B 508n soll im Bundesverkehrswegeplan Status „vordringlicher Bedarf“ erhalten

Lücke zwischen Erndtebrück und Frankenberg von zwei Seiten schließen

Waldeck-Frankenberg - Der schnelle Ausbau der Nord-Süd-Achse B 252 von Rhoden bis Lahntal hat Priorität, gedanklich sind Politik und Wirtschaft aber schon einen Entwicklungsschritt weiter: Eine Bundesstraße 508n von Erndtebrück bis Frankenberg soll die Verkehrsinfrastruktur auch von West nach Ost verbessern.

Karl-Friedrich Frese machte keinen Hehl daraus, dass er, und vermutlich viele der Bürgermeisterkollegen, ohne die Initiative von Klaus Gantner vom Arbeitskreis der Wirtschaft für Kommunalfragen einen schwerwiegenden Fehler begangen hätten. „Ansonsten wäre versäumt worden, dieses wichtige Projekt für den neuen Bundesverkehrswegeplan anzumelden.“ Er sei dem AFK-Vorsitzenden deshalb dankbar, dass er das Thema „so beharrlich beackere“, sagte der Bromskirchener.

Gantner räumte ebenfalls ein, dass in der Öffentlichkeit das jahrzehntelang diskutierte Thema Autobahn 4 durch Waldeck-Frankenberg als Lückenschluss zwischen Olpe und Hattenbach zuletzt etwas in den Hintergrund geraten sei. Dabei sei eine leistungsfähige West-Ost-Verbindung doch so wichtig für die Region (siehe nebenstehenden Text). Umso mehr freue er sich über diese „bemerkenswerte Einigkeit in der Region“.

Heute endet für die hessischen Städte und Gemeinden die Anmeldefrist für sämtliche Projekte, die in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden sollen. Geplant ist, das Entwicklungskonzept, das Grundlage für den Bau oder Ausbau der Verkehrswege in Deutschland ist, 2015 vorzulegen.

Acht der zehn Kommunen im Frankenberger Land machen sich in ihrem Antrag an das Land für einen zügigen Ausbau der großen Verkehrswege durch den flächengrößten Landkreis Hessens stark. Die Stadt Hatzfeld reagierte nach Angaben von Gantner nicht auf die Einladung zu der konzertierten Aktion der Kommunen und der Wirtschaft. Die Stadt Frankenau war nicht eingebunden, weil sie nicht von der Trasse betroffen ist.

Aus Autobahn 4 wird B508n

Mit Verweis auf die Straßenkarte stellte Gantner klar: „Wir liegen in der Mitte der Schallplatte. Die Musik spielt um uns herum.“ Doch er sei zuversichtlich. Der Ausbau der Bundesstraße 252 im Norden Marburg-Biedenkopfs „ist bereits eingestielt“. Er rechne damit, dass die Umgehungen zwischen Lahntal und Münchhausen spätestens in fünf Jahren umgesetzt seien. Unverständlich sei die Verzögerung in Dorfitter, wo seit anderthalb Jahren Baurecht für eine B 252-Umgehung bestehe, „der Geldmangel“ jedoch verzögere. Auch die Berndorfer Ortsumgehung müsse realisiert werden. Dafür habe der Ausbau der B 253 über die Sackpfeife inzwischen begonnen.

Doch nicht nur diesen Projekten, sondern auch dem Lückenschluss zwischen Olpe und Hattenbach messen Politik und Wirtschaft höchste Priorität bei. Die Städte und Gemeinden fordern deshalb die Einstufung des Projekts B 508n in der Kategorie „vordringlicher Bedarf“ im Bundesverkehrswegeplan.

Hervorgegangen ist die Idee einer zum Teil dreispurigen Bundesstraße zwischen Kreuztal und Frankenberg aus der Diskussion um die Autobahn 4.2009 wurde eine Broschüre „Entwicklungsachse Kreuztal-Hattenbach“ präsentiert, Ende 2009 brachte das Bundesverkehrsministerium eine B508n ins Gespräch, im Mai 2010 setzte der damalige Wirtschaftsminister Posch für Hessen jedoch ein Stoppschild. Die Erklärung: Der Bundesstraße zwischen Erndte­brück und Frankenberg attestierte er eine „gute Verkehrswirkung“, die Wirkung östlich von Frankenberg bis zur Autobahn 49 sei jedoch nur gering.

Die Städte und Gemeinden im Osten von Nordrhein-Westfalen hielten jedoch an einem Ausbau fest: Gestartet wurde eine Bewegung „Route 57“, die in vier Bauabschnitten einen Lückenschluss zwischen Kreuztal und Schameder östlich von Erndte­-brück verfolgt. „Nordrhein-Westfalen hat Fakten geschaffen, sie kommen uns mit den Ortsumgehungen entgegen“, erklärte Gantner gestern bei der Zusammenkunft der Bürgermeister, des Landrats und Vertreter der Wirtschaft den Planungsstand. „Unser Ansatz ist jetzt, diese Verbindung aufzunehmen und durch Ortsumgehungen bis Frankenberg die gesamte Region an das überregionale Verkehrsnetz anzuschließen.“

Die Wirtschaft in der Region sowie die IHK Siegen-Wittgenstein haben eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Variante eins wäre 620 Millionen Euro teuer, da im Rothaargebirge ein 11,9 Kilometer langer Tunnel gebaut werden müsste. Variante zwei, die in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden soll, kostet laut Gantner 287 Millionen Euro, wobei das Projekt auf hessischer Seite mit rund 150 Millionen Euro für 41,6 Kilometer zu Buche schlagen würde. „Und diese Variante ist laut Studie auch ökologisch vertretbar.“ Der Gutachter sieht keine großen planungsrechtlichen Hürden. Verlaufen würde die B508n von Schameder nördlich an Bad Laasphe vorbei, um Hatzfeld herum und ab Laisa weiter auf der B253 bei Battenberg und Allendorf in Richtung Frankenberg. „Dieser Abschnitt müsste ertüchtigt werden“, erklärte der AFK-Vorsitzende. Vor allem in Steigungsabschnitten sind drei Spuren vorgesehen.

Auch wenn die Verkehrsmengen aktuell den Bau einer neuen Straße zwischen Frankenberg und der Autobahn 49 bei Stadtallendorf noch nicht rechtfertigen, ist Regierungspräsident a. D. Lutz Klein überzeugt, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird. „Wenn die A 49 fertig ist, wird sich der Verkehr neue Wege in Richtung Westen suchen“, prognostizierte er. „Und die führen vermutlich durch die Bunstruth in Richtung Frankenberg.“ Gänzlich dürfe der Anschluss in Richtung Osten nicht aus den Augen verloren werden.Zunächst steht für die Bürgermeister und die Wirtschaftsvertreter der westliche Abschnitt dieser B 508n auf der Agenda. Gantner sieht keinen Grund, nicht optimistisch zu sein. „Wer hätte vor drei Jahren gedacht, dass wir im Süden der B 252 jetzt den Spatenstich machen.“

Die Stimmen aus der Politik:

Für Landrat Dr. Reinhard Kubat ist die „wirtschaftliche Entwicklung von der Erschließung des Raumes abhängig“. Den Ausbau der B 252 mit Umgehungen bezeichnete er als den „wichtigsten Entwicklungsstrang der nächsten fünf Jahre“. Für den Kreisteil Frankenberg sei jedoch die „B 508n dringend notwendig“. Als richtig bezeichnete er das System, auf Umgehungen zu setzen.

Der Kreisbeigeordnete Hermann Hirth wies auf die Koalitionsvereinbarung von SPD und Grünen hin: „Eine klare Absage an eine A4 und an Schnellstraßen.“ Doch der Bau von Umgehungen werde Mehrheiten finden.

Den Bau der B508n bewertet Bromskirchens Bürgermeister Karl-Friedrich Frese als „unentbehrlich“. Firmen wie Ante oder Hoppe hätten ein existenzielles Interesse.

Battenbergs Bürgermeister Heinfried Horsel ist der Überzeugung: „Wenn es den Unternehmen gut geht, geht es den Menschen gut, weil sie Arbeitsplätze haben.“

„Die große Lösung Autobahn wird es nicht geben. Deshalb ist es wichtig, mit kleinen Maßnahmen zum Erfolg zu kommen“, erklärte Frankenbergs Bürgermeister Rüdiger Heß.

Gemündens Bürgermeister Frank Gleim brach eine Lanze: „Die Kommunalpolitik muss sich zur Wirtschaft positionieren.“

Den Bau der B508n befürwortet Hainas Bürgermeister Rudolf Backhaus, „mir fehlt nur der Glaube daran, dass sie schnell realisiert wird“. Kleine Gruppen könnten solche Projekte über Jahrzehnte verzögern. „Das ist keine gelebte Demokratie.“ Es dürften auch bei diesem Projekt „nicht sofort wieder Kammmolche oder Alpenveilchen gesucht werden“, da die Bevölkerung die Verbesserung der Infrastruktur begrüße.

Allendorfs Bürgermeister Claus Junghenn verwies auf die geringe Arbeitslosigkeit. Es sei nicht auszudenken, „welches Entwicklungspotenzial wir hätten, wenn wir eine Autobahn hätten“.

Für Rosenthals Bürgermeister Hans Waßmuth ist eine gute Infrastruktur das A und O, „um die Jugend nicht in die Ballungsräume zu verlieren“. Auch für den Tourismus seien Straßen wichtig. „Denn wer in die Natur will, braucht Wege dafür .“

Die Stimmen aus der Wirtschaft:

FingerHaus sei „in hohem Maße vom Ziel- und Quellverkehr abhängig“, sagte Geschäftsführer Klaus Cronau. „Ob in Nord-Süd- oder in Ost-West-Richtung, es muss etwas getan werden.“ Die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur sei wichtig für das Frankenberger Unternehmen. „Wir haben 2010 und 2012 viel investiert und damit auch ein Bekenntnis zur Region abgegeben.“ Insofern begrüße er den Standpunkt der Politik, bei B 252 und B 508n Geschlossenheit zu demonstrieren.

Wolfram Klawe, Vorsitzender des Regionalausschusses Waldeck-Frankenberg, wies auf die Bedeutung der Infrastruktur vor dem Hintergrund des demografischen Wandels hin. „Wir müssen Zeichen setzen, dass wir Unternehmen für die Fachkräfte von außerhalb gut zu erreichen sind“, sagte der Unternehmer aus Löhlbach.

Der stellvertretende AFK-Vorsitzende Günter Beil wies auf „den Verkehrsdruck“ von Westen hin, der auf die Gemeinde im oberen Edertal immer größer werde. „Ob die das ohne gute Verkehrswege aushalten, mag ich zu bezweifeln.“ Insofern sei der Bau einer B 508n eine Maßnahme zur Steigerung der Lebensqualität.

AFK-Vorstandsmitglied Friedhelm Neef ist überzeugt: „Wenn der Kreis wettbewerbsfähig bleiben will, muss er auch verkehrlich angeschlossen sein.“ Wenn dies nicht gelinge, „werden wir als Kreis abgehängt“.

Von Rouven Raatz

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