schutzeinrichtungen in dem Abschnitt in Richtung Laisa dienen in der Hauptsache dem Schutz der Insassen vor einem Aufprall an Bäume.“

Um diese Funktion erfüllen zu können, seien je nach System bestimmte Mindestlängen erforderlich. Im Einzelfall könne mit dem Auslaufen oder Absenken der Schutzplanken auch eine Verlängerung über die eigentliche Gefahrenstelle hinaus erforderlich werden, erläutert Sinemus. Die Kosten je Meter Leitplanke liegen laut Sinemus inklusive Installation zwischen 25 und 130 Euro. 100 Meter Planke können also bis zu 13 000 Euro kosten.

Zwischen Eifa und Laisa wurde sogar ein einzelner Baum mit einer Schutzplanke versehen.

Für den Stadtverordneten Heinz-Günther Schneider aus Laisa ist das „Geldverschwendung“: „Den Austausch der alten Leitplanken will ich noch akzeptieren – habe aber meine Zweifel an der Notwendigkeit. Aber die Begründung für die neu installierten Planken erschließt sich für mich keinesfalls“, sagte er der HNA, nachdem das Thema im Battenberger Haupt- und Finanzausschuss angesprochen worden war.

Er sehe in diesem Bereich der B 253 keinen Unfallschwerpunkt, sagt Schneider. „Und wenn überhaupt, stehen dickere Bäume oben an der Böschungskante.“ Die neuen Leitplanken seien daher kontraproduktiv: „Im Falle eines Unfalls wird das Fahrzeug zurück auf die Fahrbahn geschleudert und es kommt zu Kollisionen mit dem nachfolgenden Verkehr oder dem Gegenverkehr. Jetzt sind die Böschungen und das angrenzende Feld ein Puffer.“

Auch Siegfried Damm aus Battenberg sagt, dass die Wirkung von Schutzplanken bei Unfällen sehr umstritten sei. Damm ist Ehrenvorsitzender der deutschen Straßenwärter. Auch er kann nicht nachvollziehen, dass Hunderte Meter neuer Leitplanken im Oberen Edertal installiert wurden: „Es passt hinten und vorne nicht, dass an manchen Stellen Leitplanken gesetzt wurden, an anderen nicht. Das ist sehr widersprüchlich“, sagt Damm und fragt sich: „Ist denn die Leitplanken-Mafia so stark, dass sie diese Dinge in dieser Form durchsetzen kann?“ Die Firmen hätten „eine riesige Lobby“ im Bundesverkehrsministerium in Berlin.

Horst Sinemus erläutert allgemein, dass die Zahl der tödlichen Baum-Unfälle auf Landesstraßen außerorts auf einem „weiterhin sehr hohen Stand“ sei. Daher habe die Verkehrsministerkonferenz „verstärkt Anstrengungen und fokussierte Maßnahmen angemahnt“, die nun umgesetzt würden (Hintergrund).

Deshalb waren auch im November entlang der B 3 zwischen Marburg-Wehrda und Bürgeln die Leitplanken auf 3,5 Kilometern ausgetauscht worden. Die neuen Planken hätten „eine höhere Aufhaltestufe und einen besseren Wirkungsbereich“, sagte Hessen-Mobil in Marburg der Oberhessischen Presse. Auch dort witterten Bürger einen zu laxen Umgang mit Steuergeld: Die neuen Leitplanken an der B 3 kosteten 1,2 Millionen Euro.

Das sagt Hessen-Mobil

Leitplanken, die heutzutage meist Schutzplanken und offiziell Fahrzeug-Rückhaltesystem genannt werden, sollen die Folgen bei Verkehrsunfällen minimieren. Dazu erklärt Horst Sinemus von Hessen-Mobil in Bad Arolsen: 

„Da die Unfallentwicklung der letzten Jahre nach wie vor Anlass zur Sorge gibt und insbesondere auch die Zahl der tödlichen Baumunfälle auf Landesstraßen außerorts auf einem weiterhin sehr hohen Stand ist, (...) wurden die zuständigen Behörden durch den Bund aufgefordert, auch bei bestehenden Gefahrenstellen die Möglichkeiten der Nachrüstung von Schutzeinrichtungen zu prüfen und insbesondere Hindernisse (Bäume) mit kritischen Abständen vom äußeren Fahrbahnrand besonders in den Blick zu nehmen. In dem Zusammenhang wurde die Errichtung von passiven Schutzeinrichtungen auch zur Prävention in noch unauffälligen Bereichen angesprochen, um eine Verringerung von Unfällen mit Aufprall auf Bäume und deren Unfallfolgen herbeizuführen.“ 

Der Bund habe aus diesem Anlass auch Sondermittel bereitgestellt, das Land Hessen habe diese Vorgaben des Bundes übernommen. „Auf der Grundlage der Anordnung wurden bereits in den letzten Jahren vielerorts Schutzplanken neu gesetzt oder altersbedingt im Zuge von Baumaßnahmen ausgetauscht“, sagt Sinemus und weist darauf hin, „dass der Landkreis Waldeck-Frankenberg aufgrund der örtlichen Gegebenheiten über viele Jahre trauriger Spitzenreiter bei der Zahl der durch Baumunfälle in Hessen getöteten Verkehrsteilnehmer war“. 

In den vergangenen Jahren seien in Waldeck-Frankenberg bereits einige Leitplanken ausgetauscht oder neu gesetzt worden, dieses Jahr bislang nur an der B 253 zwischen Battenberg und Laisa. Für die kommenden Jahre seien weitere Strecken im Landkreis dafür vorgesehen, konkret bereits die Ortsumgehung Korbach (B 251/B 252), teilte Sinemus mit. Wo neue Planken gesetzt werden, werde anhand der Vorgaben der „Richtlinien für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeug-Rückhaltesysteme“ entschieden.

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