Die Poesie der Insekten

Michael Quast und Olaf Pyras beim Literarischen Frühling in Ellershausen

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Nutzen auch ungewöhnliche Gegenstände zum Musikmachen: Olaf Pyras mit Kaktusstacheln zum Schlagzeugspielen. 

Ellershausen. Beim Literarischen Frühling in Ellershausen ließen Michael Quast und Rolf Pyras die „Poesie der Insekten“ lebendig werden.

Sirren, Brummen, Rascheln, Flattern, dazwischen eine rhythmische Kollage mit vier Fliegenpatschen – es war eine poetische Klangreise in die geheimnisvolle Welt der Käfer, Spinnen und Wespen, zu der der Frankfurter Theatermann Michael Quast und der Kasseler Schlagwerker Olaf Pyras beim „Literarischen Frühling“ an einem warmen Frühsommerabend einluden. 

Der zum Hörsaal umfunktionierte Kuhstall in Ellershausen, „wo früher dem alten Bauern Metz abends hunderte von Mücken um die Stalllaterne schwirrten“, so Festival-Moderator Klaus Brill bei der Begrüßung, war dazu genau der richtige Ort.

Nutzen auch ungewöhnliche Gegenstände zum Musikmachen: Michael Quast mit Fliegenpatsche.

Nur: Die Welt der Insekten ist seitdem kleiner geworden. „Jede zweite der 570 Wildbienenarten in Deutschland ist bedroht; Zeit, Alarm zu schlagen – womit könnte man das besser als mit Poesie und Musik?“ fragte Brill. Die Künstler fanden dazu ihren eigenen, faszinierenden, manchmal sogar geradezu magischen Weg, um mit einer „Poesie der Insekten“, aber auch kritischen Sachtexten gegen das durch Pestizide verursachte Massensterben anzugehen.

Die Literaturbeispiele, die Quast dafür ausgewählt hatte, reichten von Peter Handkes melancholischer „Obstdiebin“ bis zu Robert Gernhardts fröhlicher „Rede vom vermeintlichen Ende einer Fliege“, von Wilhelm Buschs „Mückenpack“ bis zu Robert Musils „Fliegenpapier“. Am Ende stand auch das aktuelle FAZ-Interview mit Senckenberg-Direktor Volker Mosbrugger zum Bienentod und dem Leiden der Pflanzen, die auf Insektenbestäubung angewiesen sind („Das Artensterben kostet drei Billionen Euro“).

Die literarische Entdeckung des Abends war für die Besucher aber das Werk des zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, akademisch vielfach geehrten französischen Insektenforschers Jean Henri Fabre (1823-1915). Michael Quast gelang es mit differenzierten Zwischentönen, Fabres Beobachtungen zwischen liebevoller Poesie und präzisem Seziermesser ins Ohr zu rücken, Bilder vom „Kompaniegeschäft“ zweier Pillendreher oder der mütterlichen „Schmeißfliege“ wie mit dem Lupenglas vor Augen zu führen.

Alles im Reich der Summer und Schwirrer, so demonstrierten die beiden Künstler, hat Klang und Rhythmus: Bei ihnen wird selbst nüchternste Prosa wie die Gattungsliste der Heuschreckenarten zum feinen Sprachspiel, in Peter Altenbergs „Sommerschwüle“ mischte der kreative Komponist Olaf Pyras flirrende Xylofonklänge, er ließ mit Glasfiberstäben Flügel flattern und entlockte dem Paukenfell dunkles Brummen. Eine Perkussionskollage der leisen Töne, die Quast und Pyras vereint inszenierten, reichte ganz tief in das Insektenreich hinein.

Das Publikum bejubelte am Ende eine höchst beeindruckende „Welturaufführung in Ellershausen“, so Moderator Klaus Brill.

Quelle: HNA

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