Freilichtbühne Hallenberg feiert Premiere mit "Anatevka"

Lebhafter Realismus ohne blinde Stellen

Hallenberg - "Wenn ich einmal reich wär‘", dieses Lied und seine eingängige Melodie stellt sich gewissermaßen von selbst ein, sobald der Name "Anatavka" fällt. In der einzigartigen Produktion der Freilichtbühne Hallenberg erwacht die bunte, bedrohte und von Traditionen geprägte Welt des Ostjudentums wieder zum Leben.

Hallenberg. Regisseurin Birgt Simmler hat den zahlreichen Charakteren ein individuelles Profil gegeben: dem schüchternen, aber liebenswerten Schneider Mottel (Thomas Knecht), der in Tevjes Ältester die passende Frau findet, dem selbstbewussten Revolutionär Perchik (Simon Pfaffe), oder auch dem bulligen Metzger Lazar Wolf (Rüdiger Eppner). Tatsächlich treten nicht nur die Töchter Zeitel (Patricia Siepe), Hodel (Ines Alberti) und Chava (Katherina Pfaffe) aus dem andernorts schon mal übermächtigen Schatten von Vater Tevje, der in seinen Monologen auch nicht vor direkten Ansprachen an Gott und das Publikum zurück schreckt und damit gleich zwei maßgeblichen Instanzen näher steht. „Herr schick uns die Medizin, die Krankheit haben wir schon“, lautet eine seiner zahlreichen, leicht nachvollziehbaren Bitten nach oben. Und in Hartwig Siepes Milchmann glüht der rebellische Funke noch ziemlich stark, entsprechend lebhaft ist sein Aufbegehren gegen den Gott, der sein Volk hin und wieder ein bisschen quält, wenn er sich auch sonst nur selten zeigt und schon gar nicht von seiner guten Seite.

Als Vater ist Patriarch Tevje Traditionalist durch und durch wie das ganze Dorf, das sich aus Tradition mit jenem prekären Zustand abgefunden hat, der so sicher ist wie der sprichwörtliche Geiger auf dem Dach, der jeden Moment das Gleichgewicht verlieren kann.

Im Verlauf der Handlung kippt denn auch die im Eingangschor auf der lebhaft wimmelnden Bühne besungene Tradition - erst im familiären Rahmen und zuletzt im großen, als ein ganzes Dorf aufbricht. Doch gerade in Tevjes Haus bricht der Wandel zuerst ein, obwohl vordergründig alles seinen geregelten Gang geht. Zu Beginn hält Heiratsvermittlerin Jente bei Mutter Golde (Annegret Runge), die fünf Töchter unterbringen muss, die Tasche länger als nötig auf, ehe sie mit dem reichen Bräutigam für Zeitel heraus rückt. Die putzenden Töchter wissen um die Lage und scherzen über den hart arbeitenden Vater, dessen Pferd garantiert noch härter arbeiten muss, ehe Tevje seinen ersten Auftritt als Handelnder und zugleich Leidender hat. Zeit für ein Gespräch mit einem mittellosen Fremden wie Perchnik bleibt ebenso wie für das legendäre Lied mit dem Wunsch, lieber doch als Löwe statt als Lamm auf die Welt zu kommen. Stillstand und Rampensingerei alter Schule lässt Birgit Simmler beim Vortrag des musikalischen Herzstücks nicht zu, Tevje ersteigt im Verlauf von „Wenn ich einmal reich wär‘“ eine Leiter, klettert im Fachwerk des Dachbodens herum, rollt einen fetten Käselaib durch die Gegend, ehe er seine Klage mit revolutionär erhobener Faust beendet.

Dieser lebhafte Realismus, der auch bei den gut in Szene gesetzten Duetten und Ensembles keine blinden Stellen zulässt und sich durch alle Szenen zieht, ist ein Aktivposten der Inszenierung. Die lebensechte Darstellung des Alltags ermöglicht aber auch die volle Wirkung beim Einbruch des Unwirklichen in „Mazzel toff“, jener großartig choreographierten Szene, in der Tevjes Traum von der Erscheinung von Oma Zeitel (Karin Ante) und ihrer Warnung vom Fluch der Fruma Sarah (Manuela Winter) alptraumhafte Wirklichkeit wird.

Nach der Pause gerät die von Auseinandersetzungen durchzogene Hochzeit von Zeitel und Mottel, die durch ein Pogrom beendet wird, zur eindrucksvollen Szene mit vollem Ensembleeinsatz. Auf der musikalischen Ebene folgte mit dem Duett von Tevje und Golde gleich der nächste Höhepunkt. „Ist es Liebe?“ ist nicht umsonst der zweite immer wieder gern gehörte Titel aus dem Musical von Jospeh Stein, Jerry Bock und Sheldon Harnick.

Von Armin Hennig

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare