Einwohner sammeln Ideen

Löhlbacher wollen Asylbewerbern helfen

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Viele Flüchtlinge suchen in Europa eine bessere Zukunft. Wer nach Hessen möchte, wird zuerst im Notaufnahmelager in Gießen untergebracht. Von dort erfolgt die Unterbringung in kleineren Einrichtung – etwa in jener in Löhlbach.Foto: Arne Dedert/dpa

Haina-Löhlbach - Die Flüchtlingsströme nach Europa reißen nicht ab - und auch kleine Kommunen bekommen Menschen in Not zugeteilt. Nicht überall wird das mit Freude gesehen. Löhlbach aber will ein Zeichen setzen: Die Dorfgemeinschaft möchte den Neubürgern einen Weg in die Gesellschaft ebnen.

Lisa Ritter beugt sich über drei Menschen, die mit rehgroßen Augen verschreckt und zugleich hoffend in die Runde schauen. Die junge Löhlbacherin flüstert leise, langsam und in Englisch auf zwei Frauen und einen Mann ein, die noch vor wenigen Monaten um ihr Leben fürchteten. Die im besten Falle abenteuerliche, üblicherweise aber gefährliche Reisen auf sich genommen haben, um endlich nach Europa zu kommen. Deutschland heißt ihr Ziel - und Löhlbach das Dorf, in dem sie behördlich untergebracht wurden.

Lisa Ritter übersetzt - während drum herum Löhlbacher sitzen, die helfen wollen. Sie wissen nur noch nicht so genau, wie. „Das ist für uns alles noch sehr neu“, lässt eine der Asylbewerberinnen Lisa Ritter übersetzen. Doch auch für die Dorfbewohner ist das alles noch sehr neu.

Noch vor einem Jahr hat kaum jemand im Dorf daran gedacht, dass schon bald Flüchtlinge ein Teil des Alltags sein sollten. Dann überschlugen sich die Ereignisse in Syrien, das Ehepaar Möller verkaufte zeitgleich seine alte Gaststätte an die privaten Investoren Holger Kaiser und Armin Wagner, die bereits andere Flüchtlingsunterkünfte betreiben - und im Sommer waren die ersten Bewohner plötzlich einfach da. 33 Menschen, die ihr altes Leben hinter sich gelassen haben, wohnen inzwischen in dem Gasthaus. Die Unterkunft ist damit voll: voller Ungewissheit, voller Sorge, aber auch voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Leichte Fragen - schwierige Antworten

Sorgen und Ungewissheit wollen die Löhlbacher den Neuankömmlingen nehmen - und zumindest die Chance auf eine bessere Zukunft eröffnen. Unter der Leitung von Ulrike Ritter von der Kirchengemeinde wird daher überlegt, wie die Löhlbacher helfen können. Was wird gebraucht? Wie können Kleiderspenden gut organisiert werden? Wie kann den Flüchtlingen bei Formularen geholfen werden? Und wie lernen sie Deutsch? Wo erhalten sie religionskonforme Lebensmittel? Wo können sie beten? Und wie kommen sie da überhaupt hin?

Es sind viele Fragen, die einfach klingen - auf dem Dorf aber alles andere als einfach zu beantworten sind. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden: In Bad Wildungen sorgen sich bereits seit einem Jahr ganz normale Bürger um die Gäste. Ute Claßen und Armin Heyden geben den Löhlbachern daher Hinweise, mit welchen Problemen sie zu kämpfen hatten - und zum Teil noch immer haben.

„Sprache ist der Schlüssel zu allem“, sagen sie - und das haben auch die Löhlbacher als erstes bemerkt. Es ist nicht nur Übersetzerin Lisa Ritter, die hilft, eine der schwersten europäischen Sprachen zu vermitteln. Einige Frauen organisieren derzeit regelmäßigen Unterricht. Doch Lehrerin ist keine von ihnen. „Auch bei uns gibt es keine Lehrer“, beruhigt Claßen - und erklärt, wie in der Kurstadt das freiwillige Angebot verstetigt wurde, wie die Flüchtlinge je nach Schrift- und Englischkenntnisse in Gruppen eingeteilt wurden.

