Frankenberg: Arbeitsgruppen treffen sich Dienstag zum ersten Workshop

„Leitbildprozess ist kein Debattierclub“

+
Sonnenuntergang in Frankenberg: Der Leitbildprozess soll mehr als ein schemenhaftes Bild von der Entwicklung der Stadt liefern.

Frankenberg - Nach den vernichtenden Kritiken der Bürger über die Auftaktveranstaltung zur Leitbild-Diskussion sind die Organisatoren des Hessischen Städte- und Gemeindebundes um Schadensbegrenzung bemüht. Bürgermeister Rüdiger Heß setzt Hoffnungen in das erste Treffen der Arbeitsgruppen.

Kurzfristig beraumte Bürgermeister Heß für Mittwochmorgen eine Zusammenkunft der Sprecher der Arbeitsgruppen an, um mit Karl-Christian Schelzke, Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, die Auftaktveranstaltung (FZ berichtete ausführlich) zu analysieren und das weitere Vorgehen zu besprechen. „Mehr als 50 Prozent eines Präsentationserfolges macht die Präsentationstechnik aus“, sagte Schelzke, der die Leitbilddiskussion moderiert. „Und wenn der Eindruck von Unprofessionalität besteht, dann wird es natürlich schwierig.“

Heß wollte die Veranstaltung in der Ederberglandhalle, an der 200 Frankenberger teilnahmen, nicht schönreden. „Wir stellen uns der Kritik“, sagte der Bürgermeister. Leider sei das Anliegen nicht so rübergekommen wie erhofft. Die Bürger hätten „wohlauch zu Recht eine andere Erwartungshaltung gehabt“.

Trotz der Erfahrung mit Leitbildprozessen in anderen hessischen Kommunen sei in Frankenberg Neuland betreten worden, versuchte Schelzke die Probleme der Auftaktveranstaltung zu erklären. „Unsere Aussendungen sind einfach bei den Bürgern nicht angekommen.“

Ein „Anerkennungsklima“

Ein Teil der Zuhörer habe erwartet, dass „wir Probleme skizzieren und die Lösungen aufzeigen“. Andere hätten sich wiederum an dem Zeitplan gestört, der das Ende des Leitbildprozesses mit der Vorstellung der Ergebnisse bereits für den September ausweist. Auch die Diskussionen über die Zahl und die Ausrichtung der Arbeitsgruppen habe für Unmut unter den Zuhörern gesorgt. Und der dritte Teil habe bereits Erfahrungen mit „offenen Prozessen, wie wir sie hier in Frankenberg geplant haben“. Für sie sei der Verlauf auch unbefriedigend gewesen.

Heß hofft, dass die Frankenberger trotz des misslungenen Auftakts „die Chance ergreifen“und in den Arbeitsgruppen ein Leitbild für die Stadt entwickeln. Als Sprecher agieren: Werner Grebe für die AG „Energie“, Kurt Wölfl für „Politische Kultur in Frankenberg“, Eva-Maria Scholze für „Bildung und Kultur“, Silvia Fries für „Tourismus“, Daniela Neuschäfer für „Soziales: Familienstadt mit Zukunft/Integration“ und Nadine Lauterbach für „Wirtschaft“.

Aufgrund des kurzfristigen Termins am Mittwoch nahmen nur vier Sprecher an der Nachbesprechung teil. Mit ihnen analysierten Heß, Schelzke und der für den weiteren Projektverlauf verpflichtete Berater Klaus Hesse noch mal die Grundzüge des Leitbildes - um sicherzugehen, dass Sprecher und Organisatoren auf einem Stand sind.

