Frankenberg

Lesungen und 48 tickende Metronome in der Liebfrauenkirche

- Frankenberg (gi-). Der neue Kantor Marc Neufeld hat außergewöhnliche Ideen. Die setzt er dann auch noch lächelnd um und aktiviert dabei begeisterte Mitstreiter. Die jüngste Idee des Kantors war besonders originell: „Rhythmus und Zeit; Lesung und Konzert“ am Sonntag um 19 Uhr in der Liebfrauenkirche. Das Ganze mit zwei Vorlesern, einem Organisten und 48 tickenden Metronomen.

Für Frankenberg eine Premiere der besonderen Art. Rund 150 erwartungsvolle Konzertbesucher saßen im Kirchenschiff. Brennende Kerzen auf dem Altar, davor auf zwei schmalen Bänken die Metronome – allesamt Leihgaben von musikalischen Bürgern des Frankenberger Landes. Wer nun dachte, bis zum TV-Tatort-Krimi ist das seltsame Konzert gelaufen, unterlag einer Täuschung. Über 90 Minuten fesselte Neufeld das Publikum – und niemand dürfte sich gelangweilt haben.

Aber der Reihe nach. – Marc Neufeld tritt vor den Altar. Leider seien nur 48 Metronome zusammengekommen, 100 hätten es sein müssen. Daher könne die Metronom-Symphonie des rumänischen Komponisten György Legeti (1923 bis 2006) nicht aufgeführt werden. Es sei nur eine „Frankenberger Variante“ möglich. Neufeld ließ sich danach über die Themen Zeit, Vergänglichkeit, Rhythmus und Anpassung aus: „Der Zeiger läuft immer rechts herum.“ Der Mensch suche nach Bezugspunkten wie der Sonne und dem Mond. Er suche aber auch die rhythmische Anpassung. Erstaunlicherweise passen sich die Pulsschläge von Mutter und Kind an – „dann erleben beide Glück und fröhliche Momente, die aber leider nicht von Dauer sind...“

Und dann beginnen Lesung und Konzert. – Prof. Dr. theol. Dietrich Korsch eröffnet den Lesepart: „Die Zeit ist ein Rätsel, wir erwarten, was uns in der Zeit begegnet. Und wir wissen, dass unsere Zeit endet.“ Im Wechsel mit Pfarrerin Caroline Miesner werden Passagen aus Psalmen („Unser Leben währet siebzig Jahre...“), der Heiligen Schrift („Alles hat seine Zeit...“), aus dem Schriften des christlichen Kirchenlehrers Augustinus (354 bis 430, „Wo ist die Zeit...?“) vorgetragen. Zwischendurch improvisiert Marc Neufeld Orgelmusik in allen Schattierungen, von piano bis forte, von drohend dissonant bis tänzerisch leicht; voller Spannungsbögen, aber in jeder Passage gekonnt.

Spannend wird es gegen 19.25 Uhr. Neufeld und sein Helferteam setzen die 48 Metronome in Gang. In der Kirche herrscht absolute Stille, dann beginnt das Ticken, schwillt an, wird hastiger – und will nicht mehr aufhören. Das Publikum reagiert wie gebannt, der „Takt“ macht Zeit hörbar und fühlbar. Nach etwa 35 Minuten ebbt das Ticken ab, immer mehr Metronome bleiben stehen – ihre Uhr ist abgelaufen... Und die letzten unerbittlichen Ticker werden von Korsch und Miesner gestoppt, zum „Exitus“ gezwungen.

„Carpe diem“ (Redewendung des römischen Dichters Horaz, 65 v. Chr. bis 8 n. Chr.) – „Nutzen wir den Tag“ bricht Caroline Miesner das Schweigen. Die Zeit aufhalten und für die Zukunft erhalten? Leider nicht möglich. Es folgen weitere Lesungen und Orgelpartien. Ergreifend das Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke, vorgetragen von Prof. Korsch, der alle Texte ausgesucht hatte. Und Pfarrerin Miesner abschließend: „Gott schreitet uns immer voraus, nicht ohne uns, sondern mit uns.“

Ein gut besuchter Konzert- und Leseabend auf hohem Niveau, mit anschließendem Plausch bei Tee und Säften. Ein würdiger Ausklang zum „Ewigkeitssonntag“.

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