Kurhessenbahn setzt in modernisierter Fahrzeugflotte auch Leihtriebwagen ein 

Warum die "Erzgebirgsbahn" durch Waldeck-Frankenberg fährt

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Großräumige Niederflurwagen, frisch lackiert: Mit modernen Triebwagen vom Typ Siemens Desiro oder VT 642, hier fotografiert am Bahnhof Frankenberg, hat die Kurhessenbahn zum Jahresbeginn ihre Fahrzeugflotte im Nordhessennetz aufgerüstet. Weitere eigene Fahrzeuge werden noch in diesem Jahr erwartet.

Waldeck-Frankenberg. Da reibt sich mancher Eisenbahn-Fan die Augen: Triebwagen der Westfrankenbahn, Erzgebirgsbahn oder Usedomer Bäderbahn fahren durch Waldeck-Frankenberg. Grund: Die Kurhessenbahn hat sich quer durch die Republik Fahrzeuge aus anderen Regio-Netzen ausgeborgt.

„Freuen Sie sich auf moderne, klimatisierte Niederflurfahrzeuge“, hatte die Kurhessenbahn zum Fahrplanwechsel im Dezember für ihr Nordhessennetz zwischen Kassel, Korbach, Marburg, Brilon-Stadt, Erndtebrück, Wabern, Bad Wildungen und Treysa angekündigt. Ihr Versprechen hat sie gehalten: Inzwischen rollen seit Jahresbeginn auf diesen Strecken fast ausschließlich Triebwagen vom Typ Siemens Desiro (VT 642), wenn auch noch nicht alle der 14 zur Modernisierung zum Fahrplanwechsel im Dezember vorgesehenen Niederflurfahrzeuge dieses Typs pünktlich zur Verfügung standen.

Die Kurhessenbahn musste sich deshalb quer durch die Republik aus anderen Regio-Netzen Fahrzeuge mit ähnlichen Ausstattungsmerkmalen ausborgen, darunter Triebwagen der DB-Regio, Westfrankenbahn, Erzgebirgsbahn oder Usedomer Bäderbahn.

 Für Eisenbahnfreunde, Fotosammler und Fahrgäste sind die Farben dieser Züge interessant. Da springen auf fünf weißgelben Triebwagen der „Westfrankenbahn“ die baden-württembergischen Wappentiere im „3-Löwen-Takt“ und durchs hochwassertrübe Edertal rollen ab und zu schon mal Züge mit frischen, blau-weißen Ostsee-Wellen der Usedomer Bäderbahn.

Bereits im Frühjahr 2017 hatte die Kurhessenbahn das gesamte Linienpaket im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung gewonnen und sich verpflichtet, innerhalb der geplanten Flotte eine neue Fahrzeuggeneration mit Klimaanlage und höhengleichem Ein- und Ausstieg einzuführen. Engpässe im Instandsetzungswerk der DB in Kassel führten dann nach Auskunft des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV) zu dieser Verzögerung, doch NVV-Geschäftsführer Wolfgang Rausch kündigte im November an, dass Fahrzeuge in gleichwertiger Qualität eingesetzt würden (HNA berichtete).

Wann die restlichen für die Strecke umgebauten Niederflur-Triebwagen ausgeliefert werden können, lässt sich noch nicht absehen. „Es werden bis Ende 2019 insgesamt noch 26 Fahrzeuge sein, wenn nichts dazwischen kommt“, erklärte NVV-Pressesprecherin Sabine Herms (Kassel) auf Anfrage. „Daher werden unsere Fahrgäste im weiteren Verlauf der Jahre 2018 und 2019 auch von den dann umgebauten Fahrzeugen profitieren können.“

Fortschritt spürbar

Schon jetzt, auch mit gemischtem Fahrzeugpark, spüren Fahrgäste den Fortschritt: Die niederflurigen, klimatisierten Züge vom Typ Siemens Desiro verfügen über behindertengerechte Einstiege und Toiletten, geräumigere Mehrzweckbereiche, „Haltewunschtasten“ für Bedarfshaltestellen und Steckdosen für Ladegeräte. Dass neben dem Fahrer auf den meisten Triebwagen neuerdings auch ein Zugbegleiter mitfährt, wird von den Kunden als zusätzlicher Service empfunden.

Frische Farben, mehr Fahrten

Positive Resonanz auf die neuen Niederflurtriebwagen der Kurhessenbahn kommt von der „Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Schienenverkehrs“, die sich im Raum Marburg/Frankenberg für den Personennahverkehr engagiert. „Mit ihren dieselelektrischen Fahrmotoren verfügen die Züge auch über eine stärkere Anfuhrbeschleunigung, was sich verringernd auf Verspätungen auswirkt“, sagt Jürgen Schmied (Burgwald), 2. Vorsitzender der Fahrgast-Vereinigung.

Der 50-jährige Technische Zeichner, der täglich mit der Burgwaldbahn von Ernsthausen nach Marburg pendelt, ist Eisenbahnfreund seit frühester Jugend und dokumentiert Fahrzeug-Fotos und Fahrpläne in Datenbanken. Jürgen Schmied findet, dass der jetzt verwendete Siemens Desiro zwar großräumiger ist, aber weniger Sitzplätze als der alte VT 628 bietet. „Dafür setzt die Kurhessenbahn aber verstärkt Zug-Doppeleinheiten in den Stoßzeiten ein, insbesondere im Schülerverkehr.“

Er lobt auch, dass die Bahn großen Wert auf „Sauberkeit, frische Lackierungen und ordentliches Aussehen der Fahrzeuge“ legt. Die AG Förderung des Schienenverkehrs freue sich, dass der NVV nicht nur seine Fahrzeugflotte, sondern auch das Fahrtenangebot zum Jahresbeginn wesentlich verbessert habe, erklärte Schmied. Dazu gehören zusätzliche Züge an Wochenenden und abends sowie ein stündliches Fahrtenangebot am Nachmittag zwischen Brilon-Stadt und Frankenberg, an Sonn- und Feiertagen ab 9.29 Uhr auch im Stundentakt von Marburg ins Upland.

Auch ein lang gehegter Wunsch der Schienenverkehr-Freunde sei von der Kurhessenbahn erfüllt worden, indem sie Züge jeweils zu Schulbeginn und -ende aus Bad Laasphe zum Haltepunkt Marburg-Süd ins Südviertel, wo sich mehrere große Schulen befinden, durchfahren lasse. Bisher hatten Schüler in Marburg vom Zug noch einmal in Busse umsteigen müssen. (zve)

Quelle: HNA

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