Dass Deutsch ein Problem ist, ist selbstverständlich. Aber wie helfen, wenn der Flüchtling auch kein Englisch kann? Wenn er nicht mal die lateinische Schrift beherrscht? „Da fängt man bei Null an“, sagt Claßen. Es sind Probleme, vor denen die Helfer nie zuvor standen. Die aber angegangen werden müssen, da die von Landkreis angebotenen Deutschkurse nicht ausreichen, um den mittlerweile mehr als 600 Flüchtlingen die Sprache ihres Gastgeberlandes näherzubringen.

Und doch ist das Deutschlernen einer der Punkte, den die Dorfgemeinschaft bereits ganz gut organisiert hat. Es drängen andere Fragen. „Die Frauen brauchen Wintermäntel, die Männer Hosen“, sagt Lisa Ritter, nachdem sie für einige Momente den eindringlichen Worten einer jungen Afghanin zugehört hat. Es ist das, was Uwe Kretschmer, Flüchtlingsberater des Diakonischen Werkes, als beste Herangehensweise bezeichnet: „Hören Sie auf die Wünsche der Flüchtlinge“, rät er den Löhlbachern - denn nicht immer sei jede Idee zur Hilfe in ihrer Umsetzung auch echte Hilfe.

Die Kleiderspenden wurden etwa bislang direkt an das ehemalige Gasthaus Möller gebracht. „Es gibt aber offenbar eine Familie, die die Spender abpasst und sich die Kleidung holt“, übersetzt Ritter die Klage einer jungen Frau mit Kopftuch. Einfache Lösung des Problems: Renate Wilhelmi bietet ab sofort in einem kleinen Lädchen unterhalb der Bäckerei Metz dienstags von 15 bis 16 Uhr gespendete Kleidung für die Flüchtlinge an. Jeder hat die gleichen Chancen. „Und so weiß auch jeder im Dorf, wo er Kleidung hinbringen kann“, sagt sie. Ein Anruf bei ihr genügt.

Sicherheit ist ein Problem in der Unterkunft

Ein Problem kann die Dorfgemeinschaft allerdings nicht lösen. „We have fear“, sagt die junge Afghanin - wir haben Angst. Mussten sich Flüchtlinge vor 20 Jahren in Deutschland oft vor rechter Gewalt von außerhalb fürchten, kommt die Angst in Löhlbach wohl aus dem Haus. Einige Polizeieinsätze soll es nach Informationen der Frankenberger Zeitung bereits gegeben haben: Zwei junge Maghrebiner belästigen die Mitbewohner. Nachts könnten die Kinder und die Frauen kaum unbelästigt auf die Gemeinschaftstoiletten, lässt die junge Frau berichten. Die Küche scheint zu gewissen Zeiten nicht zu betreten zu sein. „Und sie verkaufen in der Unterkunft Sachen, die sie im Laden geklaut haben“, übersetzt Lisa Ritter. Julia Pietsch, die beim Landkreis für die Versorgung der Flüchtlinge zuständig ist, verweist auf die privaten Betreiber: Sie hätten das Hausrecht, sie müssten für die Sicherheit der Bewohner aufkommen.

Doch insbesondere der letzte Punkt - der Verkauf gestohlener Lebensmittel - könnte leicht unterbunden werden. „Die Flüchtlinge wollen mobil sein“, berichtet Armin Heyden aus Wildunger Erfahrung. Dabei bietet die Stadt deutlich mehr Angebote, als Löhlbach - oder die vielen anderen Dörfer im Kreis, die plötzlich dutzende neue Bewohner bekommen. Essen „halal“, also nach islamischen Recht zulässig, gibt es erst wieder in Frankenberg. Ebenso eine islamische Gemeinde. Aber den Bus zu zahlen - das kann ein Flüchtling sich von seinem schmalen Budget kaum leisten. Vor allem dann, wenn zugleich ein Anwalt bezahlt werden muss. Denn ohne sinkt die Chance auf Asyl signifikant. Eine Monatskarte aber erhalten sie nicht. Doch die Löhlbacher lassen sich auch von derart bürokratischen Hürden nicht vom Helfen abschrecken. Sie denken über Fahrgemeinschaften nach. Ganz pragmatisch.

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