95 Thesen - neu gelesen

Kritische Betrachtung des Reformators

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Mit pathetischem Bronze-Denkmal und bescheidener Playmobil-Figur eröffnete der Kasseler Theologe Eckhard Käßmann im Dorfgemeinschaftshaus von Geismar seinen kritischen Rückblick auf das Leben des Reformators Martin Luther.

Frankenberg-Geismar - „95 Thesen - neu gelesen“ lautet ein Wettbewerb der evangelischen Landeskirche, an dem sich auch das Kirchspiel Geismar beteiligt. Den Auftakt bildete ein Vortrag von Pfarrer Eckhard Käßmann aus Kassel.

Am 31. Oktober 2017 soll in Deutschland das 500. Reformationsjubiläum als bundesweiter Feiertag begangen werden. Bis dahin setzen sich die evangelischen Kirchen in Deutschland mit einer Fülle von Veranstaltungen und Themen zur reformatorischen Theologie auseinander. Eine Arbeitsgruppe des evangelischen Kirchspiels Geismar, die am Wettbewerb „95 Thesen - neu gelesen“ teilnimmt (die Heimatzeitung berichtete), hatte aus diesem Grund den Kasseler Pfarrer Eckhard Käßmann zu einem Einführungsvortrag über Martin Luther ein.

Alles begann am 2. Juli 1505 bei einem heftigen Sommergewitter mit einem schrecklichen Blitzschlag bei Stotternheim: Der erschütterte Wanderer Martin Luther überlebte, legte spontan ein Gelübde ab, beendete sein Jura-Studium und wurde Mönch im Augustinerkloster in Erfurt. „Es war dies ein Wendepunkt, der die Reformation einleitete“, berichtete Pfarrer Eckhardt Käßmann, als er in Geismar vor einem großen Zuhörerkreis über die „hellen und dunklen Seiten des Martin Luther“ berichtete.

Die Auftaktveranstaltung solle dazu anregen, zuerst einmal kritisch auf den Menschen Martin Luther und seine Botschaft zu schauen, betonte Pfarrerin Katharina Wagner zu Beginn der Veranstaltung. Ob als Bronzenachguss auf einem Denkmalsockel oder als zierliche Playmobil-Figur mit Bibel und Federkiel - der Theologe Käßmann hatte beide Varianten der Luther-Verehrung nach Geismar mitgebracht. Er entfaltete vor den Zuschauern aus Legenden und Fakten ein facettenreiches Lebensbild des Reformators mit allen Ängsten und Widersprüchen zwischen dem „ungestümen, wortgewaltigen Mann von Worms“ in den radikalen Umbrüchen seiner Zeit, seiner Suche nach einem „gnädigen Gott allein durch den Glauben“, ausgelöst durch sein „Turmstuben-Erlebnis“, dass Gnade und Gerechtigkeit identisch seien.

Pfarrer Käßmann hob als „helle Seiten“ Luthers besonders dessen Auftrag, „fröhlich und mit allen Sinnen von Gott zu erzählen“ hervor, sein Eintreten für die Gewissensfreiheit, das Laienpriestertum und die Demokratisierung der Kirche. Sein Ausspruch, „dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern!“ sei für evangelische Christen ein wertvoller Rat.

Das, was Luther mit seiner „Freiheit eines Christenmenschen“ an Unruhen in der ständischen Feudalordnung losgetreten habe, sei leider von ihm im Umgang mit den aufständischen Bauern wieder verraten worden, schilderte Eckhard Käßmann als eine seiner dunklen Seiten. Die evangelische Kirche distanziere sich zunehmend auch von Luthers Hetzschriften gegen die Juden, die vielen Nationalsozialisten später als Rechtfertigungen für Pogrome und antisemitische Propaganda gedient hätten.

In der lebhaften Diskussion erinnerten sich die Zuhörer aus dem Kirchspiel Geismar an ihre eigene Konfirmandenzeit mit Luthers Katechismus und Gesangbuchliedern, fragten nach Luthers Verhältnis zu den Evangelien und seinem Freiheitsbegriff. Sie diskutierten aber auch ganz pragmatisch, wie ihre Kirche und ihr Pfarrhaus im Zuge der Dorferneuerung wieder zum Mittelpunkt des Dorflebens werden können. „Hier warten wir seit Jahren auf Antworten der Landeskirche“, sagte Ortsvorsteher Klaus-Peter Stein. (vk)

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