Politik und Bürger müssten in ein neues Vertrauensverhältnis eintreten, sagte HSGB-Geschäftsführer Schelzke. Die Politik müsse den Bürgern zutrauen, dass sie verantwortungsvoll an der Entwicklung der Stadt teilhaben. „Es geht um die Frage eines neuen Anerkennungsklimas“, ergänzte Hesse. Die von den Bürgern formulierten Ziele sollten in die Entscheidungen der Politik einfließen. Heß verwies auf die Ergebnisse der „Lokalen Agenda 21“. Damals seien die Themen demografische Entwicklung und Integration von Neubürgern noch nicht aktuell gewesen. „Wir müssen zusammentragen, welche Punkte der Agenda umgesetzt sind und woran wir arbeiten müssen.“

Ein Projekt pro Gruppe

Sicherlich werde es im Rahmen der Workshops auch viel „Wunschdenken“ geben. Heß setzt dabei auf die „gruppendynamischen Prozesse“. Schelzke ist überzeugt, dass den Bürgern sehr genau die finanziellen Sorgen der Städte bewusst seien. Deshalb müsse die Frage beantwortet werden: „Was ist vielleicht im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements zu leisten?“Dabei dürften die Bürger aber nicht den Eindruck haben, dass sie Lückenbüßer seien. „Es geht nicht nur um das große Geld, sondern auch darum, mit überschaubaren Mitteln selbst zu handeln“, erklärte Hesse.

Der erste gemeinsame Workshop der Arbeitsgemeinschaften ist für Dienstag, 8. Mai, um 19.30 Uhr in der Ederberglandhalle geplant. Der Bürgermeister hofft, dass viele der 70 Bürger, die Interesse an einer Mitarbeit bekundet haben, in die Diskussion einsteigen. Gemeinsam sollen Stärken und Schwächen formuliert werden. Bei einem zweiten Workshop sollen Ziele konkretisiert werden. Ferner soll pro AG ein Projekt benannt werden, das tatsächlich umgesetzt werden könnte.

Eines ist laut Schelzke besonders wichtig: „Wir dürfen kein Debattierclub sein, konkrete Ergebnisse sind wichtig.“

FZ-Redaktionsleiter Rouven Raatz kommentiert den verpatzten Auftakt der Leitbilddiskussion

Was ist den Frankenbergern wichtig, wie stellen sie sich die Zukunft der Stadt vor? Antworten darauf sind das Ziel dieses Leitbildprozesses. Und Karl-Christian Schelzke soll die Leitbild-Entwicklung moderieren. Vor diesem Hintergrund könnte das erste Fazit vernichtender nicht ausfallen. In einer abendfüllenden Veranstaltung hat es der „Kommunikationsprofi“ nicht geschafft, rund 200 Frankenbergern die Idee des Leitbildprozesses zu verdeutlichen. Erst recht hat er es verpasst, für das Projekt zu begeistern. Es fällt deshalb schwer zu glauben, dass Schelzke in der Workshop-Phase seiner Aufgabe als verbindender Moderator gerecht wird. Denn kompliziert wird es erst jetzt: wenn in den Arbeitsgruppen Einzelmeinungen aufeinanderprallen, wenn engagierte Bürger hoffen, im Rahmen der Leitbilddiskussion für „ihr“ Betätigungsfeld viel zu erreichen. Der „Schwarze Peter“ könnte den sechs AG-Sprechern zukommen, von denen die Lenkung des „offenen Prozesses“ erwartet wird. Aber wie offen und unvorbelastet ist er wirklich? Denn drei der sechs Sprecher sind keine „normalen“ Bürger: Wirtschaftsförderin Lauterbach, Tourismus-Expertin Fries und die Ex-„Familienstadt“-Managerin Neuschäfer. Auch Bürgermeister Rüdiger Heß hat nun ein Problem. Er propagiert den Wandel der Ordnungskommune zur Bürgerkommune. Bürger wollen teilhaben, dies ist der Grundgedanke der Leitbilddiskussion. Doch die Bürger, die sich einbringen wollen, sind mündig. Und sie können zwischen einer „Showveranstaltung“ wie beim Auftakt und einem fundierten, zielführenden Arbeitstreffen unterscheiden. Bei der ersten AG-Zusammenkunft wird sich zeigen, wie viele Bürger noch bereit sind, weiter Zeit zu investieren. Sollten von der Liste der 70 weitere abspringen, stellt sich die Frage der Relevanz des von Heß forcierten Leitbildprozesses – zumindest von einem breiten Stimmungsbild kann dann keine Rede mehr sein. Zu verantworten hätte dieses Dilemma Karl-Christian Schelzke.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare