Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison – dritter Teil: Wachsende Verbundenheit von Soldaten und Einwohnern

Leutnant als Prinz, der Landrat als Kommandeur

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Frankenberg - Die beiden Bataillone richteten sich in der Kaserne ein und vertieften die Bindungen an Frankenberg.

„Die Kreisstadt Frankenberg begrüßt ihre Soldaten“ titelte die FZ - eine Sonderseite widmete sie am 19. Juli 1962 der feierlichen Übergabe der Burgwald-Kaserne an die Truppe. Tausende Besucher hatten am Vortag den Festakt vorm Rathaus miterlebt. Tausende standen in den Straßen, als die beiden Bataillone mit ihren Fahrzeugen durch die Stadt zur Kaserne zogen. Keiner der Honoratioren mochte fehlen, als der Standortälteste und Kommandeur des Fernmeldebataillons 320, Oberstleutnant Erich Mahl, zum Empfang in die Truppenunterkunft geladen hatte. Und Hunderte feierten am Abend in drei Gastwirtschaften - was laut FZ „der Verbundenheit von Bundeswehr und Bevölkerung von Stadt und Kreis Ausdruck verlieh“. Redakteur Otto Schwieder hatte die Formulierung „ihre Soldaten“ insofern wohl mit Bedacht gewählt: Von Anfang an stand der überwiegende Teil der Bevölkerung „ihrer“ Garnison positiv gegenüber. Die einen freuten sich über die zukunftsträchtigen Investitionen in der Stadt, Folgeaufträge und den Zuzug von Neubürgern, andere begrüßten den Verteidigungsauftrag der Bundeswehr.

Es war wie dargestellt die Blütezeit des Kalten Krieges zwischen den Bündnissen NATO und Warschauer Pakt. Viele im eher konservativ strukturierten Kreis Frankenberg fühlten die Bedrohung aus dem Osten. Viele hatten Verwandte in der DDR oder kannten Flüchtlinge, die dem Zwangssystem über die bis 1961 „grüne Grenze“ entkommen waren. Und die Berichte über Enteignungen, „Kollektivierungen“ in der Landwirtschaft, über politische Schauprozesse und die Unterdrückung der freien Meinung trugen nicht eben dazu bei, den angeblichen Sozialismus im Osten als Alternative zur „Sozialen Marktwirtschaft“ Ludwig Erhards erscheinen zu lassen.

Und da auch die SPD mit dem „Godesberger Programm“ 1959 ihr Bekenntnis zur Landesverteidigung abgegeben hatte, erfreute sich die Bundeswehr der angestrebten breiten Akzeptanz in der Gesellschaft. - Der Bau der Kaserne und die Aufstellung des Fernmeldebataillons fällt in die „Konsolidierungsphase“ der Bundeswehr, die von 1959 bis 1968 dauerte und auch als Umsetzung der „Heeresstruktur 2“ bezeichnet wird. Damals wurden drei Fernmeldestäbe und drei Fernmeldebataillone für die Korps und fünf weitere Fernmeldebataillone für die Divisionen gebildet. Außerdem wurde die Basis für die Elektronische Kampfführung ausgebaut - von Anfang an der Schwerpunkt der Frankenberger. Außerdem wurden Fernmeldetruppen für die Territorialverteidigung gebildet.

Das Frankenberger Bataillon war dem III. Korps unterstellt. Wie berichtet, wurden bereits ausgebildete Soldaten aus 27 Einheiten zusammengezogen. Hinzu kamen 95 Rekruten in der Fernmeldeausbildungskompanie 427. Insofern „galt es, dem Bataillon ein einheitliches Gepräge zu geben“, beschreibt der erste Kommandeur, Mahl. „Wir alle sind damals mit sehr viel Schwung, Passion und Engagement an die Arbeit herangegangen, sodass vieles weitaus besser gelaufen ist, als erwartet werden konnte“, notiert sein damaliger Stellvertreter und Nachfolger als Kommandeur, Oberst Günter Miosga - ehemalige Soldaten relativieren übrigens seine Darstellung des „Arbeitens in einer Großbaustelle“.

Immer weitere Teile der Kaserne wurden fertiggestellt. Im Oktober räumten die Kameraden des Artillerie-Bataillons 22 das Stabsgebäude und bezogen eigene Räume, im selben Monat wurden die Kfz-Hallen übergeben, im Dezember nahm auch die Werkstatt ihre Arbeit auf.

Die Fernmelder begannen, ihren Auftrag auszuführen: die militärische Aufklärung. Sie sollten den Funkverkehr sowjetischer Verbände in der DDR überwachen. Daraus wollten die Führungsstäbe der Bundeswehr Erkenntnisse über deren Absichten und Pläne gewinnen.

Genau ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer, am 13. August 1962, bezog ein Zug der dritten Kompanie eine Außenstelle auf dem Hohen Meißner, die später ausgebaut wurde. Die zweite Kompanie besetzte im September 1963 „Peilplätze“ in Außenstellen in Diepholz Mertingen. Eine weitere Peilstelle lag bei Geismar, sie wurde 1965 auf den Jungfernhügel bei Viermünden verlegt.

Neben weiteren mobilen Trupps an der innerdeutschen Grenze gab es seit dem 31. Oktober 1962 auch eine stationäre Fernaufklärung: Die Frankenberger überwachten von der Kaserne aus Funknetze der „Gruppe der sowjetischen Truppen in Deutschland“, Schwerpunkt war der Süden der DDR. Zunächst richteten sie provisorisch Arbeitsplätze im Kompanie-Leseraum des Blocks 2 ein.

Einsatz in der Kuba-Krise

Nur zwei Monate nach der Aufstellung wurde die Lage ernst fürs Bataillon: Während der Kuba-Krise war das gesamte verfügbare Aufklärungspersonal von September bis November 1962 im Dauereinsatz - um Haaresbreite schrappten die beiden Militärblöcke damals am Dritten Weltkrieg vorbei.

Unterdessen lief die Ausbildung des Nachwuchses weiter. Zur Sprachausbildung fuhren die Soldaten zunächst nach Oiskirchen, später nach Hürth. Außerdem besuchten die Frankenberger die Fernmeldeschule im oberbayerischen Feldafing, wo es um Tast- und Sprechfunk und um Radartechnik ging. Die Entzifferung verschlüsselter Nachrichten wurde in Ahrweiler und Bad Ems gelehrt.

Im Frühjahr 1963 fand die erste Bataillons-Übung statt. Weitere Übungen folgen. Zum Abschluss des Manövers „Panthersprung“ gab es im Januar 1967 eine Parade in der Marburger Straße mit 2500 Soldaten.

Erst am 24. April 1965 erhielt das Bataillon im Münsteraner Preußen-Stadion seine Truppenfahne, die Artilleristen bekamen ihre fünf Tage später in der Burgwald-Kaserne.

Die Artilleristen unter dem Kommando des zum Oberstleutnant beförderten Alfred Barkhoff nutzten den Truppenübungsplatz in Bergen-Hohne, um ihre Raketen abzufeuern. Die nach einem Indianer benannte „Honest John“ war eine in den USA entwickelte militärische Kurzstreckenrakete mit einer Reichweite von bis zu 48 Kilometern. Die Bundeswehr hatte elf Batterien mit ihr ausgestattet, jede hatte sechs, später vier Raketenwerfer.

Die Rakete konnte auch Atomsprengköpfe verschießen - nachdem die Sowjets ihre erste Atombombe gezündet hatten, erweiterte die NATO ihre Abschreckungs-Strategie um den Einsatz taktischer Atomwaffen. Sie sollten auf dem „Gefechtsfeld“ niedergehen und Truppen des Ostblocks aufhalten.

Ihr Einsatz war in der westdeutschen Bevölkerung umstritten: Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß war ein energischer Befürworter einer atomaren Aufrüstung der Bundeswehr, die Friedensbewegung strikt dagegen. Die Kontrolle der in Westdeutschland lagernden Atomwaffen blieb bei den USA. Eines dieser Lager befand sich in Treysa - möglicherweise ein Grund, weshalb die drei Frankenberger Batterien 1969 dorthin verlegt worden sind.

Die Artilleristen übten in Bergen-Hohne, die Aufklärungsarbeit der Fernmelder war in der Regel der Geheimhaltung unterworfen - ansich hatten Soldaten und Frankenberger wenig Berührungspunkte. Dennoch suchten die beiden Bataillone die enge Bindung an ihre Garnisonsstadt. Von ihrem Selbstverständnis her wollte die Bundeswehr in der Gesellschaft fest verankert sein. Dazu trug nicht nur die Wehrpflicht bei, sondern auch Öffentlichkeitsarbeit.

Bereits 1960 - also zwei Jahre vor der Eröffnung der Burgwald-Kaserne - hatte die Bundeswehr auf dem Obermarkt mit einer großen Schau für „unser Heer“ geworben. Auch der Ernteeinsatz Frankenberger Soldaten im September 1962 sollte Sympathien sichern.

Weihnachten 1962 beschenken Soldaten arme Familien und bedürftige Senioren. 1963 beteiligten sich Uniformierte an der Renovierung der Liebfrauenkirche und am Bau des Albert-Schweitzer-Lagers am Edersee, 1965 halfen sie in Nordwal-deck, wo Diemel und Orpe Dörfer überflutet hatten. Unzählige weitere Aktionen folgten.

Auch bei Festen sind die Soldaten bis heute selbstverständlich dabei: kein Zug in den Frankenberger Listenbach, keine Gedenkfeier zum Volkstrauertag ohne Abordnungen der Bundeswehr. Im Gegenzug sind Landrat und Bürgermeister regelmäßig Ehrengäste in der Kaserne. Seit Mai 1970 sind Mitarbeiter von Ämtern und Schulen zu „Behördenschießen“ geladen.

Glanzvolle Standortbälle

Im Frankenberger Land war von Anfang an die Bereitschaft groß, die Soldaten als Bürger aufzunehmen. Auch deshalb wurde der erste Standortball am 9. März 1963 ein gesellschaftliches Ereignis, seitdem ist er stets ein Glanzpunkt im Jahreskalender der Stadt.

Und es dürfte auch ein Symbol des Willkommens gewesen sein, dass die Karnevalisten den Stabsoffizier Oberleutnant Szemkus im Februar 1963 zu ihrem Prinzen proklamiert haben, Kommandeur Mahl erhielt den Orden der „Burgwaldnarren“. Landrat Heinrich Kohl wurde 1968 im Gegenzug „Ehrenkommandeur“ des Bataillons.

Auch jedes öffentliche Gelöbnis zieht nicht nur die Familien der Rekruten an, sondern viele Einheimische. Schon bei der ersten Zeremonie am Abend des 28. Novembers 1962 war der mit Fackeln beleuchtete Obermarkt prall gefüllt. 5000 Besucher zog es 1964 zum Gelöbnis nach Allendorf, es war mit dem „großen Zapfenstreich“ verbunden.

„Volles Haus“ gab es auch bei jedem „Tag der offenen Tür“ in der Kaserne: Zum zehnjährigen Bestehen 1972 kamen schätzungsweise 8000 Besucher.

Seit 1964 tragen die Fernmelder das „Frankenberger F“ als Bataillonswappen. So war es nur folgerichtig, dass vor 20 Jahren die Patenschaft zwischen Stadt und Bataillon besiegelt wurde.

Gerade die Soldaten im Fachdienst sind Zeit- oder Berufssoldaten. Sie leben mit ihren Familien in der Umgebung, engagieren sich in ihren Kommunen in Vereinen oder in der Politik. Viele sind nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst in der neuen Heimat geblieben. Und viele Rekruten aus Waldeck-Frankenberg leisteten ihren Dienst „heimatnah“ in der Burgwald-Kaserne ab. So sind Kaserne und Garnisonsstadt fest miteinander verwoben - was Politiker auch ins Feld geführt haben, als sie voriges Jahr um den Erhalt des Standorts geworben haben, bekanntlich mit Erfolg.

Hoher Besuch

Aber auch Politiker und hohe Offiziere wussten das Bataillon schon früh zu schätzen. Schon vor der offiziellen Übergabe der Kaserne inspizierten vorgesetzte Generäle die Fernmeldetruppen. Verteidigungsminister Hassel zog es im April und Juli 1965 gleich zweimal in die Kaserne, auch seine Nachfolger Manfred Wörner und Volker Rühe waren zu Gast. Am 12. Oktober 1969 kam sogar Bundeskanzler Georg Kiesinger auf Kurzbesuch. Auch ihm dürften die Erfolge der Fernmelder im Jahr zuvor bekannt geworden sein...

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